Predigt

(Pastor Gert Kelter am Sonntag Invokavit 2002)

Versuchung und Anfechtung.

Selig ist der Mann, der die Anfechtung erduldet; denn nachdem er bewährt ist, wird er die Krone des Lebens empfangen, die Gott verheißen hat denen, die ihn liebhaben.
Niemand sage, wenn er versucht wird, dass er von Gott versucht werde. Denn Gott kann nicht versucht werden zum Bösen, und er selbst versucht niemand.
Sondern ein jeder, der versucht wird, wird von seinen eigenen Begierden gereizt und gelockt.
Danach, wenn die Begierde empfangen hat, gebiert sie die Sünde; die Sünde aber, wenn sie vollendet ist, gebiert den Tod.
Irrt euch nicht, meine lieben Brüder.
Alle gute Gabe und alle vollkommene Gabe kommt von oben herab, von dem Vater des Lichts, bei dem keine Veränderung ist noch Wechsel des Lichts und der Finsternis.
Er hat uns geboren nach seinem Willen durch das Wort der Wahrheit, damit wir Erstlinge seiner Geschöpfe seien. (Jakobus 1, 12-18)

 

Liebe Brüder und Schwestern,

um zwei nicht ganz einfache Begriffe und um zwei noch schwierigere Inhalte geht es heute: Um Versuchung und Anfechtung. Der Sache nach wird beides in der Bibel eigentlich sehr deutlich voneinander unterschieden. Aber die Begriffe werden meist nicht ganz einheitlich verwendet und vor allem: Unserem Erleben und unserer Empfindung nach neigen wir dazu, beides durcheinander zu werfen. In mancher Versuchung stöhnen wir darüber, unter Anfechtungen zu leiden und in mancher Anfechtung glauben wir, versucht zu werden. Dabei lässt sich die Anfechtung von der Versuchung durchaus unterscheiden und es hängt für einen Christen viel davon ab, diese geistliche Unterscheidung im Laufe eines Lebens immer besser und treffsicherer leisten zu können.

Zunächst unterscheidet sich die Anfechtung von der Versuchung durch ihren jeweiligen Ursprung. Der Jakobusbrief ist hier sowohl in der Sache als auch in der Begrifflichkeit eindeutig: Anfechtung kommt von Gott, Versuchung kommt vom Bösen, wobei hier ebenso das Böse, das in uns selbst ist und aus uns selbst kommt gemeint ist, wie der Böse. Beides lässt sich in Wirklichkeit nicht voneinander trennen, wie es auch Luther in seiner Auslegung der 6. Vaterunserbitte sagt: <Gott wolle uns behüten und erhalten, auf dass uns der Teufel, die Welt und unser Fleisch nicht betrüge und verführe in Missglauben, Verzweiflung und andere große Schande und Laster.>

Eine zweite Unterscheidung lässt sich hinsichtlich des Zieles und Zweckes treffen: Anfechtung dient der Bewährung und Glaubensstärkung. Der Angefochtene, der die Anfechtung erduldet und sich darin vertrauend bewährt, wird selig gepriesen und Empfänger der Krone des Lebens genannt. Versuchung dagegen zielt auf Zweifel, Verzweiflung, Abfall vom Glauben, Verlust von Vertrauen, von Glauben, Liebe und Hoffnung. Die Versuchungskarriere wird von Jakobus beschrieben wie ein Lebensweg: Am Anfang steht die Lust. Das ist nur ein anderes Wort für das prinzipielle Streben des Menschen nach Selbstverwirklichung ohne Bindung und Grenzen, für das Seinwollen wie Gott, also für die Grund- oder Ursünde. Sie ist wie eine Keimzelle, die nur darauf wartet, durch das Böse befruchtet zu werden. Geschieht das, kommt es gleichsam zu einer Geburt, zu einem deutlichen und spürbaren Offenbaren des Wesens, das bereits keimhaft im Menschen vorhanden war, nämlich zu einem Offenbarwerden der Sünde. Und die wächst und reift dann heran, um schließlich zur Vollendung zu gelangen, nämlich zum Tod. Der Tod als Ziel und Ende der Sünde entspricht auf der Minusseite der Krone des Lebens als Folge der Bewährung in Anfechtung.

Liebe Gemeinde, man könnte an dieser Stelle mit gutem Grunde einwenden: Ist das nicht doch der Versuch, eine biblische Ungereimtheit schön zu reden und glatt zu streichen? Immerhin heißt es doch im Evangelium dieses Sonntags: < Jesus wurde vom Geist Gottes in die Wüste geführt, damit er von dem Teufel versucht würde.> Hier ist doch unzweifelhaft Gott selbst derjenige, der Jesus, wenn auch indirekt, so doch sehr aktiv der Versuchung durch den Teufel preisgibt.

Wie passt das denn zu der vollmundigen Behauptung des Apostels Jakobus: <Gott kann nicht versucht werden zum Bösen, und er selbst versucht niemand.> Und wie stimmt das zur Auslegung Luthers der schon erwähnten 6. Vaterunserbitte „Und führe uns nicht in Versuchung", wo Luther mit Jakobus sagt: <Gott versucht zwar niemand>?

Lasst uns genauer hinsehen. Gott führt Jesus in die Wüste. Und übertragen wir das gleich: Gott führt uns in die Wüste. Das heißt doch zunächst: Gott reduziert unser Leben auf ein Minimum. Er nimmt uns manchmal alles, was unser Leben bisher reich und angenehm und lebenswert gemacht hat. Die Wüste ist ein aussagekräftiges Bild für jede Lebenssituation, die von Einschränkung, Verzicht, von Hunger und Durst nach Leben aus der Fülle geprägt ist. Zur Wüste kann der Verzicht auf unsere Hoffnungen und Sehnsüchte nach Gesundheit, nach Erfolg, nach Einfluss, nach ungetrübter Gemeinschaft mit anderen Menschen, nach Jugend, Anerkennung und innerem wie äußerem Frieden führen. Oder, um es mit Formulierungen des 73. Psalms zu umschreiben: Zur Wüste kann mein Leben werden, wenn mir Leib und Seele verschmachten und Himmel und Erde für mich nicht mehr zu haben sind.

Übrig bleiben dann meine Hoffnungen und Sehnsüchte, meine Vorstellungen von einem gelungenen Leben, die - einer Fata Morgana gleich - in unerreichbare Ferne gerückt sind, verlockend, aber meinem Zugriff entrissen. Übrig bleibe ich in der Mitte von nirgendwo. Und das ist der Schauplatz, auf den mich Gott stellt. Aber das ist auch die Bühne für den Fürsten der Welt.

Die Wüste ist der Ort, an dem mir Leib und Seele zu verschmachten scheinen, der Ort der Anfechtung, an den mich Gott führt. Die Wüste ist der Ort der Bewährung, an dem ich deutlich wie sonst nirgends gefragt bin: Wonach fragst du in deinem Leben wirklich? Was ist wirklich, wenn es drauf ankommt, deines Herzens Trost und dein Teil? Was ist, wenn nichts mehr da ist, deine Zuversicht und deine Freude? Die Wüste ist der Ort der Reinigung und der Klärung, ob ich zu denen gehöre, die Gott lieben, die an seiner Verheißung festhalten - und zwar, ich meine das jetzt ganz wörtlich - „auf Deubel komm raus".

Aber der Teufel, der Böse hat mit Gott nichts zu tun. So wenig wie das Licht mit der Finsternis.

Gott ist der Vater des Lichtes. Und - Jakobus betont das: Wir sind geschaffen nach seinem Willen durch das Wort der Wahrheit, auf dass wir Erstlinge seien seiner Geschöpfe, also seine Kinder und damit Kinder des Lichtes.

Wir sind also nicht für die Finsternis geschaffen und haben damit auch nichts mit der Finsternis zu schaffen. Und es ist manchmal nötig und heilsam, dazu in die Wüste der Anfechtung geführt zu werden, um über unsere eigentliche Bestimmung wieder ganz neu Klarheit zu gewinnen. Nichts anderes sollten ja auch die 40 Tage in der Wüste bewirken, die Jesus zu erdulden hatte: Vor seinem öffentlichen Auftreten in der Welt, vor seinem Erscheinen als Messias, als Retter und Erlöser, vor seinem Leiden und Sterben sollte er seiner Sendung und seiner Bestimmung vergewissert, ganz und gar gewiss werden. Nur darum wurde er in allem versucht wie wir, mit dem einzigen Unterschied, dass bei Jesus die „Lust", also die Sehnsucht nach dem Sein wie Gott nicht empfangen hat und nicht die Sünde geboren hat. Christus wurde in allem versucht wie wir, doch ohne Sünde. Christus ist der einzige, der in vollkommenem Gehorsam aber auch in vollkommenem Vertrauen das Psalmwort aus Psalm 73 gesprochen hat: „Wenn ich nur dich habe, so frage ich nichts nach Himmel und Erde.(...) Aber das ist meine Freude, dass ich mich zu Gott halte und meine Zuversicht setze auf Gott, den Herrn, dass ich verkündige all dein Tun."

Wenn wir’s ihm nachsprechen und nachbeten, dann tun wir das nicht ohne Grund als Christen immer mit dem Zusatz: Ehre sei dem Vater und dem Sohne und dem Heiligen Geiste, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar und von Ewigkeit zu Ewigkeit." Wenn wir beten, auch und gerade, wenn wir die Psalmen beten, dann immer und ganz bewusst: Durch Jesus Christus, unseren Herrn.

ER, Christus, ist derjenige, der von Gott in die Wüste der Anfechtung geführt wurde, nicht nur 40 Tage lang, sondern seine gesamtes irdisches Lebens lang, der die Anfechtung erduldet hat wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird und das Vertrauen bewährt hat, der den Sieg über den Tod errungen und die Krone des Lebens empfangen hat.

Liebe Gemeinde, weil das so ist und seitdem das geschehen ist, sind wir in der Wüste, in den Anfechtungen unseres Lebens nicht mehr schutzlos und allein der Versuchung ausgesetzt. Aus uns heraus wären wir gar nicht in der Lage, wie Christus auf alle Versuchungen, die der Versucher in den Situationen der Anfechtungswüsten vor uns aufbaut, mit unumstößlichen Vertrauen auf Gottes Wort und Verheißung zu antworten. Christus konnte sagen „Es steht geschrieben" und der Teufel verließ ihn und die Engel Gottes traten zu ihm und dienten ihm.

Aber Jesus Christus hatte den Geist der Unterscheidung und konnte in der Wüstensituation der göttlichen Anfechtung die Angriffe des Versuchers parieren. Für uns verschwimmen oft die Grenzen zwischen Anfechtung und Versuchung. Wir sehen den Teufel, wo er gar nicht wirkt und übersehen ihn im Irrtum der falschen Sicherheit, wo er uns schon am Kragen hat.

Für uns ist die Unterscheidung zwischen Anfechtung und Versuchung ein lebenslanger geistlicher Wachstums- und Lernprozess. Aber wir können als Gewinner, als Sieger daraus hervorgehen. Dann nämlich, wenn wir zu der Zeit, wo wir Hilfe nötig haben, mit Zuversicht zum Thron der Gnade treten und das Wort sprechen, dass uns den Zugang dazu jederzeit und unmittelbar öffnet. Das Wörtlein, das den Versucher fällen kann: Jesus Christus.

Die Passionszeit, die mit dem heutigen Sonntag beginnt, ist auch Fastenzeit. Wenn man so will: Eine Chance, aus freien Stücken eine Zeitlang die Wüste zu wählen, sein Leben in bestimmten Bereichen zu reduzieren, einzuschränken, zu konzentrieren. Und das alles, um auf die Frage wieder ganz neu eine klärende, eine reinigende und befreiende Antwort zu finden: Was ist in meinem Leben wirklich wichtig? Was ist wirklich meines Herzens Trost und mein Teil, was meine Zuversicht und meine Freude, wenn mir Leib und Seele verschmachtet?

In der Passionszeit richten wir unser Leben wieder neu auf die einzige Antwort aus, die Weg, Wahrheit und Leben bedeutet: Auf Christus, den Gekreuzigten.

Amen.