Predigt

(Pastor Gert Kelter am Sonntag Rogate 2002)

Gott in seinen Verheißungen ergreifen.

Der HERR sprach aber zu Mose: Geh, steig hinab; denn dein Volk, das du aus Ägyptenland geführt hast, hat schändlich gehandelt. Sie sind schnell von dem Wege gewichen, den ich ihnen geboten habe. Sie haben sich ein gegossenes Kalb gemacht und haben's angebetet und ihm geopfert und gesagt: Das ist dein Gott, Israel, der dich aus Ägyptenland geführt hat.
Und der HERR sprach zu Mose: Ich sehe, dass es ein halsstarriges Volk ist. Und nun lass mich, dass mein Zorn über sie entbrenne und sie vertilge; dafür will ich dich zum großen Volk machen.
Mose aber flehte vor dem HERRN, seinem Gott, und sprach: Ach HERR, warum will dein Zorn entbrennen über dein Volk, das du mit großer Kraft und starker Hand aus Ägyptenland geführt hast?
Warum sollen die Ägypter sagen: Er hat sie zu ihrem Unglück herausgeführt, dass er sie umbrächte im Gebirge und vertilgte sie von dem Erdboden? Kehre dich ab von deinem grimmigen Zorn und lass dich des Unheils gereuen, das du über dein Volk bringen willst. Gedenke an deine Knechte Abraham, Isaak und Israel, denen du bei dir selbst geschworen und verheißen hast: Ich will eure Nachkommen mehren wie die Sterne am Himmel, und dies ganze Land, das ich verheißen habe, will ich euren Nachkommen geben, und sie sollen es besitzen für ewig.
Da gereute den HERRN das Unheil, das er seinem Volk zugedacht hatte. (2. Mose 32,7-14)

Liebe Brüder und Schwestern,

da soll eine Dorfgemeinde ein Fledermausproblem gehabt haben: Im Kirchturm hatten sie sich eingenistet, immer zahlreicher, hartnäckig und mit keinem Mittel zu vertreiben. Die Exkremente der Tiere beschmutzten und verätzten das historische Gebäude und die elektronische Läutanlage war schon mehrfach ausgefallen. Am besten sei es, meinte da zuletzt der Küster, der Pastor solle einfach alle Fledermäuse taufen und konfirmieren; das sei doch erfahrungsgemäß die sicherste Methode dafür, dass die Fledermäuse nie wieder eine Kirche betreten würden.

Liebe Gemeinde, hinter dieser ironischen Anekdote steckt natürlich eine leidvolle Erfahrung vieler Pastoren, aber auch vieler engagierter Gemeindeglieder, Eltern und Paten: Da werden Gottes Gnade und Barmherzigkeit, seine Verheißungen und Zusagen bedingungslos und gratis aus lauter Liebe über die Menschen ausgegossen, aber viele davon drehen sich wenig später um, lassen Gott einen guten Mann sein und gehen eigene, gott-lose und gottferne Wege.

Das ist heute so und das war auch immer schon so, wie die Verse aus dem 2. Buch Mose zeigen, die wir gerade gehört haben. Auch hier das von Gott heißgeliebte Volk beschenkt mit der Befreiung aus der ägyptischen Sklaverei, erlöst und gerettet vor den Nachstellungen des Feindes. Aber kaum wägen sich die Israeliten in Sicherheit, lassen sie Gott Gott sein, pfeifen auf seine Verheißungen, werden ungeduldig und mürrisch. „Was haben wir von einem unsichtbaren Gott, der sich nicht sehen und nicht fassen lässt? Wie lange sollen wir denn noch darauf warten, dass es endlich los geht ins verheißene Land? Wir sehen nichts davon. Wir sehen nur Wüste." Und da machen sie sich eben einen sichtbaren, greifbaren Gott, der zwar nicht von selbst vor ihnen herzieht und ihnen zeigt, wo es lang geht, den sie aber vor sich hertragen können, dem sie zeigen können, wo es lang geht. „Das ist dein Gott, Israel, der dich aus Ägyptenland geführt hat!" sagen sie sich selbst von diesem Goldenen Stierbild, dem Symbol der Kraft und Fruchtbarkeit. Und dabei zeigen sie auf das Werk ihrer Hände, auf ihre eigene Leistung, auf dieses uralte und doch so moderne Symbol unseres Glaubens an uns selbst, an die Machbarkeit aller Dinge.

Der an unserer Gottvergessenheit leidende Gott - er zeigt sich nicht erst im leidenden und sterbenden Gottessohn am Kreuz; die Kreuzigung Gottes beginnt schon ganz am Anfang in der Wüste.

Gottes Leiden hat viele Facetten. Eine davon nennt sich „Zorn". Gott will so ein Volk nicht, das nichts von ihm will. Er will liebevolle Gemeinschaft mit den Menschen. Und wo die Menschen sich dieser Gemeinschaft entziehen und verweigern, da kann die Bibel auch vom Zorn Gottes reden. „Ich sehe, dass es ein halsstarriges Volk ist. Und lass mich", sagt Gott zu Mose, als wolle er ihn abschütteln wie einen lästigen Bittsteller, „lass mich, dass mein Zorn über sie entbrenne und sie vertilge; dafür will ich dich zum großen Volk machen."

„Halsstarrig" - ein tiefsinniges Bildwort ist das! Dahinter steht die Erfahrung eins Hirten, der seine Schafe ruft und erwartet, dass die Schafe seine Stimme hören und darin die Stimme des guten Hirten erkennen, dass sie „ihre Hälse biegen", sich umdrehen, sich an dieser Stimme orientieren, von ihren Irrwegen ablassen und auf den Weg zum frischen Wasser, zur saftigen Weide und zu Schutz und Sicherheit zurückkehren. Aber die Schafe haben Nackenstarre. Stur geradeaus blicken sie auf ihre selbstgewählten Wege, rennen in ihr Unglück.

Der Zorn des Hirten besteht darin, sie laufen zu lassen, ihnen die fragwürdige Freiheit und Unabhängigkeit zu gewähren, die sie so dringend wollen. Allerdings in dem Wissen, dass sie darin umkommen werden.

Es geht auch anders. Es gibt ja einen, der an Gott festhält, ihm vertraut und ihn nicht loslässt. Mose ist das und er soll zur Keimzelle eines großen Volkes werden, an ihm sollen sich die Verheißungen Gottes dann erfüllen.

Liebe Gemeinde, hätte Mose jetzt selbstzufrieden gesagt: Abgemacht. Hier bin ich und bereit, zum neuen Stammvater zu werden, dann hätte Mose in dieser Sekunde die erste Sekte gegründet. Heilsgewiss zwar, aber auch nach innen gekehrt, hermetisch abgeschlossen und heilsegoistisch: Wer zu mir gehört, ist gerettet. Aber eben auch nur die und die anderen haben eben Pech gehabt.

Aber Mose ist eben kein Sektierer, er denkt „katholisch". Er denkt „allumfassend", „allgemein", „auf das Ganze bezogen". Nichts anderes bedeutet ja die Vokabel „katholisch". Er ist nicht mit sich selbst und seinem Heil zufrieden. Er beginnt, mit Gott zu reden. Mose beginnt für sein Volk, für diese halsstarrigen, gottlosen Selbstverwirklicher zu beten.

Das wichtigste Kennzeichen dieses Gebetes besteht darin, dass er Gott da bei seinem Wort nimmt, ihn an seinen Verheißungen und Zusagen festmacht, sie ihm erinnernd vor Augen und Ohren führt, Gott ganz wörtlich und ganz ernst nimmt: „Du hast so viel für dieses Volk getan, schon so viele deiner Verheißungen erfüllt und wahr gemacht, dein Herzblut hast für Israel vergossen. Sollen die Ägypter sich denn noch im Nachhinein über das Unglück Israels freuen und in ihrer Meinung bestätigt werden, du seiest ein schwacher Gott ohne Kraft und Macht?"

Wörtlich betet Mose zu Gott: „Kehre um und lass dich gereuen." Mit denselben Worten, die Gott selbst als Bußruf zur Umkehr verwendet, ruft Mose den Herrn zur Umkehr und Reue.

Ist das nicht vermessen? Darf man so beten?

Liebe Brüder und Schwestern, Mose bittet Gott in seinem Gebet für Israel, an seinen Verheißungen festzuhalten, sich wieder seinem einmal gegebenen Wort zuzuwenden. Vielleicht halten wir es manchmal für besonders fromm, schicksalsergeben alles widerspruchslos so hinzunehmen, wie es eben kommt. Vielleicht denken wir, es gebe Anliegen, für die man nicht bitten dürfe, weil sie entweder unlogisch oder unmöglich erscheinen. Aber wenn wir von Gott nicht wirklich alles erwarten oder wenn wir ihn in das Raster unserer Vorstellungen, unserer Vernunft und Logik zwingen wollen, dann machen wir nichts anderes als Israel, als es sich ein Goldenes Kalb gegossen hat: Wir fertigen uns ein Gottesbild an: Mit beschränkter Haftung, mit beschränkter Macht, mit beschränkter Liebe und Barmherzigkeit. Vollkommen beschränkt.

Lassen sich Gottes Willen und Gottes Möglichkeiten, unsere Gebete zu hören und zu erhören wirklich beschränken? Manchmal wird beispielsweise kritisch gefragt, ob man eigentlich für die Verstorbenen beten dürfe. Über Heil und Verdammnis, Himmel und Hölle werde doch in diesem irdischen Leben alles endgültig entschieden. Aber lässt sich Gott auf unsere Vorstellungen von Zeit und Raum beschränken? So als müsse Gott sich nach unseren Denkmöglichkeiten richten. Im Grunde heißt das doch: nach dem Tod ist alles aus. Das sagt allerdings auch jeder Heide und das widerspricht der Botschaft des Evangeliums vollständig, die da lautet: Christus ist Sieger über den Tod und hat die Welt überwunden.

Heute hören wir: Mose betet für ein Volk, das bereits tot ist, über das Gottes Urteil gesprochen wurde. Israel ist tot in seiner Sünde, von Gott bereits zum Untergang bestimmt. Nach menschlichem Urteil unumkehrbar. Was wäre denn unumstößlicher, als Gottes Gerichtsurteil? Das Urteil Gottes steht fest: Ich will sie vertilgen. Und das Urteil ist gerecht. Keine Frage. Wäre es da nicht fromm, wenn Mose nun endlich Ruhe gibt, spätestens nach dem ärgerlichen "Lass mich!", das Gott ihm entgegenhält?

Aber Mose gibt keine Ruhe. Er gibt keine Ruhe, weil ihm sein ohne Gott verlorenes Volk keine Ruhe lässt, weil es ihm nicht genügt, selbst errettet zu sein in dem Wissen, dass sein Volk verloren geht und weil ihm der - aus seiner Sicht(!) - bestehende vermeintliche Widerspruch zwischen Gottes Verheißungen und seinem Zorn keine Ruhe lassen.

„Gedenke an deine Knechte Abraham, Isaak und Israel, denen du bei dir selbst geschworen und verheißen hast!".

Liebe Gemeinde, wir können Gott nicht fassen, ihn nicht einwickeln in unsere Vorstellungen, selbst wenn sie noch so fromm und biblisch begründet scheinen. Wir können und wir sollen Gott aber bei seinen Verheißungen ernst nehmen. Darin will er sich nämlich von uns fassen und ergreifen lassen. Das wissen wir zuverlässig, seit Gott in Jesus Christus Mensch geworden ist. Darum sagt der Apostel Paulus im 2. Korintherbrief auch: „Der Sohn Gottes, Jesus Christus, der unter euch durch uns gepredigt ist, der war nicht Ja und Nein, sondern es war Ja in ihm. Denn auf alle Gottesverheißungen ist in ihm das Ja."

Und wenn es tausende und abertausende Gründe gäbe, diesen Verheißungen nicht zu trauen, seien es Vernunftgründe, Erfahrungsgründe oder sogar vermeintlich biblische Gründe: Im Gebet gilt nichts als diese Verheißungen und das Wort Christi: „Was ihr bitten werdet in meinem Namen, das will ich tun, auf dass der Vater verherrlicht werde in dem Sohne."

Am Ende heißt es: „Da gereute den Herrn das Unheil, das er seinem Volk zugedacht hatte."

In mehr als 30 Stellen ist im Alten Testament von der Reue Gottes die Rede. Meist erfolgt sie dann, wenn Israel zuvor umkehrte und Buße tat. Aber eben nicht immer. Und bitte: Pressen wir doch den allmächtigen Gott nicht in ein Schema, das sich aus statistischen Beobachtungen zu ergeben scheint. Machen wir uns doch keine Goldenen Kälber vor lauter selbsterdachter Frömmigkeit. Wir würden uns sonst wohl um den Segen und den Trost des Gebetes bringen.

Als die Zeit erfüllt war, als Gott Mensch wurde und das Leiden an der Sünde bis zum Tod am Kreuz ausgehalten und überwunden hat, da wurde jedes Schema durchbrochen. Seit Christus am Kreuz die Fürbitte für seine Mörder gesprochen hat: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!", seit diesem Augenblick haben wir einen Fürbitter beim Vater, der mehr ist als Abraham und mehr als Mose. Und wenn wir in seinem Namen, also „durch Jesus Christus" zu Gott beten, dann gibt es nichts mehr, was unmöglich wäre, was man nicht beten dürfte und was Gott nicht hören oder erhören könnte. Denn Christus hat verheißen: „Bittet, so werdet ihr nehmen, dass eure Freude vollkommen sei." (Joh. 16, 24) Und diese Verheißung gilt. Amen.