Predigt

(Pastor Gert Kelter am Karfreitag 2002)

Die Kirche unter dem Kreuz.

Und er trug sein Kreuz und ging hinaus zur Stätte, die da heißt Schädelstätte, auf hebräisch Golgatha.

Dort kreuzigten sie ihn und mit ihm zwei andere zu beiden Seiten, Jesus aber in der Mitte. Pilatus aber schrieb eine Aufschrift und setzte sie auf das Kreuz; und es war geschrieben: Jesus von Nazareth, der König der Juden. Diese Aufschrift lasen viele Juden, denn die Stätte, wo Jesus gekreuzigt wurde, war nahe bei der Stadt. Und es war geschrieben in hebräischer, lateinischer und griechischer Sprache. Da sprachen die Hohenpriester der Juden zu Pilatus: Schreib nicht: Der König der Juden, sondern, dass er gesagt hat: Ich bin der König der Juden. Pilatus antwortete: Was ich geschrieben habe, das habe ich geschrieben. Als aber die Soldaten Jesus gekreuzigt hatten, nahmen sie seine Kleider und machten vier Teile, für jeden Soldaten einen Teil, dazu auch das Gewand. Das war aber ungenäht, von oben an gewebt in einem Stück. Da sprachen sie untereinander: Lasst uns das nicht zerteilen, sondern darum losen, wem es gehören soll. So sollte die Schrift erfüllt werden, die sagt (Psalm 22,19): »Sie haben meine Kleider unter sich geteilt und haben über mein Gewand das Los geworfen.« Das taten die Soldaten. Es standen aber bei dem Kreuz Jesu seine Mutter und seiner Mutter Schwester, Maria, die Frau des Klopas, und Maria von Magdala. Als nun Jesus seine Mutter sah und bei ihr den Jünger, den er lieb hatte, spricht er zu seiner Mutter: Frau, siehe, das ist dein Sohn! Danach spricht er zu dem Jünger: Siehe, das ist deine Mutter! Und von der Stunde an nahm sie der Jünger zu sich. Danach, als Jesus wusste, dass schon alles vollbracht war, spricht er, damit die Schrift erfüllt würde: Mich dürstet. Da stand ein Gefäß voll Essig. Sie aber füllten einen Schwamm mit Essig und steckten ihn auf ein Ysoprohr und hielten es ihm an den Mund. Als nun Jesus den Essig genommen hatte, sprach er: Es ist vollbracht! und neigte das Haupt und verschied. Weil es aber Rüsttag war und die Leichname nicht am Kreuz bleiben sollten den Sabbat über - denn dieser Sabbat war ein hoher Festtag -, baten die Juden Pilatus, dass ihnen die Beine gebrochen und sie abgenommen würden. Da kamen die Soldaten und brachen dem ersten die Beine und auch dem andern, der mit ihm gekreuzigt war. Als sie aber zu Jesus kamen und sahen, dass er schon gestorben war, brachen sie ihm die Beine nicht; sondern einer der Soldaten stieß mit dem Speer in seine Seite, und sogleich kam Blut und Wasser heraus. Und der das gesehen hat, der hat es bezeugt, und sein Zeugnis ist wahr, und er weiß, dass er die Wahrheit sagt, damit auch ihr glaubt. Denn das ist geschehen, damit die Schrift erfüllt würde (2. Mose 12,46): »Ihr sollt ihm kein Bein zerbrechen.« Und wiederum sagt die Schrift an einer andern Stelle (Sacharja 12,10): »Sie werden den sehen, den sie durchbohrt haben.« (Johannes 19,17-37)

Liebe Brüder und Schwestern,

der französische Theologe Alfred Loisy prägte das ironische Wort: Jesus predigte das Reich Gottes und es kam - die Kirche. Er will damit ausdrücken, dass Jesus eigentlich etwas ganz anderes wollte als die Kirche, nämlich die unmittelbare Aufrichtung des Gottesreiches, und er will damit zugleich sagen, dass die Kirche im Grunde genommen eine Panne der Heilsgeschichte sei. Jesus habe sie weder beabsichtigt noch vorausgesehen noch gewollt. Die Kirche sei einfach „eingerissen", über uns gekommen, habe nichts zu tun mit dem, was Jesus verkündigt und erwartet habe. Sie sei von Menschen erdacht und geschaffen, die mit ihrer Enttäuschung nicht zurechtkamen, nicht zugeben konnten, sich schlicht und einfach geirrt zu haben.

Der Karfreitag ist in diesem Denkmuster dann folgerichtig der Tag des Großen Scheiterns, der enttäuschten Hoffnungen und Erwartungen.

Aber auch im traditionellen theologischen Denken wird der Karfreitag nicht mit der Entstehung der Kirche in Verbindung gebracht. Pfingsten, sagt man, sei der Geburtstag der Kirche, allenfalls vielleicht noch: Mit Ostern, mit der Auferstehung Jesu beginnt der Weg der Kirche.

Wenn ich heute dennoch versuchen möchte zu zeigen, dass der Evangelist Johannes bereits in der Schilderung der Kreuzigung Jesu die Kirche im Blick hat und uns verkündigt, dass in den letzten Stunden des irdischen Lebens Jesu bereits die Kirche gegenwärtig wird, dann muss man dazu folgendes wissen: Das Johannesevangelium ist in vielerlei Hinsicht anders als die drei sog. Synoptischen, also miteinander vergleichbaren, parallel zu lesenden Evangelien. Das Johannesevangelium ist zunächst einmal das jüngste der vier Evangelien. Johannes schreibt es aus einem viel längeren zeitlichen Abstand auf, als Markus, Matthäus und Lukas es tun. Nicht zu unrecht bezeichnet man Johannes auch als den Theologen unter den Evangelisten, der nicht nur chronologisch korrekt notiert, was er als Augenzeuge erlebt hat, sondern die Ereignisse des Lebens Jesu vor dem Hintergrund einer gereiften geistlichen, ich möchte bewusst sagen: vom heiligen Geist in besonderer Weise inspirierten Erkenntnis beschreibt und zugleich verkündigend in einem wohldurchdachten theologischen Zusammenhang bringt.

Man könnte einwenden: Wenn Johannes erst lange Zeit nach den Ereignissen mit seinem Evangelium begonnen hat, dann muss das wohl notwendigerweise auf Kosten der Genauigkeit gehen. Dagegen sage ich: Genau das Gegenteil ist mindestens ebenso wahrscheinlich. Und das entspricht sogar allgemein-menschlicher Erfahrung. Wer einmal das Sterben eines nahestehenden Menschen miterlebt hat, und es geht hier ja um das Sterben eines Menschen, der wird bestätigen, dass einem im Nachhinein, und das kann sich um Jahre handeln, plötzlich Details, Kleinigkeiten aus den letzten Stunden und Minuten in den Sinn kommen, die rückblickend eine ganz tiefe Bedeutung erlangen. Im unmittelbaren Erleben hatte man sie kaum registriert oder aber ihnen keine besondere Hintergründigkeit unterstellt. Aber im Nachhinein beginnen sie zu sprechen, ein Bild zu ergeben.

So kann ich es auch verstehen, dass Johannes manches berichtet, was die anderen Evangelisten nicht verzeichnen. Und so kann ich es auch verstehen, dass Johannes aus dem Erlebten Bilder komponiert, nicht nur Ereignisse aneinander reiht, Bilder, die interpretationsfähig sind und nach Erläuterung und aus Auslegung verlangen.

So ein Bild beschäftigt uns heute. Und ich gebe diesem Bild vorneweg bereits die Überschrift: „Die Kirche unter dem Kreuz."

Das Gesamtbild der Kreuzigung ähnelt auf den ersten Blick denen der anderen Evangelisten. Das erstaunt auch nicht. Die Unterschiede liegen im Détail. Sehen wir uns diese Details einmal näher an:

Johannes hält es im Unterschied zu den drei anderen Evangelisten für wichtig zu erwähnen, dass die Anklage- und Urteilsbegründung, die Pilatus ans Kreuz Jesu nagelte, in hebräischer, griechischer und lateinischer Sprache verfasst war: Der König der Juden.

Warum erwähnt er das? Hebräisch ist die Sprache des Volkes Israel, des Volkes des Alten Bundes, die Sprache auch der Hl. Schrift des ersterwählten Gottesvolkes, die Sprache der Verheißungen des kommenden Messias. Hebräisch ist auch die Sprache der ersten Gemeinde in Jerusalem.

Griechisch ist die Sprache der Diasporajuden, der Gelehrten und Wissenschaftler; die Sprache der alten Denker und Philosophen, aber auch die Sprache des Handels, der Reisenden. Griechisch wird die Sprache der alten Kirche und es ist die Sprache des Neuen Testamentes. Die Bibel der Kirche ist zweisprachig, besteht aus dem hebräischen Alten und dem griechischen Neuen Testament. Und die Kirche selbst besteht aus Judenchristen und aus Heidenchristen.

Lateinisch ist die Weltsprache der damaligen Zeit. Lateinisch ist Amts- und Verkehrssprache. Lateinisch ist die Sprache des römischen Weltreiches, das „Englisch von damals", in dem sich hebräischsprechende, jüdischstämmige Christen und griechischsprechende, aus dem Heidentum stammende Christen miteinander verständigen. Lateinisch wird schließlich die offizielle Kirchensprache, ist es jahrhundertelang geblieben und in Teilen der Christenheit sogar noch bis heute. Lateinisch würden einmal Menschen aus allen Völkern und Rassen den dreieinigen Gott loben und Christus preisen. In vielen Gemeinden und Klöstern hat sich daran nichts geändert.

Und wenn wir in unseren Gottesdiensten auf griechisch Kyrie eleison singen, wenn wir auf hebräisch Halleluja, Amen und Hosianna rufen, wenn wir uns am Sonntag Reminiszere oder Rogate versammeln, vom Credo und vom Agnus Dei sprechen, dann stellen wir doch bis heute fest, dass diese drei Sprachen wie keine anderen zur Kirche gehören. Von Anfang an. Ist es wirklich ein unbedeutender Zufall, dass Jesus, der König der Juden, von Anfang an in den Sprachen aller Völker verkündigt wird, aber damit auch als König aller Völker?

Ein zweites, sicherlich weniger eindeutiges Détail: Nur Johannes vermerkt ausdrücklich, dass die Soldaten aus der Kleidung Jesu vier Teile machten. Schon möglich, dass es sich hier um eine Nebensächlichkeit handelt, der man nicht viel Bedeutung zumessen sollte. Auf der anderen Seite aber sind Zahlen in der Bibel nicht selten zutiefst symbolisch zu verstehen und auch so gemeint. Zwölf Apostel entsprechen den 12 Stämmen Israels, 7 Diakone wurden benannt, an 7 Gemeinden sendet der Seher Johannes seine Sendschreiben, 4 Evangelisten gibt es, deren Evangelien in den Kanon des Neuen Testamentes aufgenommen wurden. Und hier sind es 4 Teile, in die man die Kleider Jesu zerteilt. Sollen sie auf die vier Himmelsrichtungen hinweisen, in die das Evangelium sich ausbreitet? Oder die vier Erdteile bezeichnen, von denen die Welt vor der Entdeckung Australiens ausging? Die Kleider Jesu sind jedenfalls etwas, das in direkter Verbindung zu seinem Leib stand, auf ihn hinweist und letztlich sogar der Erweis für die vollkommene Entäußerung, die totale Entkleidung Jesu sind, der - obgleich er in göttlicher Gestalt war - sich selbst entäußerte, sich erniedrigte und gehorsam wurde bis zum Tode am Kreuz.

Das dritte Details, das uns nur Johannes überliefert, ist die Anrede Jesu an seine Mutter und den Jünger, den er lieb hatte, von dem wir annehmen dürfen, dass es sich um Johannes handelte.

Zu Maria sagt der sterbende Jesus: „Frau, siehe, das ist dein Sohn!" Und zu Johannes: „Siehe, das ist deine Mutter!"

Wofür steht Maria in unserem Glauben? Sie ist die leibliche Mutter Jesu, der geboren wurde von einer Frau und unter das Gesetz getan. Sie ist damit Zeugin, ja Garantin der wahren Menschheit Jesu, der wirklichen Menschwerdung Gottes. Und zugleich ist sie eine jüdische Frau , die ihren Sohn „unter das Gesetz tut", also nach mosaischem Brauch beschneiden lässt. Und damit verbürgt sie die Herkunft Jesu aus dem Volk Israel. Jesus ist geborener Jude aus dem Stamme Davids. Das ändert sich auch mit seinem Tod und seiner Auferstehung nicht und bleibt eine Tatsache, die immer und ewig darauf hinweist, dass Gott Israel erwählt hat und der verheißene Messias tatsächlich - wie lange angekündigt - aus dem Volk Israel stammt. Nach jüdischem Recht ist Jude nicht, wer einen jüdischen Vater hat, sondern nur, wer eine jüdische Mutter hat.

Aber nun, in seiner Sterbestunde, vor dem Hingang zum Vater, den Johannes immer als „Erhöhung" bezeichnet, werden diese irdischen Bindungen überhöht und letztlich aufgehoben.

Jesus ist nicht nur der Messias der Juden, sondern der König der Welt, der Erlöser der ganzen Menschheit. Die Rolle seiner Mutter ist nun die der gläubig gewordenen Tochter Israels. In ihr steht die judenchristliche Gemeinde unter dem Kreuz. Ihr „Sohn" ist nun nicht mehr Jesus, sondern Johannes, der Jünger, den Jesus lieb hatte, der beim letzten Abendmahl an Jesu Brust ruhte.

Während Maria ihr Frausein und ihr Jüdischsein kennzeichnet, während diese beiden Eigenschaften die Bedeutung Marias ausmachen, ist Johannes der, der Jesus als den Herrn erkennt, der ihm vertraut und besonders nahe steht. So sehr, dass sogar der Apostel Petrus im Abendmahlssaal nicht Jesus direkt fragt, wer der Verräter sei, sondern davon ausgeht, dass Johannes es wissen werde und ihn fragt. Johannes steht also für die lebendige Kirche, die in inniger Verbindung zu ihrem Herrn steht.

Jesus weist diese beiden Repräsentanten der Kirche aneinander: Judenchristen und Heidenchristen, die Kinder Abrahams nach dem Fleisch und die Kinder Abrahams nach dem Geist. Und er bestimmt zugleich auch ihr Verhältnis zueinander: Israel ist die Mutter, die neutestamentliche Kirche sind die Kinder. Paulus hat später denselben Sachverhalt mit dem Bild des Ölbaums ausgedrückt, dem die Heidenchristen als wilder Zweig aufgepfropft werden. Mit diesen Worten, mit seinem Wort ordnet Jesus also das Gefüge der künftigen Kirche; mit seinem Wort führt und leitet er die Kirche vom Kreuz aus und als der Gekreuzigte.

Das vierte Détail des Johannesbildes: Als Jesus schon gestorben war, sticht ihm einer der Soldaten mit einer Lanze in die Seite und es fließen Blut und Wasser heraus. Bei diesem Vorgang handelt es sich nicht um ein Wunder im Sinne übernatürlichen Geschehens. Das ließe sich sogar sehr prosaisch medizinisch erklären. Aber der Evangelist misst rückblickend diesem Geschehen offensichtlich eine Bedeutung bei, sonst hätte er es nicht berichtet. Und die Symbolik von Blut und Wasser ist dem Evangelisten nur zu vertraut: Hier fließen die sakramentalen Lebensquellen der Kirche, das Wasser der Taufe und das sündentilgende Blut des Neuen Bundes, für uns vergossen zur Vergebung der Sünden.

Zusammengefasst ersteht nun vor unseren Augen das Bild der Kirche unter dem Kreuz. Im Zentrum der Gekreuzigte selbst, darunter die Kirche aus Juden und Heiden, darüber die Botschaft in allen Sprachen: Das ist der Herr und der König und der leitet seine Kirche durch sein Wort und baut sie durch seine Sakramente.

Es mag vermessen klingen: Aber darin erkenne ich sogar das Bild der evangelisch-lutherischen Kirche, für die nämlich nichts anderes gilt, die sich an diese Vorgaben halten will, ein Bild, wie es Lucas Cranach für die Predella der Wittenberger Stadtkirche gemalt hat. In der Mitte Christus, der Gekreuzigte, links die Kirche und rechts der Hirte, der anstatt und anstelle Jesu Christi durch die Gnadenmittel Christus zu Seinem Wort kommen lässt, indem er nichts anderes tut als auf IHN hinzuweisen, der nichts anderes wüsste in der Gemeinde, als Christus, den Gekreuzigten.

Und so, Brüder und Schwestern, ist am Karfreitag, dem Tag des Todes, die Kirche schon lebendig. Ostern und Pfingsten ist die Kirche längst da. Und sie wird bleiben, solange der gekreuzigte Herr Jesus Christus ihr Mittelpunkt bleibt, solange sie IHN verkündigt und predigt in alle vier Himmelsrichtungen und in allen Sprachen; solange sie festhält an den Mitteln Seiner Gnade und tauft und in seinem Namen und seiner Vollmacht seinen wahren Leib und sein wahres Blut austeilt zur Vergebung der Sünden. Denn am Karfreitag hatte Gott alles vollbracht.

Amen.