Beichtansprache

(Pastor Gert Kelter am Sonntag Kantate 2002)

Die geistliche Trägheit.

Seid nicht träge in dem, was ihr tun sollt. Seid brennend im Geist. Dient dem Herrn.
(Römer 12, 11)

Liebe Beichtgemeinde,

im alten Mönchtum wurden acht Hauptsünden unterschieden, zu denen auch solche gehören, die wir bis heute als Sünde erkennen und bezeichnen würden. Aber es gibt unter diesen Hauptsünden auch eine, die uns etwas ratlos macht. Das ist die acédia, wie sie auf Lateinisch heißt, die Trägheit oder, wie man früher sagte: die Mittagssünde oder der Mittagsdämon.

Der Begriff „Mittagssünde" weist darauf hin, was gemeint ist: Am Mittag, wenn es am heißesten ist, lässt die Lust zu allem nach, man wird müde und träge. Eine solche innere Lustlosigkeit, Müdigkeit und Trägheit kann auch die Symptomatik einer krankhaften Depression sein. Darum muss man - auch mit sich selbst - sehr achtsam und vorsichtig sein, bevor man hier von Sünde redet. Das könnte im Falle einer echten Depression sogar krankheitsverschlimmernd wirken.

Aber trotzdem: es gibt sie, die acédia, die Trägheit als geistliche Sünde. Es gibt sie bei psychisch gesunden Menschen und vor allem bei solchen, die sich Christen nennen. Und wir sollten nicht zu schnell der Ansicht sein, diese mönchischen Sündenkataloge hätten mit uns und unserem modernen Leben nichts mehr zu tun.

Wenn der Apostel Paulus die Mahnung „Seid nicht träge in dem, was ihr tun sollt" verbindet mit dem Aufruf „Seid brennend im Geist und dient dem Herrn!", dann zeigt das den inneren Zusammenhang zwischen der Trägheit in dem, was wir tun sollen und dem Verlöschen des Feuers des Heiligen Geistes in uns und der Dienstbereitschaft in der Nachfolge Jesu Christi. Diese Form der Trägheit ist also eine geistliche Sünde, die sich direkt auf unser Verhältnis, unsere Beziehung zu Christus auswirkt und damit zusammenhängt.

Aber woran erkenne ich nun, dass ich mich von dieser Trägheit gefangen nehmen lasse, in sie einwillige und darum dieser Sünde auch schuldig werde? Ein banal klingendes Beispiel ist die innere Unlust zum Gottesdienst, zum Gebet, zur Andacht.

Wenn mir der Gottesdienst kein echtes Bedürfnis ist, wenn ich mir davon nichts erwarte, wenn ich ihn als lästigen Einschnitt in meiner Wochenendruhe empfinde. „Bedürfnis" darf hier nicht missverstanden werden als „Gefühl oder Lust". Es gibt sicher immer wieder Tage oder Phasen, in denen ich kein gefühlsmäßiges Bedürfnis empfinde, aber doch ein geistliches Bedürfnis danach habe, weil ich letztlich aus der Gewissheit lebe, der Gaben, die ich im Gottesdienst empfange, zu bedürfen. In dieser geistlichen Gewissheit überwinde ich dann aber die fleischlich-menschliche Lustlosigkeit. Aber wenn diese Gewissheit sich nicht meldet und nicht mehr durchsetzt, dann „brenne ich nicht mehr im Geist". Das heißt: Dann verlange ich nicht nach Vergebung, nach Trost, nach Wegweisung, meine wohl, sie nicht zu brauchen. Dann bin ich mir selbst genug und setze meinen Schwerpunkt auf „Ruhe".

Dann spüre ich auch keine geistliche Verantwortung, in der Gemeinde durch mein Dasein, mein Mitbeten und Mitsingen zur gegenseitigen Erbauung, Tröstung und Ermahnung beizutragen. Das heißt aber: Auch die anderen Christen sind mir egal. Dahinter steht: Ich empfinde keine Dankbarkeit gegenüber Gott, dem Herrn, der mich jeden Tag aufwachen lässt, mich reich beschenkt, bewahrt und behütet. Dankbarkeit verlangt nach einem Ausdruck. Wenn dieses Verlangen, meine Dankbarkeit in der Gemeinde der Erlösten auch zum Ausdruck, zum Klingen zu bringen, nicht da ist, ist mir vielleicht alles längst zur langweiligen Selbstverständlichkeit geworden.

Ganz wichtig: Die geistliche Trägheit ist etwas ganz anderes als die weltliche Faulheit und Bequemlichkeit, auch wenn sie sich auf dieselbe Weise äußern kann. Und die geistliche Trägheit ist eine Sünde der Christen. Das heißt: Nur, wer eigentlich und wesentlich Christ ist, an den dreieinigen Gott glaubt und getauft ist, wer bereits im Glauben gelebt hat und im Grunde genau weiß, wie wunderbar unser Gott ist, nur der kann in diese Sünde fallen. Und das heißt aber auch: Der ist auch, solange er im Bann dieser Sünde steckt, Christ und nicht etwa für diesen Zeitraum aus der Gnade gefallen, oder wie immer man das formulieren möchte.

Die geistliche Trägheit ist für Nichtchristen kein Thema, aber für Christen gefährlich, weil sie die Kraft der Gewohnheit mitbringt und unsere menschlichen Negativseiten anzusprechen und auszubauen vermag.

Was kann ich gegen die geistliche Trägheit tun? Zunächst ist es noch einmal wichtig zu betonen: Nur ein Christ, der auch noch glaubender Christ ist, wird die geistliche Trägheit an sich überhaupt entdecken können und sie als Mangel empfinden. Schon darin liegt ein ermutigender Trost, der eigentlich für alle Sünden und Sündenverzagtheit gilt: Die Tatsache, dass du dir über eine bestimmte Sünde überhaupt Sorgen und Gedanken machst und sie als Sünde vor Gott identifizierst, ist schon der erste Schritt hin zur Heiligung und zum Überwinden. Schon das zeigt dir ganz eindeutig, dass Gott an dir festhält, sich nicht von dir abgewendet und losgesagt hat. Er arbeitet in der Kraft des heiligen Geistes noch an dir und zieht dich mit aller Macht zu sich.

Mit anderen Worten: Sobald du die geistliche Trägheit an dir erkannt hast und von ihr loskommen willst, hast du schon Grund, Gott für sein Dasein, sein Kümmern und Sorgen zu danken.

Das ist der zweite Schritt: Dankbarkeit. Geistliche Trägheit ist in sich eine Folge von Undankbarkeit. Sie kann sich einschleichen, wenn ich zu lange um mich selbst kreise, wenn ich dazu neige, zu jammern und zu klagen, unzufrieden zu sein, überall nur das Böse und Schlechte sehen will. Mit der Zeit verdunkelt sich mein Blick für das andere, das Gute, das Erfreuliche, das immer auch um mich herum festzustellen ist. Und über diese undankbare Klagestruktur, die mir zur zweiten Natur wird, laufe ich Gefahr, auch mein Gerettetsein, mein Erlöst- und Befreitsein gelangweilt zur Kenntnis zu nehmen, ohne dafür Dankbarkeit empfinden zu können.

Ein Schritt aus der geistlichen Trägheit ist also: Ich zwinge mich einmal ganz bewusst dazu, Gründe zur Dankbarkeit in meinem Leben zu sammeln. Manchmal hilft es, das schriftlich zu tun.

Und da fange ich an mit den großen Taten Gottes in meinem Leben und gehe weiter bis hin zu den vermeintlichen Kleinigkeiten des Alltags, die ich üblicherweise gar nicht in einen geistlichen Zusammenhang mit Gottes Wirken stellen würde.

Ein dritter Schritt besteht darin, dass du dir die Frage beantwortest: Was ist meine mir von Gott gegebene Aufgabe in meinem Leben? Aus der Tatsache, dass du am Leben bist, kannst du schon sicher erkennen, dass Gott dir eine Aufgabe gegeben hat. Er wirft dich nicht ohne Sinn und Ziel und Absicht in diese Welt. Und das gilt auch, wenn du schon alt und kraftlos bist und manchmal denkst, du hättest auf dieser Welt keine Aufgabe mehr. Das überlass mal dem Herrn des Lebens und überlege vielmehr, ob es nicht deine Fürbitte ist für Menschen, für die sonst niemand betet oder dein bloßes Dasein und Mitsingen im Gottesdienst, das den anderen zur Freude und zur Erbauung dient.

Wer Gründe zur Dankbarkeit in seinem Leben kennt und weiß, wozu er da ist, der hält den Kopf schon ganz weit raus aus dem Sumpf der geistlichen Trägheit.

Der vierte Schritt kann sein, die alte Mönchsregel zu befolgen, die da lautet: Halte die Ordnung, dann hält dich die Ordnung. Also: Tu es, auch wenn die gefühlsmäßige Lust nicht da ist, um nicht tiefer einzusinken. Bleib in der Übung und lass dich einfach von der Ordnung, der Struktur des geistlichen Tages oder der kirchlichen Woche durch die Phase geistlicher Trägheit hindurchtragen.

Und schließlich: Gehe diese Schritte nicht allein, sondern lass Gott an dir und in dir wirken und arbeiten. Sag ihm im Beichtgebet, was dich belastet, worunter du leidest und was du als Sünde erkennst. Und dann lass dir neue Kraft und neue Freiheit und einen neuen Anfang schenken und vertraue darauf, dass im Wort des Freispruchs auch die ganze Kraft Gottes liegt, die du brauchst, um dein Leben im Frieden und in Freude und in Hingabe an Gott und die Menschen zu führen. Amen.