Predigt

(Pastor Gert Kelter am 22. Sonntag nach Trinitatis 2002)

In der Welt, aber nicht von der Welt.

Liebe Kinder, ich schreibe euch, dass euch die Sünden vergeben sind um seines Namens willen.
Ich schreibe euch Vätern; denn ihr kennt den, der von Anfang an ist. Ich schreibe euch jungen Männern; denn ihr habt den Bösen überwunden. Ich habe euch Kindern geschrieben; denn ihr kennt den Vater. Ich habe euch Vätern geschrieben; denn ihr kennt den, der von Anfang an ist. Ich habe euch jungen Männern geschrieben; denn ihr seid stark, und das Wort Gottes bleibt in euch, und ihr habt den Bösen überwunden.
Habt nicht lieb die Welt noch was in der Welt ist. Wenn jemand die Welt liebhat, in dem ist nicht die Liebe des Vaters. Denn alles, was in der Welt ist, des Fleisches Lust und der Augen Lust und hoffärtiges Leben, ist nicht vom Vater, sondern von der Welt.
Und die Welt vergeht mit ihrer Lust; wer aber den Willen Gottes tut, der bleibt in Ewigkeit.. (1 Joh 2, 12-17)

Liebe Brüder und Schwestern,

Das sog. „Berliner Heft", so genannt, weil es zum Berliner Kirchentag herausgegeben wurde, ist meiner Ansicht nach das Beste, was es aus unserer Kirche über unsere Kirche gibt. Darin findet sich eine Liste mit Hinweisen unter der Überschrift „Der Christ in der Gemeinde", in der bestimmte Verhaltensweisen genannt sind, die zum Leben in der Nachfolge Christi gehören. Die Frage „Wie soll und wie kann ich denn als Christ in dieser weitgehend unchristlichen Welt leben?" ist eine oft gestellte Frage, und wer sie stellt, möchte dann auch nicht hören: „Das musst du in eigener Verantwortung selbst herausfinden." Das tun moderne Menschen des 21. Jahrhunderts, auch wenn sie Christen sind, sowieso. Von der Kirche lässt sich kaum jemand mehr vorschreiben, was er zu tun oder zu lassen hat. Dennoch brauchen wir Orientierungshilfen und klare Standpunkte und sei es nur, um uns daran zu reiben und damit auseinanderzusetzen, um ggf. zu einem anderen, eigenen Standpunkt zu gelangen. Das scheinliberale Reden um den heißen Brei ist jedenfalls nicht das, was Menschen von der Kirche erwarten. In dieser Liste heißt darum auch sehr klar unter anderem: Zum Leben des Christen in der Gemeinde gehört:

- dass der Christ sich zur Kirche Jesu Christi bekennt und die Verbindung mit der Gemeinde sucht, mit ihr Gott lobt, sein Wort hört und brüderliche Liebe übt;

- dass er sich von Irrlehre und Sektiererei abwendet und sich zur unverfälschten Verkündigung der Christusbotschaft hält;

- dass er den Sonntag als den Tag des Herrn von unnötiger Arbeit frei hält;

- dass er im Hl. Altarsakrament die Verbindung mit Christus sucht und es oft empfängt, und zwar an solchen Altären, wo er die Gewissheit hat, dass das Sakrament der Einsetzung Christi gemäß gefeiert wird;

-dass er die Gelegenheiten zur Beichte und Lossprechung von seinen Sünden wahrnimmt;

-dass er in persönlichen Nöten Rat und Beistand seines Pfarrers erbittet;

-dass er ohne Menschenscheu seinen Glauben an Christus bekennt und gegenüber anderen bezeugt;

-dass er seine Ehe vor Gott schließt und ggf. bedenkt, ob er eine Ehe mit einem Nichtchristen oder Christusverächter eingehen kann;

-dass Eltern ihre Kinder frühzeitig zur Taufe bringen und lebendige Christen als Paten wählen;

- dass sie ihre Kinder christlich erziehen;

-dass ein Christ sich möglichst jeden Tag Zeit nimmt, in der Hl. Schrift zu lesen;

-dass er in seinem Hause nichts duldet, was die Ehrfurcht vor Gott und den Glauben verletzt;

-dass er von seinem Geld und Besitz für die Kirche und ihre Arbeit opfert;

-dass Schwerkranke nicht nur den Arzt für ihren Leib, sondern auch den Pfarrer für ihre Seele holen lassen;

-dass beim Sterben eines Angehörigen der Pfarrer zum Sterbesegen gerufen wird und möglichst eine Erdbestattung erfolgt;

-dass die Trauernden Trost suchen im Evangelium von der Auferstehung der Toten.

 

Ja, liebe Gemeinde, das wäre schön, wenn alle Glieder der Kirche ihr Leben so gestalteten und darüber hinaus ihr Christsein auch in ihren Berufen, in der Schule, in Vereinen, im Umgang mit Freunden und Nachbarn in klarer und eindeutiger Weise lebten. Aber wer das versucht, wird schnell merken, wie kompliziert das ist. Und ich will das auch gar nicht als faule Ausrede vorschnell abtun, wenn jemand etwa sagt: An dem einen oder anderen der genannten Punkte scheitere ich schon aus Zeitmangel. Ich komme einfach morgens nicht dazu, noch eine Andacht zu halten, weil ich für drei Kinder das Frühstück und die Pausenbrote vorzubereiten habe, den Bus erreichen muss, vielleicht schon Kartoffeln zu schälen habe, damit es beim Mittagessen später schnell geht und so weiter. An anderen Punkten reibe ich mich, weil ich im Alltag dauernd in Interessenkonflikte gerate: Soll ich widersprechen, gegen den Strom schwimmen und mir ständig Chancen verbauen und Feindseligkeiten oder Unverständnis einhandeln oder soll ich mich doch gelegentlich anpassen, Kompromisse schließen, schweigen, aber damit sicher nicht dem gerecht werden, was in dieser Liste als vorbildliches christliches Leben beschrieben wird.

Dietrich Bonhoeffer hat diese Gratwanderung einmal so beschrieben: Als Christen sind wir zwar in der Welt, aber wir sind nicht von der Welt.

Es gab in der Kirche immer Christen, die in der totalen Weltverweigerung einen Ausweg aus diesem Konflikt sahen und sich hinter Klostermauern , in Wüsteneinsiedeleien oder fundamentalistische Sekten zurückgezogen haben. „Nur ja keine Berührung mehr mit der bösen Welt haben!"

Übrigens ist das nicht nur ein typisch christlicher Konflikt, sondern der uralte Widerspruch zwischen Anspruch und Wirklichkeit, mit dem auch sehr werte- und idealbezogene politische Parteien, z.B. die Grünen zu kämpfen haben. Hier spricht man dann von den Realisten, den „Realos" und den Fundamentalisten, den „Fundis". Die einen versuchen sich anzupassen, wenigstens eine Teil ihrer Ideale in dieser Welt zu verwirklichen, die anderen verweigern sich und ziehen sich zurück in eine Aussteigerwelt.

Und dann gibt es, und das auch bei Christen, diejenigen, die zwischen die Fronten und in die Mühlen geraten und an dem Konflikt zerbrechen. Wenn ich meine Ideale in dieser Welt nicht verwirklichen kann, dann scheinen diese Ideale eben weltfremd, utopisch und sinnlos zu sein. Also ziehe ich aus allem meinen eigenen Nutzen, kümmere mich um gar nichts mehr und lebe eben mit größtmöglichem Lustgewinn so vor mich hin.

Die Frage, mit der sich auch der Apostel und Evangelist Johannes befasst, ist: Gibt es denn keinen christlichen Weg des Umgangs mit dieser Welt, durch den man in der Welt verantwortlich leben kann, ohne sie grundsätzlich zu hassen und in Bausch und Bogen zu verwerfen?

Fast jeder wird das von Johannes in seinem Evangelium überlieferte Christuswort kennen: <Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben>

Das heißt aber doch: Gott liebt diese Welt und hasst sie nicht. Er, der Schöpfer, hat sie aus Liebe geschaffen und aus Liebe erlöst. Aus Liebe erhält er sie bis heute und aus Liebe wird er sie neu schaffen und vollenden. Und dann wird ER, der die Liebe ist, sein alles in allem. Das ist christliche Urbotschaft: Gott liebt diese Welt. Dürfen wir sie dann hassen und verachten, wo Gott seinen Sohn für sie dahingegeben hat? Christlich kann das ganz offenkundig nicht sein.

Wie aber sind dann die Worte des Apostels Johannes zu verstehen: <Habt nicht lieb diese Welt>? Wenn ich die Welt nicht liebhaben soll, dann muss ich sie doch hassen.

Das ist genau der Kurzschluß der Fundamentalisten, die einen wichtigen Unterschied nicht beachten: Es geht nicht darum, die Welt um ihrer selbst willen zu lieben, sondern darum, die Welt um Gottes willen zu lieben, sie mit den Augen Gottes zu sehen und zu bewerten, sich hineinnehmen zu lassen in die Liebe Gottes zu dieser Welt. Und das heißt, die Welt so zu sehen, wie Christus, der vor seinem Einzug in Jerusalem das geschäftige, lebendige Treiben der Stadt sah und weinte: <Wenn doch auch du erkenntest zu dieser Zeit, was zum Frieden dient! Aber nun ist’s vor deinen Augen verborgen.>

Er sagt nicht: Toll, diese Welt, wie sie so munter vor sich hinlebt, also hinein ins Getümmel und kritiklos mitgemacht. Das Leben ist kurz, also lasst es uns genießen.

Jesus weint, aber wendet sich nicht angewidert und frustriert ab, er behauptet auch nicht, diese Welt sei nur eine Fiktion, eine Täuschung, für die es sich nicht einzusetzen lohnt, die man möglichst schnell auf geistige Weise hinter sich lassen und sich selbst überlassen müsse, sondern Jesus geht hinein nach Jerusalem. Als Diener, als Lamm Gottes, als Bote des Friedens, als der, der sich für sie opfert. Mit aller Verantwortung, mit aller Kraft und allen Gaben, mit aller Phantasie. Und das alles aus Liebe. Das ist etwas anderes als Selbstverwirklichung oder die Verwirklichung hoher Ideale im Maßstab 1:1. Das bedeutet Verzicht, das bedeutet: Ich komme nicht mit einer weißen Weste durchs Leben, wenn ich es in Verantwortung vor Gott und meinem Gewissen bestehen will.

Wer die Welt um ihrer selbst willen liebt, und davor warnt Johannes, der sieht die Welt als Angebot für die Begierde des Fleisches, als Verlockung für die äußerlichen Begehrlichkeiten der Augen, als Reiz zu protzigem, angeberischem Leben. Das ist nicht vom Vater, sagt Johannes, sondern von der durch die Sünde entstellten und verzerrten Welt, die vergehen wird. Sich diesen Begierden hinzugeben, in sie einzutauchen, entspricht nicht dem Willen Gottes und hat keinen Bestand und keine Verheißung.

Aber mitten in dieser von Sünde entstellten Welt der Begierden und vergänglichen Begehrlichkeiten existiert real und wirklich die von Gott liebevoll geschaffene und ursprünglich gemeinte Welt.

Diese von Gott geschaffene, geliebte und mit dem Blut seines Sohnes erlöste Welt immer vor Augen zu haben und zugleich die verdorbene, entstellte Welt zu überwinden, das ist unsere Lebensaufgabe als getaufte Christen. Aus eigener Kraft können und müssen wir das nicht. Darum beginnt Johannes seine klaren Worte auch mit der Zusage: Ihr kennt, d.h. ihr habt erkannt den, der von Anfang ist und in dieser Erkenntnis habt ihr auch einen geistlichen Durchblick und könnt das, was heute vor Augen ist, davon unterscheiden.

Euch sind eure Sünden vergeben. Darum braucht ihr auch keine Angst vor der sündigen Welt zu haben, denn ihr lebt jeden Tag aus der Vergebung. Ihr seid stark, das Wort Gottes bleibt in euch wie eine innere Abwehr. Darum seid ihr resistent gegenüber den krankmachenden Dingen dieser Welt. Ihr habt in Christus und durch Christus den Bösen bereits überwunden. Darum seid ihr auch gut gewappnet für den Kampf, der euch verordnet ist.

Liebe Gemeinde, so kann man in dieser Welt und für diese Welt leben, ohne sich an sie zu verlieren. Und wenn die Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit zu groß zu werden scheint, dann ist nicht Weltflucht, sondern die Flucht in die Arme Jesu Christi die richtige Richtung. Die sind und bleiben ja weit ausgebreitet für mich, wenn ich in dieser Welt und an ihr scheitere. Unter diesen ewigen Armen habe ich ja inmitten dieser Zeit und Welt Zuflucht und Geborgenheit, erhalte dort neue Kraft, klare Wegweisung und allen Trost, den ich brauche. Solange und so oft, bis ich mein Ziel erreicht habe und mit Christus ewig lebe, der die Welt überwunden hat. Amen.