Beichtansprache

(Pastor Gert Kelter am 22. Sonntag nach Trinitatis 2002)

Den Begierden verfallen.

Laßt uns ehrbar leben wie am Tage, nicht in Fressen und Saufen, nicht in Unzucht und Ausschweifung, nicht in Hader und Eifersucht;
sondern zieht an den Herrn Jesus Christus und sorgt für den Leib nicht so, daß ihr den Begierden verfallt. (Römer 13,13-14)

Liebe Beichtgemeinde,

im Anhang unseres Gesangbuches findet sich ein Beichtspiegel, also ein kritischer Fragenkatalog, der anhand der Zehn Gebote Gottes zur Selbsterkenntnis als Vorbereitung auf die Beichte führen möchte. In diesem Beichtspiegel findet sich die Frage: „Habe ich unkeusche Dinge getan?" Und wie nicht anders zu erwarten, liest man diese Frage unter dem 6. Gebot „Du sollst nicht ehebrechen".

Unkeuschheit wird fast immer im Zusammenhang mit sexuellen Sünden, also Gebotsübertretungen aus dem Bereich verbotener körperlicher Lust verstanden. Wer in einer geordneten Ehe lebt oder alleinstehend und enthaltsam lebt, scheint deshalb von vornherein nicht betroffen zu sein, allenfalls noch in der Form unkeuscher Gedanken, die wir aber gerne bereit sind, als unausweichlich und eben ganz normal abzutun.

Unkeuschheit oder „Wollust", wie sie an einigen Stellen des Neuen Testamentes auch heißt, kann aber geradezu ein charakteristisches Grundübel, eine prägende Wurzelsünde eines Menschen sein, auch wenn sich ein solcher im geschlechtlichen Bereich keiner Übertretung bewusst ist.

Unkeuschheit hat nämlich etwas mit Machtausübung zu tun, mit einer Rücksichtslosigkeit, einer Respektlosigkeit gegenüber anderen Menschen. Um mich zu behaupten, mich zu verwirklichen, meine Vorstellungen und Bedürfnisse zu befriedigen ist mir fast jedes Mittel recht. Die Gefühle, Bedürfnisse und Wünsche des anderen Menschen sind mir eher gleichgültig. Ich bin stark und mächtig, sagt sich der Unkeusche und es ist nicht mein Problem, wenn andere schwach und ohnmächtig sind und sich meinen Forderungen kampflos beugen.

Unkeusche Menschen haben oft einen scharfen Blick für Ungerechtigkeiten und lieben es, die Dummheit, Ungerechtigkeit oder Schwäche anderer zu entlarven. Und zwar durch aggressives Bloßstellen. Sie respektieren aber die Verletzlichkeiten anderer nicht, setzen sich darüber hinweg in dem selbstgerechten Bewusstsein, für die Gerechtigkeit, für die Wahrheit einzutreten.

Das tun sie mit großer Energie und Leidenschaft und genießen es, und darin zeigt sich auch wieder die Unkeuschheit und Wollust von ihrer dunkelsten Seite, wenn durch ihre vermeintliche Offenheit und Ehrlichkeit, peinliches Schweigen entsteht und die Entlarvten und Bloßgestellten mit blutenden Seelenwunden auf der Strecke bleiben.

Dieselben Menschen, die sie wie Elefanten im Porzellanladen verhalten, haben aber oft auch ein Gespür für wirkliche Schwäche. Und diese Seite kann in ihnen zum Klingen gebracht werden, wenn andere Starke die wirklich Schwachen ausnutzen und unterdrücken. Mit derselben Leidenschaftlichkeit und Respektlosigkeit gegenüber Höhergestellten oder Mächtigen und Einflußreichen setzen sie sich dann für die schutzbedürftigen Schwachen ein.

Es ist interessant festzustellen, daß viele Missionare im tiefsten Inneren von der Wurzelsünde der Unkeuschheit und Wollust beherrscht werden und ihr Leben lang dagegen ankämpfen müssen. Auch Martin Luther gehört zu den kraftvollen Gestalten der Kirchengeschichte, deren Grundsünde die Unkeuschheit war. Mit allen genannten Licht- und Schattenseiten dieses Charaktertypes.

Und gerade bei Luther wird auch deutlich, daß das respektlose Macht- und Rechthabenwollen tatsächlich mit anderen Folgeerscheinungen dieser Wurzelsünde einhergeht: Mit Fressen und Saufen und Hader – also einer gewissen Lust am Streiten und Kämpfen.

Man ist versucht, bei solchen Menschen und auch bei sich selbst, wenn man dazugehört, sehr nachsichtig zu sagen: Das ist eben eine rauhe Schale mit einem weichen Kern. Aber mit dieser freundlichen Bemerkung läßt es sich nicht entschuldigen, daß diese Menschen auf anderen herumtrampeln und ihre Bedürfnisse und Gefühle mit Füßen treten, daß sie jähzornig wie Vulkane mit unbedachten Worten verwunden und zerstören. Sie selbst sind oft bewundernswert wenig nachtragend und können dann gar nicht begreifen, wie sehr und nachhaltig andere unter ihrem Wüten leiden und so schnell gar nicht vergessen und vergeben können. Unkeusche Menschen machen sich und anderen das Leben oft sehr schwer.

Christus ist in allem versucht worden wie wir und kennt uns nicht nur theoretisch, sondern von ganz unten aus der Praxis tiefster Verlorenheit. Aber Christus ist der Versuchung eben nicht erlegen, sondern hat das Böse der Versuchung mit Gutem überwunden. Er konnte - wie bei der Tempelreinigung - wütend für die Wahrheit, die unverletzte Heiligkeit und die Gerechtigkeit eintreten. Aber er hat doch das Wüten der Ungerechtigkeit und Gottlosigkeit am Ende am eigenen Leib erduldet und auf sich geladen und dadurch überwunden. So vollkommen, daß auch wir, wenn wir „in Christus" sind, Teilhaber an diesem Sieg sind.

„Zieht an den Herrn Jesus Christus", mahnt der Apostel Paulus die Wollüstigen und Unkeuschen. Schon diese Bildrede macht deutlich, daß der Unkeusche tatsächlich selbst auch entblößt dasteht, wenn er andere bloßstellt. Indem er andere demütigt und vor den Augen der Welt nackt auszieht, schamlos und respektlos, diese Nacktheit ist ihm selbst auch zu eigen. Und ganz tief innen leidet er auch darunter. Diese schamlose Blöße will Christus bedecken. So wie Gott schon am Anfang die Nacktheit der ersten Menschen, die sich nach dem Sündenfall der Blöße bewußt werden, die sich durch die Gebotsübertretung gegeben haben und sich dafür schämen, so wie Gott schon am Anfang diese Nacktheit mit Milde und Güte bedeckt hat, indem er sie bekleidete mit Fellen. Die kläglichen Schurze aus Feigenblättern, hinter denen wir uns mit unserer Scham zu verstecken suchen, muß uns Gott zuvor vom Leibe reißen. Vor ihm müssen wir nackt und bloß, ohne Selbstrechtfertigung und Lebenslügen stehen, vor ihm müssen wir uns unserer Unkeuschheit und Wollust schuldig geben, damit er uns mit Vergebung umhüllen kann.

Christi Blut und Gerechtigkeit, das ist mein schönstes Ehrenkleid.

Zieht den Herrn Christus an, laßt euch versöhnen von Gott und mit Gott, bekennt eure Sünde und empfangt das Ehrenkleid, das euch wieder tauf-frisch werden läßt. Damit könnt ihr vor Gott bestehen. Amen.