Predigt

(Pastor Gert Kelter am Sonntag Kantate 2002)

Das vertrauende Loblied.

Und ich sah, und es war wie ein gläsernes Meer, mit Feuer vermengt; und die den Sieg behalten hatten über das Tier und sein Bild und über die Zahl seines Namens, die standen an dem gläsernen Meer und hatten Gottes Harfen und sangen das Lied des Mose, des Knechtes Gottes, und das Lied des Lammes: Groß und wunderbar sind deine Werke, Herr, allmächtiger Gott! Gerecht und wahrhaftig sind deine Wege, du König der Völker. Wer sollte dich, Herr, nicht fürchten und deinen Namen nicht preisen? Denn du allein bist heilig! Ja, alle Völker werden kommen und anbeten vor dir, denn deine gerechten Gerichte sind offenbar geworden. (Offenbarung 15, 2-4)

Liebe Brüder und Schwestern,

ich meine, es war Lenin, jedenfalls aber einer der kommunistischen Chefideologen, der den sprichwörtlich gewordenen Ausspruch prägte: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.

Das ist zwar nicht falsch, erstaunt aber. Denn dem marxistisch-leninistischen Programm von der Höherentwicklung der Menschheit, die immer nur das Produkt ihrer Erziehung sei, hin zu einer idealen Gesellschaft, die man in dieser Zeit und Welt für erreichbar hält, liegt die Überzeugung zugrunde, der Mensch sei in seinem Kern gut. Ein positives Menschenbild ist das, das dem negativen christlich-biblischen Menschenbild völlig widerspricht. Erstaunlich, und zwar erstaunlich inkonsequent ist dieser Spruch also deshalb, weil man ja erwarten müsste, dass der im Kern angeblich gute Mensch Vertrauen verdient, dadurch seinen guten Keim zur Entfaltung bringen kann und demzufolge keine Kontrolle braucht.

Kontrolle setzt ja grundsätzliches Misstrauen voraus.

Obwohl nun die Bibel sowohl des Alten als auch des Neuen Testamentes durchgängig bezeugt: Der Mensch nach dem Sündenfall ist im Kern schlecht, verdorben, zu wirklichem Vertrauen gar nicht fähig, weder Gott gegenüber, noch sich selbst, noch seinen Mitmenschen gegenüber, obwohl christlicher Glaube ein so negatives Menschenbild vertritt, gilt in Glaubensdingen aber: Vertrauen ist besser.

Der Begriff ‘Vertrauen’ ist gleichbedeutend mit ‘Glauben’, macht aber noch deutlicher, dass es beim Glauben nicht nur um ein Fürwahrhalten von Lehrsätzen und Dogmen geht, sondern um eine lebendige, liebevolle Vertrauensbeziehung zu Gott. Genauer noch: Zu Jesus Christus, dem Auferstandenen, der sich in seiner Auferstehung vom Tod erwiesen hat als Sieger über das Böse, als Überwinder der Welt, als Sieger über den Tod.

Als Christen leben wir also aus dem Vertrauen darauf, dass unser Herr Jesus Christus der Sieger ist. In diesem Vertrauen gehören wir auf die Seite des Siegers. In diesem Vertrauen sind wir mit ihm so eng verbunden, dass uns nichts und niemand mehr auf die Seite der Verlierer und der Verlorenen ziehen kann.

Kontrolle - und das ist das Problem des Glaubens - ist noch nicht möglich.

Unser Leben als Christen ist nun mal nicht ein reines Siegerleben. Die Wirklichkeit, die uns umgibt, kann sehr bedrückend, sehr leidvoll von Niederlagen gezeichnet sein. Wie viel einfacher wäre es, wenn wir nicht nur vertrauen müssten, sondern einmal einen vergewissernden Kontrollblick hinter die Kulissen des Weltgeschehens werfen dürften, wenn wir einmal unser Leben und diese Welt vom Ende her betrachten dürften, um festzustellen: Christus ist wirklich der Sieger. An ihm vertrauensvoll festzuhalten heißt: Zum Leben zu gelangen und das Ziel zu erreichen! Wie viel stärker, wie viel entschlossener, wie viel leidensfähiger und opferbereiter wären wir dann!

Liebe Gemeinde, genau so einen Blick gewährt Gott dem Seher Johannes und - durch ihn vermittelt - einer von Verfolgung, Zweifeln, Ängsten und Sorgen bedrängten und gequälten Kirche. Wenn man so will, ist das, was wir aus dem Buch der Offenbarung gehört haben, ein Kontrollblick. Dieser Blick hinter die Kulissen des bedrängenden Weltgeschehens, das so gar nicht erkennen lässt, dass Christus mit den auf ihn Vertrauenden wirklich Sieger ist, dieser Blick ersetzt das Vertrauen in der Zwischenzeit nicht. Er stärkt es aber.

Das Lied der Überwinder. Es klingt uns vielleicht ganz vertraut. Und das liegt dann möglicherweise gar nicht daran, dass wir so gern und häufig in der Johannesoffenbarung lesen, sondern daran, dass wir in unseren Gottesdiensten sehr oft und regelmäßig einzelne Passagen aus diesem Überwinderlied selbst singen: „Denn du allein bist heilig!" Oder: „Heilig ist unser Gott!, der Herr der Völker!" Das kennen wir aus dem Sanctus, dem Gloria und aus dem Te Deum.

„Groß und wunderbar sind deine Werke!" Auch das erinnert an das Te Deum: „Großer Gott, wir loben dich! Vor dir neigt die Erde sich und bewundert deine Werke!"

Dass die gerechten Gerichte über die Feinde Gottes und seines Volkes offenbar geworden sind, das rühmt auch das Lied des Mose, das wir vielleicht in der Osternacht hören oder selbst singen. Aber bei einem zweiten Blick stellen wir dann fest, dass es doch einen Unterschied gibt zwischen dem Loblied der erlösten Überwinder aus der Offenbarung und unseren Liedern.

Der Unterschied besteht darin, dass unsere Loblieder sich noch mischen mit Bitten um Erbarmen, um Hilfe und Bewahrung. Zum Sanctus gehört das Benedictus mit seinem „Hosianna", und das heißt übersetzt nicht etwa dasselbe wie „Halleluja", was man gerne annimmt, sondern „Hab Erbarmen!"

Im Te Deum singen wir betend „Hilf deinem Volk, Herr Jesu Christ!", „Behüt uns heut vor aller Sünd und Missetat!", „Zeig uns deine Barmherzigkeit!", „In Schanden lass uns nimmermehr!" Und selbst das Gloria kann nicht auf die doppelt gesungene Bitte verzichten „Erbarm dich unser!"

Das Lied des Mose, das den Untergang der Feinde Israels durch Gottes mächtiges Befreiungs- und Gerichtshandeln preist, war noch nicht verklungen, als schon die nächsten Feinde Israels aufstanden. Daran hat sich – auf die Kirche übertragen - bis heute nichts geändert.

Liebe Gemeinde, diesen Unterschied gibt es noch. Das Leben der Erlösten in dieser Zeit und Welt ist noch gemischt mit dem Leiden, den Kämpfen und Anfechtungen dieser vergehenden Welt. Und so sind auch unsere Loblieder noch gemischt mit den Bitten um Vergebung, um Erbarmen, um Hilfe, Rettung und Bewahrung. Nein, wir stehen noch nicht am Rand des gläsernen Meeres und unsere Orgeln und Posaunen sind nicht Gottes Harfen. Wir sind noch angewiesen auf den Trost des Wortes Gottes und seine Vergebung, auf die Stärkung unseres Vertrauens durch die Sakramente. Wir brauchen es noch, dass wir uns mit Psalmen und Lobgesängen, aber auch mit Bittliedern und Klagepsalmen gegenseitig ermuntern und erbauen.

Aber in dem allem haben wir doch schon jetzt die Gewissheit, dass wir einmal im Chor der Überwinder das Loblied der Erlösten ungemischt mitsingen werden. Wenn keine Bitte um Erbarmen mehr nötig ist, weil das Erbarmen Gottes alles erfüllt und erfasst und alle Feinde besiegt sind.

Nun wird - auch aus der Mitte der Kirche selbst - manchmal eingewendet, dass diese Betonung des beschaulichen, innerlichen Vertrauens und Glaubens gefährliche Durchhalteparolen seien, die die Christen passiv und unpolitisch machten, vielleicht sogar desinteressiert an der sie umgebenden, weil ja doch vergehenden und längst überwundenen Welt.

Mir fällt dazu die Geschichte von den beiden kleinen Jungen ein, die sich auf einer Burgruine verklettert hatten und, von der einbrechenden Dunkelheit überrascht, nun zitternd und verängstigt auf einem hohen Mauervorsprung kauern. Da soll dann von ganz tief unten die Stimme eines Mannes zu hören gewesen sein, der rief: Springt doch, ich fange euch auf! Aber nur einer der beiden springt, während der andere ängstlich und verzweifelt sitzen bleibt. Die Frage, warum der eine springt, der andere aber nicht, ist schnell beantwortet: Er hatte in der Stimme des Rufers die Stimme seines Vaters erkannt und sich voller Vertrauen in seine Arme fallen lassen.

An dieser Geschichte lässt sich für uns einiges verdeutlichen:

1. Gläubiges Vertrauen, das in Bedrängnis rettet, setzt eine lebendige Beziehung zu Gott, dem Vater voraus.

2. Vertrauen heißt nichts anderes, als sich vorbehaltlos in die Arme Gottes fallen zu lassen.

3. Vertrauen besiegt die Angst.

4. Vertrauen verändert meine Situation grundlegend.

Vertrauen, liebe Mitchristen, ist also nicht passives Nichtstun, sondern befreit - im Gegenteil- zum Tun des Entscheidenden, Richtigen und Wichtigen.

Das Misstrauen des anderen Jungen wirkte lähmend. Dieses Misstrauen, diese Angst äußert sich als Schicksalsergebenheit, als tatenloses Hineinfügen in ein vermeintlich unabänderliches Schicksal.

Das Vertrauen dagegen setzt Mut, Energie und Kraft frei, bringt uns in Bewegung, ermöglicht uns den ersten Schritt in die richtige Richtung. Weil wir nämlich wissen: Selbst, wenn dieser Schritt über den Abgrund führen sollte, fallen wir nie tiefer als in die ausgebreiteten Arme Gottes, des Vaters.

Das Vertrauen der Christen auf Christus den Sieger war zu allen Zeiten weltbewegend. Keine noch so kluge Philosophie oder Weltanschauung konnte so dauerhaft und umwälzend die Welt prägen und verändern wie der christliche Glaube es vermochte. Die Christen, die sich aufmachten in die Elendsgebiete der Welt, um dort zu helfen, zu heilen und zu trösten, lebten aus dem Vertrauen auf den Sieger über alles Elend und alle Not. Sie konnten so selbstvergessen und mutig und aktiv sein, weil sie nicht an sich selbst festhalten mussten, weil sie keine Angst haben mussten, in diesem Leben zu kurz zu kommen und etwas zu verpassen.

Die Geschichte von den beiden Jungen unterstreicht schließlich noch etwas ganz Wichtiges:

Das Vertrauen auf den Sieg des Siegers Christus erfordert von unserer Seite keinen Mut, sondern schenkt uns diesen Mut vielmehr.

Es ist das vertraute Wort Gottes, des Vaters, das unser Vertrauen weckt und uns den Mut zu dem entscheidenden Schritt gibt. Zu allen entscheidenden Schritten.

Der kleine Junge hat sich nicht nach Abwägung aller Pros und Contras entschieden zu springen. Sondern er tat es aus der Gewissheit heraus, dadurch gerettet zu werden. Und schon diese Gewissheit war das Geschenk seines Vaters, der sich schon lange vorher als vertrauenswürdig erwiesen hat, also als starker Helfer, als Sieger und Überwinder.

Brüder und Schwestern, in diese Gewissheit üben wir uns ein, wenn wir im Gottesdienst miteinander singen und beten, wenn wir uns durch Gottes Wort trösten lassen und uns durch Lossprechung von allen Sünden und im Hl. Abendmahl stärken und nähren lassen.

Das vertrauende Loblied auf den Sieger ist dabei noch gemischt mit der Bitte um Erbarmen und neue Kraft. Aber dieses probeweise Singen im gemischten Chor wird einmünden in den reinen, ungemischten Lobgesang der Überwinder, die Gott mit einer Stimme preisen.

Amen.