Predigt

(Pastor Gert Kelter am 2. Sonntag im Advent 2002)

Unsere Existenz beruht auf der Kraft des Wortes Gottes

Und es werden Zeichen geschehen an Sonne und Mond und Sternen, und auf Erden wird den Völkern bange sein, und sie werden verzagen vor dem Brausen und Wogen des Meeres, und die Menschen werden vergehen vor Furcht und in Erwartung der Dinge, die kommen sollen über die ganze Erde; denn die Kräfte der Himmel werden ins Wanken kommen. Und alsdann werden sie sehen den Menschensohn kommen in einer Wolke mit großer Kraft und Herrlichkeit. Wenn aber dieses anfängt zu geschehen, dann seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.

Und er sagte ihnen ein Gleichnis: Seht den Feigenbaum und alle Bäume an: wenn sie jetzt ausschlagen und ihr seht es, so wisst ihr selber, dass jetzt der Sommer nahe ist. So auch ihr: wenn ihr seht, dass dies alles geschieht, so wisst, dass das Reich Gottes nahe ist. Wahrlich, ich sage euch: Dieses Geschlecht wird nicht vergehen, bis es alles geschieht. Himmel und Erde werden vergehen; aber meine Worte vergehen nicht. (Lukas 21, 25-33)

Liebe Brüder und Schwestern in Christus,

„die Menschen werden vergehen vor Furcht und in Erwartung der Dinge, die kommen sollen über die ganze Erde, denn die Kräfte der Himmel werden ins Wanken kommen."

Seit über 2000 Jahren klingen den Christen diese Worte Jesu in den Ohren. „Es werden Zeichen geschehen." Zeichen sind dazu da, dass man sie sucht, erkennt und deutet. Der Evangelist Lukas ist eher zurückhaltend in der Beschreibung der Einzelheiten, aber Matthäus erläutert sehr ausführlich, um welche Zeichen es sich handelt: Kriege, Erdbeben, Hungersnöte, falsche Propheten stehen auf, die Christen werden bedrängt, gehasst und verfolgt, ein großer Abfall vom Glauben wird eintreten, die Christen entzweien sich untereinander und hassen sich gegenseitig.

Ist das nicht eine genaue Beschreibung dessen, was wir seit geraumer Zeit in den Nachrichten sehen und in den Zeitungen lesen? Kann man nicht jedem der genannten Ereignisse ein konkretes Geschehen der Gegenwart zuordnen? Ist nicht der falsche Prophet unter dem Namen Mohamed längst aufgetreten und sind nicht seine Anhänger gerade jetzt dabei, einen Hassfeldzug gegen die Christen zu führen? Flut- und Erdbebenkatastrophen werden von allen Enden der Welt gemeldet, Hungersnöte, Großbrände, die Weltseuche Aids und zugleich ein allgemeiner Abfall vom christlichen Glauben, eine Selbstauflösung der Kirchen in scheinliberale Allerweltsansichten, die niemanden mehr interessieren: Ist es also in Kürze so weit, daß der Menschensohn zum Gericht kommt?

Liebe Gemeinde: Zwei Trostbotschaften habe ich diesen Fragen entgegen zu setzen. Eine eher weltlich-rationale und eine sehr geistliche, aus dem heutigen Evangelium geschöpfte. Beide gehören aber zusammen und ergänzen sich gegenseitig.

Die erste Trostbotschaft:

Die Zeichen der Zeit sind da. Es gibt sie wirklich und sie gehören auch tatsächlich zu den von Christus vorausgesagten und von den Evangelisten überlieferten Zeichen des nahen Endes.

Aber: Es gab sie bereits zu Jesu Zeiten und es gab sie während der ganzen letzten 2000 Jahre. Sie hatten teilweise andere Ursachen. Was wir heute „Naturkatastrophen" nennen, ist vielfach eine Folge des verantwortungslosen Umgangs der Menschen mit der Natur. Und wo früher Pest und Pocken Angst und Schrecken verbreiteten, haben sich Seuchen unter anderen Namen breit gemacht. Aber alle, die vor uns lebten, konnten aus der Liste der Zeichen des nahen Endes für ihre jeweilige Gegenwart alles herauslesen, was wir auch heute daraus entnehmen können. Geändert hat sich sicherlich, dass wir heute aufgrund der Informationsvernetzung durch elektronische Medien immer sofort wissen, was in anderen teilen der Welt geschieht. Dadurch entsteht sehr leicht der Eindruck, die Zeichen der Zeit, der Endzeit nämlich, hätten dramatisch zugenommen. Wenn vor 300 Jahren in Sachsen eine Flutkatastrophe eintrat, wusste man das in Bayern oder Holstein auf dem Land entweder gar nicht oder erst vom Hörensagen Monate oder Jahre später. Heute ist jedes begrenzte regionale Ereignis am selben Abend in unseren Wohnzimmern.

Man könnte ohne Mühe für jedes Jahrzehnt seit Christi Himmelfahrt eine Auflistung der weltweit geschehenen Naturkatastrophen, Hungersnöte, Seuchen, Kriege und Christenverfolgungen erstellen und würde erkennen: Die Ankündigungen Christi haben sich in jedem Jahr der letzten zwei Jahrtausende weltweit erfüllt.

Es kommt also darauf an, die Zeichen richtig einzuordnen, damit man nicht zu denen gehört, die vor Furcht vergehen und aus Furcht und Verzagtheit das Leben verpassen, das Gott uns auf dieser Erde und in dieser vergehenden Zeit geschenkt und anvertraut hat.

Um die Zeichen der Zeit richtig einordnen zu können, brauchen wir Gottes Wort. Das nämlich – und darin liegt die zweite, die geistliche Trostbotschaft - zeigt uns, wie wir die Zeitzeichen zu verstehen haben.

Ja, sagt es uns, es wird alles vergehen. Und die Vergänglichkeit dieses Universums kündigt sich unaufhörlich an, solange, bis die Zeit erfüllt ist und Christus wiederkommt. Aber wenn ihr das alles seht, dann braucht ihr gerade nicht zu denen zu gehören, die vor Furcht vergehen, die verzweifelt und entmutigt die Hände und den Kopf hängen lassen, weil sowieso „alles den Bach runter geht." Wenn aber dieses anfängt zu geschehen, „dann seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht."

Das ist die Botschaft.

Nicht einfach nur „Kopf hoch!", sondern: Ihr braucht keine Angst zu haben. Ihr könnt erhobenen Hauptes und mit aufrechtem Gang durchs Leben gehen, denn eure Erlösung ist schon nahe. Und dieselben Zeitzeichen, die die anderen in die Verzweiflung treiben, sind für euch eindeutige Hinweise, ja geradezu Be-weise dafür, dass Gottes Wort nicht lügt und leere Versprechungen macht, sondern unvergänglich und ewig ist und sich erfüllt.

Liebe Gemeinde, das ist ähnlich wie bei manchen Krankheiten, die verschiedene Phasen durchlaufen. Ich lese darüber gerade in einer Biographie über die russische Zarin Katharina die Große. Das 18. Jahrhundert wurde immer wieder von Pocken- und Pestepidemien heimgesucht, die auch vor den Herrscherhäusern nicht halt machten.

Sowohl bei den Pocken als auch bei der Pest entscheidet sich in der Krise der Erkrankung, also auf dem Höhepunkt des Leidens, ob der Patient die Krankheit überlebt oder ob sie für ihn einen tödlichen Verlauf nimmt. Makabererweise ist es beispielsweise bei der Beulenpest so, dass die Krankheit fast immer tödlich verläuft, wenn die Pestbeulen geschlossen bleiben und nicht aufbrechen. Obwohl es für die Kranken wie für die Angehörigen der Gipfelpunkt unglaublicher Qualen ist, wenn die Beulen aufbrechen und der sprichwörtlich wie „die Pest stinkende" Eiter sich entleert, ist für die Wissenden, die Heilkundigen, die Ärzte dann der Moment des Aufatmens, des Hoffnungsschöpfens gekommen.

Was für die Unkundigen, die die Zeichen nicht zu deuten wissen, wie der Schlusspunkt erscheinen muss, hinter dem nur noch und unausweichlich der Tod kommt, was für den Unkundigen Grund ist, den Kopf hängen zu lassen, ist für den Kundigen, der die Zeichen deuten kann, Anlass dazu, erleichtert das Haupt zu erheben, sich aufzurichten, das Nötige zu tun und der Genesung entgegenzugehen.

„So auch ihr", sagt Jesus, „wenn ihr seht, dass dies alles geschieht, so wisst, dass das Reich Gottes nahe ist."

Was ist denn so tröstend daran, dass wir wissen, dass Gottes Wort ewig bleibt und nicht derselben Vergänglichkeit unterworfen ist, wie diese Welt? Ist es nicht so, als sagte man mir: Du wirst sterben, aber dein Grabstein wird überdauern? Betrifft mich das dann noch?

Es ist nicht so. Denn alles, was ist, ist nur durch die Kraft des Wortes.

Am Anfang sprach Gott „Es werde", und es wurde die Welt. In meiner Taufe sagte mir Gott in seinem Wort zu: Du bist und bleibst mein geliebtes Kind. Und das gilt. In der Beichte sagt mir Christus in der Kraft seines ewigen Wortes: Dir sind deine Sünden vergeben. Und das gilt. Im Hl. Abendmahl wirkt das Wort des lebendigen Gottes, dass Christus in mir bleibt und ich in ihm. Und das gilt.

Als Geschaffenes Wesen und als erlöster Mensch bin und bleibe ich in der Kraft des Wortes Gottes. Und wenn das Wort bleibt, bleibe ich auch und werde nicht vergehen, wenn Himmel und Erde vergehen.

Zur Zeit führt ein Mann aus Hessen einen Prozess gegen einen Amerikaner, der den Mond in Parzellen geteilt hat und diese Parzellen verkauft. Der Hesse behauptet, er habe den Mond von seinen Vorfahren geerbt, die ihn ihrerseits einmal von Friedrich dem Großen geschenkt bekamen. Wahrscheinlich ist Dummheit doch erblich. In jedem Fall aber spricht daraus eine Angst vor Heimatlosigkeit, eine Sehnsucht nach einem Platz, an dem ich bleiben kann, wenn alles andere vergangen ist. Warum sonst würde man sich ein Grundstück auf dem Mond kaufen? Wir wissen aus dem Wort Gottes, dass wir hier keine bleibende Statt haben, aber auch, dass Christus uns vorangegangen ist, um uns eine Wohnung im Haus seines Vaters zu bereiten. Für Gottes Volk ist noch ein Ruheort vorhanden, wenn alles vergangen ist und wenn Christus, der Menschensohn, wiedergekommen und alles neu gemacht hat.

Erhobenen Hauptes und aufrechten Ganges können wir durch unser Leben, dem Ende unseres Lebens entgegen und durch den Tod hindurch in die Geborgenheit der Ewigkeit gehen. Amen.