Predigt

(Pastor Gert Kelter am Sonntag Sexagesimae 2002)

Gottes Wort ist die Autorität.

Und Paulus sah eine Erscheinung bei Nacht: ein Mann aus Mazedonien stand da und bat ihn: Komm herüber nach Mazedonien und hilf uns!
Als er aber die Erscheinung gesehen hatte, da suchten wir sogleich nach Mazedonien zu reisen, gewiß, daß uns Gott dahin berufen hatte, ihnen das Evangelium zu predigen.
Da fuhren wir von Troas ab und kamen geradewegs nach Samothrake, am nächsten Tag nach Neapolis und von da nach Philippi, das ist eine Stadt des ersten Bezirks von Mazedonien, eine römische Kolonie. Wir blieben aber einige Tage in dieser Stadt.
Am Sabbattag gingen wir hinaus vor die Stadt an den Fluß, wo wir dachten, daß man zu beten pflegte, und wir setzten uns und redeten mit den Frauen, die dort zusammenkamen.
Und eine gottesfürchtige Frau mit Namen Lydia, eine Purpurhändlerin aus der Stadt Thyatira, hörte zu; der tat der Herr das Herz auf, so daß sie darauf achthatte, was von Paulus geredet wurde.
Als sie aber mit ihrem Hause getauft war, bat sie uns und sprach: Wenn ihr anerkennt, daß ich an den Herrn glaube, so kommt in mein Haus und bleibt da. Und sie nötigte uns. (Apostelgeschichte 16, 9-15)

Liebe Brüder und Schwestern,

meine Bundeswehrzeit habe ich in guter Erinnerung, weil sie mir als Befreiung von den Zwängen des Elternhauses und der Schule erschien. Merkwürdig, weil ich diese Freiheit sozusagen damit bezahlte, daß ich mich ein System von Ordnungen, Regeln und in eine Hierarchie einordnete, die mir - genau besehen - die meisten Freiheiten und damit auch die meisten Entscheidungen abnahm. Ich weiß noch gut, wie ich in den ersten Wochen meines Studiums neidvoll den Lastwagen hinterherblickte, die Rekruten in Trainingsanzügen zur Standortbekleidungskammer transportierten, während ich schon wieder in der Mühle der täglichen Entscheidungen steckte: Statt mich bei den Stadtwerken anzumelden, beim Einwohnermeldeamt meine Adressenänderung mitzuteilen, meinen Alltag zu planen, griechische Vokabeln zu lernen, daneben einzukaufen und zu kochen, die Studentenbude sauber zu halten, hätte ich viel lieber den geregelten Bundeswehralltag wieder gehabt mit Feierabend um halb vier, einer zünftigen NATO-Pause um 10, Kantinenessen und Licht aus um 22 Uhr.

Es scheint zu den größten Errungenschaften unserer Zivilisation zu gehören, daß wir Wahlfreiheit haben. Immer dann, wenn man diese Freiheit nicht hat, erscheint die freie Wahl als höchst erstrebenswert. Aber nach einer Zeit der nahezu grenzenlosen Wahlfreiheit sehnt man sich nach Klarheit, nach Führung, nach einer verläßlichen Autorität, die zeigt, wo es langgeht.

Wer hätte nicht schon über einem Stapel von Reisekatalogen gestöhnt und schließlich resigniert gedacht: Am besten, wir bleiben dieses Jahr zuhause. Oder: Sag du einfach, wo wir hinfahren, ich fahr mit, mir ist es jetzt egal. Die Palette der Möglichkeiten ist so groß, daß es manchem so geht wie dem Esel, der zwischen zwei Heuhaufen verhungert, weil er sich nicht entscheiden kann, welchen er zuerst verspeisen soll.

Wahlfreiheit setzt bei dem, der die Wahl hat, Eigenverantwortung, Entscheidungsfreudigkeit, kritisches Urteilsvermögen, höchstmögliche Informiertheit und Risikobereitschaft voraus. Das sind Eigenschaften, die längst nicht jeder hat. Vor die Wahl gestellt, braucht man diese Qualitäten aber, um nicht überfordert zu werden, um die Wahl nicht als Qual zu empfinden.

Immer mehr Menschen können heute die fast absolute Wahlfreiheit nicht mehr als angenehm empfinden. Im Gegenteil: Die Sehnsucht nach vertrauenswürdigen Autoritäten, denen man sich anvertrauen, an die man sich anlehnen, denen man folgen kann, wächst.

Und im selben Umfang, wie diese Sehnsucht wächst, nehmen auch die Enttäuschungen zu, die entstehen, wenn sich solche vermeintlichen Autoritäten als unzuverlässig, als mangelhaft, betrügerisch erweisen. Das Wort „Politikverdrossenheit" spricht eine deutliche Sprache. Und auch die Verweigerungshaltung vieler Menschen gegenüber jeder Form von Autorität hat möglicherweise ihren Ursprung gerade in einer tiefen Sehnsucht nach echter, nach bewährter und tragfähiger Autorität, die nur immer wieder enttäuscht wurde und schließlich zu einer völligen Ablehnung jeglicher Autorität führte.

Liebe Gemeinde, als Christen haben wir eine zuverlässige Autorität, einen Führer und eine Führung, die uns nicht enttäuschen wird, wenn wir uns ihr anvertrauen. Wir haben diese Autorität im Wort Gottes, in dem und durch das Christus selbst gegenwärtig ist und uns anspricht. Aber es kommt darauf an, daß wir uns erstens dieser Autorität auch vorbehaltlos anvertrauen und daß wir zweitens im Schwall der vielen Wörter ein Empfangsorgan für das eine, wahre, zuverlässige Wort bewahren.

Wir haben eben den Bericht über die Gründung der ersten christlichen Gemeinde in Europa, etwa im Jahr 50 nach Christus, gehört. Sie ist nicht das Ergebnis der sorgfältigen Strategieplanung des Apostels Paulus. Der Apostel denkt, aber Gott lenkt. Und der Apostel Paulus wäre nicht nach Philippi, nicht an den Fluß Gangites, nicht in das Haus der Lydia gelenkt worden, wenn es nach seinem Denken, Planen und Wollen gegangen wäre.

Geplant war die Missionierung Kleinasiens. Aber zweimal mußte Paulus erkennen: Der Geist Gottes setzt meinen Plänen hier Grenzen. In der Provinz Asien stießen Paulus und seine Begleiter vor Mauern. Dann wollten sie nach Bithynien, aber „der Geist Jesu ließ es ihnen nicht zu", wie Lukas berichtet.

Statt dessen hatte der Apostel ein „Gesicht", eine Traumerscheinung. Ein Mann, der - ob durch seine Sprache oder durch seine Kleidung erkennbar oder weil man soetwas im Traum eben einfach weiß - ein Mazedonier war, ruft „Komm herüber nach Mazedonien und hilf uns".

Für einen gesetzestreuen und schriftkundigen Juden wie Paulus war es alles andere als selbstverständlich, ausgerechnet in einem Traum mit größter Gewißheit Gottes Stimme, Gottes Wort, seine Anrede, seinen Auftrag und seine Wegweisung zu erwarten. Im Gegenteil: Das Alte Testament warnt davor, sich auf Träume und Traumdeutungen einzulassen. Übrigens eine Warnung, die bis heute und auch für uns gilt.

Dennoch nutzt Gott auch das Träumen, um seinem Wort Geltung und Nachdruck zu verschaffen. Wir dürfen nicht vergessen: Paulus kannte einerseits den Missionsbefehl Jesu, nach dem das Evangelium allen Völkern verkündigt werden sollte. Und andererseits war er Kind seiner Zeit, geprägt durch Erziehung und Konventionen. In dieser Spannung zwischen dem Anspruch des Wortes Gottes und den eigenen menschlich-geschichtlichen Begrenztheiten träumt er eine Grenzüberschreitung und wird durch den Traum gewiß, daß Gottes Wort, der Auftrag Jesu Christi verbindlicher, zuverlässiger, entscheidender ist, als seine sicherlich vorhandenen Vorbehalte und Ängste, seine mangelnde Risikobereitschaft, seine Zweifel und vor allem auch seine eigenen Pläne.

Was Paulus träumt, zu dieser unumstößlichen Gewißheit gelangt er, widerspricht nicht dem Wort Christi, sondern entspricht ihm in vollem Umfang.

Aus dem Traum erwacht, machen sich die Missionare tatsächlich auf nach Europa, in die Provinzhaupstadt Philippi und begeben sich auf die Suche nach der Synagoge. Wir sehen: Der Traum führte zwar zur Grenzüberschreitung, zu einem ersten weiteren Schritt, aber nicht weiter: Zunächst verläuft alles wie gehabt: Ansprechpartner für die christliche Mission sind natürlich die Juden, denen man ihren Messias verkündigen will. Menschliches Denken und göttliches Lenken sind nicht säuberlich zu trennen, sondern bleiben verzahnt. Aber es gibt in Philippi keine Synagoge. Hatte man den Traum falsch gedeutet, war es ein Trugschluß, verwehrt ihnen Gottes Geist wieder einmal den Weg? Diese Zweifel mögen sich eingestellt haben. Die Männer stehen vor der Entscheidung: Zurück in vertraute Provinzen, die Sicherheit wählen oder der einmal aus Gottes Wort erlangten Gewißheit zu folgen, auch wenn Ängstlichkeit, Zweifel und menschliche Vernunft dagegen zu stehen scheinen. Man versucht den Kompromiß, bleibt in Philippi aber begibt sich - selbstverständlich am Sabbat, dem Feiertag der Juden - zum Flüßchen Gangites, wo man, wenn überhaupt, Juden beim Gebet erwartet, da fließendes Wasser für die rituellen Reinigungsbäder notwendig war. Erwartet hatten sie vermutlich die mindestens zehn jüdischen Männer, die nötig sind, um einen gültigen Gottesdienst feiern zu können. Aber sie treffen nur Frauen an. Wieder eine heikle Entscheidungssituation. Männliche jüdische Haushaltsvorstände als autoritative Multiplikatoren für das Evangelium hätte man sich gewünscht. Dennoch bleiben sie und erzählen von dem, was sie bewegt, von Jesus Christus. Kein Mann, keine europäische Frau, nicht einmal eine Jüdin, sondern eine Ausländerin aus Thyatira in der asiatischen Provinz Lydien, eine Alleinstehende zu allem Überfluß ist es, „der Gott das Herz auftat, sodaß sie darauf achthatte, was von Paulus geredet wurde."

Liebe Gemeinde, es ist wirklich oft so, daß man dort, wo man mit glühendem Eifer und innerer Begeisterung eine Sache angeht, vor Mauern stößt und keinen Erfolg sieht, aber gerade da, wo man aus Pflichtgefühl einen Dienst nach Vorschrift leistet, eher lustlos eine Gehorsamsübung verrichtet, die einen nicht wirklich berührt, plötzlich erkennt, daß etwas „ankommt", daß ein Funke überspringt, ein offenes Herz trifft und dann auch wieder, einen selbst begeisternd und anstachelnd, zurückspringt.

Und man muß einmal mehr erkennen: Es liegt nicht an meinem Wollen oder Können, sondern Gott hat gewirkt und mich aus purer Gnade als sein Werkzeug gebraucht.

Es kam auch hier erstens alles ganz anders und zweitens als man denkt und das so schnell, daß Lukas in der Apostelgeschichte nur noch meldet: ‚Als Lydia mit ihrem Hause getauft war, bat sie uns und sprach: Wenn ihr anerkennt, daß ich an den Herrn glaube, so kommt in mein Haus und bleibt da. Und sie nötigte uns.’

Und so entsteht die erste christliche Gemeinde in Europa im Haus einer kleinasiatischen, nichtjüdischen Gottesucherin, einer alleinstehenden, wenn auch wohlhabenden Geschäftsfrau, die ganz offensichtlich resolut und gegen alle Konvention den Apostel dazu bringt, seine ehernen Grunsätze über Bord zu werfen. Eigentlich wollte er ja sein Leben nur mit seiner Hände Arbeit selbst bestreiten. Jetzt kippt er um und nimmt die Gastfreundschaft Lydias an. Daraus spricht schon fast so etwas wie göttlicher Humor.

Liebe Mitchristen, wer sich der Führung Gottes durch sein Wort anvertraut, der erhält keinen göttlichen Lebensplan an die Hand, an der man immer im voraus ablesen kann, was die nächste Station sein wird. Aber der gelangt zu dem Ziel, das Gott bestimmt hat.

Das Reich Gottes ist dabei keine Bundeswehr mit für alle klar ersichtlichen Regeln und Strukturen, wo einem jede Entscheidung abgenommen wird und wir um den Preis der Freiheit ein bequemes, weil sicheres Leben führen. Gott will von uns keine bedingungslose Unterwerfung, sondern Vertrauen. Und er schenkt uns dafür Gewißheit und Geborgenheit. Das eigene Denken und Planen nimmt er uns nicht ab, sondern nimmt es in Gebrauch. Er wirkt und handelt souverän durch sein Wort. Manchmal im Einklang mit unseren Plänen und Erwartungen, manchmal komplett dagegen und manchmal durch sie hindurch und doch ganz anders. Die Frage ‚Sicherheit oder Gewißheit?’ wird dadurch entschieden, ob wir uns der Führung Gottes anvertrauen und die Spuren seines Wirkens in unserem Leben erkennen, sie auch erwarten, oder ob wir nur darauf aus sind, Bestätigungen unserer eigenen Vorstellungen zu finden.

„Mit Sorgen und mit Grämen und mit selbsteigner Pein läßt Gott sich gar nichts nehmen, es muß erbeten sein ." Amen.