Predigt

(Pastor Gert Kelter am 21. Sonntag nach Trinitatis 2002)

Zusammen in einem Leib.

Denn wie der Leib einer ist und doch viele Glieder hat, alle Glieder des Leibes aber, obwohl sie viele sind, doch ein Leib sind: so auch Christus. Denn wir sind durch einen Geist alle zu einem Leib getauft, wir seien Juden oder Griechen, Sklaven oder Freie, und sind alle mit einem Geist getränkt.
Denn auch der Leib ist nicht ein Glied, sondern viele. Und wenn ein Glied leidet, so leiden alle Glieder mit, und wenn ein Glied geehrt wird, so freuen sich alle Glieder mit. Ihr aber seid der Leib Christi und jeder von euch ein Glied. (1 Kor 12, 12-14.26-27)

Liebe Brüder und Schwestern,

die Korinther Christengemeinde war vielleicht eine der tragischsten der Kirche zu neutestamentlichen Zeiten. Ihre Glieder waren getauft, hatten den Heiligen Geist empfangen und mit ihm viele seiner Gaben. Man hätte von dieser Gemeinde viel erwarten können. Und trotzdem nennt der Apostel Paulus sie fleischlich und ungeistlich. Das klingt völlig unlogisch und beantwortet doch zugleich die Frage, die auch gar nicht wenige Christen heute und auch in unserer Kirche bewegt, nämlich: Wieso merkt man in einer Gemeinde getaufter und also mit den Gaben des Geistes beschenkter und versiegelter Christen, die regelmäßig Gottesdienst feiern, also Gottes Wort hören und seine Sakramente empfangen, wieso merkt man da oft so wenig von der Kraft des Heiligen Geistes; warum entfalten sich die Gaben nicht soviel eindrucksvoller?; weshalb prägen Zank, Eifersucht, Rechthaberei, Profilneurosen, ungeistliche Vereinsmeierei, der es nur um Selbstbestätigung, aber nicht um Ausbreitung des Evangeliums geht, warum prägt das alles auch die christlichen Gemeinden? Das passt doch gar nicht zusammen. Also scheint es, meinen dann manche, vielleicht doch mit der Kindertaufe nichts zu sein. Oder es müssen andere Gottesdienstformen her, andere Lieder, andere kirchliche Strukturen, andere Formen des Gebetes und so weiter.

Und einige, die auf dieser Schiene weiterdenken, verlassen dann ihre Gemeinde und suchen sich eine andere, die ihrer Ansicht nach weniger fleischlich und also geistlicher ist.

Aber wer so denkt, ist erstens in hohem Maße selbstsüchtig, weil es ihm ja gerade nicht um das Ganze des Leibes Christi, sondern um seine ganz persönlichen geistlichen Bedürfnisse geht, und zweitens verkennt ein solcher Mensch vollkommen die Wirklichkeit der Kirche Christi, wie sie bereits im Neuen Testament beschrieben wird. Korinth ist nämlich äußerlich gesehen genauso eine Gemeinde, der sich ein Christ der eben beschriebenen Machart mit großer Wahrscheinlichkeit anschließen würde: Da gibt es geistbegabte Ekstatiker, die in Zungen reden und beten, da gibt es wundersame Krankenheilungen; man lese in den Korintherbriefen nach und man wird das Bild einer sogenannten charismatischen Gemeinde unserer Zeit finden. Und eben diese Korinther Gemeinde nennt der Apostel Paulus ungeistlich und fleischlich.

Denn, und jetzt zitiere ich den Prediger Billy Graham, der ja nicht gerade verdächtig ist, ein Förderer lutherischer Orthodoxie und Hochkirchlichkeit zu sein, „es gibt nichts Tragischeres, als eine Gabe Gottes, die für selbstsüchtige oder ungeistliche Zwecke missbraucht wird". Und der Methodistenprediger und frühere Leiter des Evangeliumsrundfunks Horst Marquart knüpft an diese Aussage an und fragt weiter: „Ist es nicht auch selbstsüchtig, wenn Glieder einer örtlichen Gemeinde in eine andere am selben Ort oder im Nachbarort gehen, weil sie dort (angeblich oder tatsächlich) mehr „geistliches Leben" finden? Nach meiner Erfahrung gehen manchmal Glieder aus einer Gemeinde heraus, die man gerade dort dringend braucht. Aber aus irgendwelchen Gründen sind sie nicht dienstbereit, statt dessen suchen sie nur eigenen geistlichen Gewinn."

Liebe Gemeinde, dem kann ich mich anschließen und an diesem Zitat prägt sich mir am stärksten der Begriff „dienstbereit" ein. Darum geht es: Dass jedes Glied am Leib Christi sich in den Dienst des Ganzen, in den Dienst der Einmütigkeit und Einheit stellen und nehmen lässt.

Kein Glied an einem Leib sucht es sich aber aus, Glied zu sein. Paulus sagt, wenn er die Kirche als Leib Christi beschreibt und die Entstehung dieser Leib-Einheit nachzeichnet: „ Wir sind durch EINEN Geist alle zu EINEM Leib getauft, wir seien Juden oder Griechen, Sklaven oder Freie, und sind alle mit EINEM Geist getränkt."

Das erinnert, und man kann förmlich hören, an den Grundgedanken des Predigttextes zum 17. Sonntag nach Trinitatis vor vier Wochen aus dem 4.Kapitel des Epheserbriefes: „Ein Herr, Ein Glaube, Eine Taufe."

Die Einheit des Leibes Christi besteht also nicht darin, dass wir Christen sie wollen und darum verwirklichen oder herstellen, sondern darin, dass wir durch den Einen Geist Gottes ohne unser Zutun zu diesem EINEN Leib getauft wurden. Der erste Schritt ist also: Wir werden durch die Taufe in den Leib Christi hineingetauft, eingepflanzt. Und zwar unterschiedslos, unabhängig, zu welcher Leiblichkeit wir vorher gehört haben mögen. Und dann werden wir mit EINEM Geist getränkt; das heißt: der Geist der Einheit, der Eine Geist des Einen und wahren Gottes wird in uns hineingegeben. Das geschieht im Heiligen Abendmahl. In dieser doppelten Bewegung: -In der Taufe hinein in den Einen Leib Christi, durch das Sakrament des Altars der Eine Leib Christi in uns, - kommt der göttliche Kreislauf in Gang. Das ist nichts anderes als das, was im Johannesevangelium mit dem Bild vom Weinstock und den Reben beschrieben wird und mit dem Wort vom unserem Bleiben in Christus und dem Bleiben oder Wohnen Christi in uns.

Wir suchen uns also nicht unseren Platz im Leib Christi aus. Er ist uns vorgegeben und zugewiesen-

Zur lebendigen Umsetzung dieser Erkenntnis gehört aber ein gewisser Verzicht. Um im Sprachbild vom Leib zu bleiben: Es ist verständlich, dass sich ein Fuß am wohlsten unter Füßen und eine Hand am wohlsten unter Händen fühlt. Mit anderen Worten: Wer mir ähnlich ist, ähnlich denkt wie ich, einer ähnlichen Bildungs- und Gesellschaftsschicht entstammt, einen ähnlichen Humor, eine ähnliche Frömmigkeitsprägung hat, dessen Gesellschaft und Gemeinschaft ist mir am angenehmsten. Aber die Kirche ist eben kein Verein Gleichgesinnter, sondern ein lebendiger Organismus. Und wenn sich Gemeinden so entwickeln, dass sich nur Gleich und Gleich gern gesellt, dann ist das so, als sagte der Fuß: Ich bin keine Hand und darum nicht Glied des Leibes. Auf diese ironische Weise versucht ja der Apostel Paulus, den Korinthern den ungeistlichen Irrsinn ihres Denkens und Verhaltens aufzuzeigen.

Ein Leib ist nur dann ein Leib, wenn jeder an seinem Ort mit seinen Gaben der Einheit des Ganzen dient und sich dabei dem Haupt unterordnet. Eben das bedeutet Verzicht. Verzicht darauf, sich selbst mit seinen Gaben, Eigenschaften und Vorstellungen absolut zu setzen und von den anderen Gliedern zu verlangen, so zu sein oder zu werden, wie man selbst ist und denkt und empfindet. An einem Leib gibt es Organe und Glieder, die sehr unscheinbar und vielleicht sogar verzichtbar wirken, deren Bedeutung einem erst dann aufgeht, wenn sie plötzlich fehlen. In meiner Familie hatte jemand in relativ jungen Jahren eine schwere Arthrose am Daumengelenk. Um die Schmerzen in den Griff zu bekommen, musste dieses Gelenk schließlich versteift werden. „Meine Güte", könnte man denken, „ein Gelenk, ein kleines Daumengelenk weniger, das macht doch nichts." Tatsächlich aber stellt der Verlust der Beweglichkeit dieses einen kleinen Gelenkes eine ganz erhebliche Behinderung bei alltäglichen Verrichtungen dar. „Wenn ein Glied leidet, so leiden alle Glieder mit", beschreibt der Apostel diese Erfahrung. Am eigenen Leib ist das gut nachvollziehbar. Am Leib der Kirche kann es manchmal lange dauern, bis die leidvollen Folgen des Verlustes eines Gliedes die ganze Gemeinde auch spürbar in Mitleidenschaft zieht.

Und trotzdem gehorcht der Leib der Kirche denselben Gesetzen eines lebendigen Organismus wie der menschliche Körper. Es gibt vielleicht nur die Weisheitszähne und den Blinddarm, die im Körper eines Menschen wirklich spurlos verzichtbar sind. Aber selbst hier wäre ich nicht sicher, ob nicht Mediziner vielleicht auch für diese beiden Beispiele Situationen kennen, in denen Blinddarm und Weisheitszähne eine Bedeutung haben. Immerhin: Die Gesamtwirkung des Leidens als Folge der Erkrankung der genannten, scheinbar bedeutungslosen Körperteile wird jeder bestätigen, der einmal an Blinddarmentzündung oder schmerzhaften Weisheitszähnen gelitten hat: leidet ein Glied, leiden alle Glieder mit.

Fassen wir das bisher Gesagte noch einmal kurz zusammen, bevor noch ein letzter, ganz wesentlicher neuer Gesichtspunkt in den Blick kommt:

Die Kirche ist der Leib Christi. Das gilt nicht nur bildlich, sondern wörtlich. Wie der Körper ein lebendiger Organismus ist, so ist die Kirche ein lebendiger Organismus mit dem Haupt Christus. Jedes Glied, wie unbedeutend es auch scheinen mag, hat dabei eine unverzichtbare Aufgabe und unverwechselbare Funktion. Konkurrenzdenken, Machtstreben des einen auf Kosten des anderen Gliedes schaden dem lebendigen Organismus, verstümmeln den Leib, widersprechen der Bestimmung der Kirche, EINE zu sein. Diese Einheit ist der Kirche durch ihr Haupt vorgegeben. Als Einheit ist die Kirche auch Leidensgemeinschaft. Das Leid des einen ist immer auch das Leid aller. Die Sünde des Einen betrifft immer den ganzen Leib. Das Verweigern der Funktion des einen Gliedes, also sinngemäß: Die Weigerung, die Geistesgaben für das Ganze der Gemeinde, das Ganze der Kirche in den Dienst zu stellen, beschädigt den Leib Christi, ist Raub.

Und nun kommt der andere Gesichtspunkt: Die Kirche als Leib Christi ist auch eine unteilbare Freudengemeinschaft. Die Einheit im Leiden ist nur die Kehrseite der Einheit in der Freude.

Brüder und Schwestern: Das nicht nur mit dem Verstand zu begreifen, sondern im geistlichen Leben nachzuvollziehen ist eine geistliche Kunst, die ohne Gottes Geist und Kraft nicht möglich wäre, die aber zu einer ganz neuen und erfüllenden Geisteserfahrung wird, wenn man sich darauf einlässt und sich dem Wirken des Geistes nicht verschließt. Was heißt das?

Es heißt im Ergebnis, den Neid zu überwinden. Den Neid, der zu den Grundübeln, den Wurzelsünden des Menschen gehört. Neid verbrennt einen Menschen innerlich. Paulus beschreibt den Mechanismus des Neides mit der ironisch-humorvollen Fragekette: Wenn aber der Fuß spräche: ich bin keine Hand, darum bin ich nicht Glied des Leibes und so weiter.

Das neidische, geizige Schielen auf das, was ich nicht bin, auf das, was ich nicht kann oder nicht habe oder nicht weiß ist die Quelle der Unzufriedenheit und des Unfriedens. Es macht mich unstet und flüchtig wie Kain, nachdem er aus Neid seinen Bruder Abel erschlagen hatte. Solange Neid mich beherrscht, solange ich mich nicht über die Gaben des anderen mitfreuen kann, lebe ich aus dem Grundgefühl des Mangels, des Zukurzgekommenseins. Darum betet Paul Gerhardt in dem Morgenlied, das wir zu Beginn in einigen Versen gesungen haben: „Lass mich mit Freuden / ohn alles Neiden sehen den Segen, den du wirst legen in meines Bruders und Nähesten Haus. Geiziges Brennen, unchristliches Rennen nach Gut mit Sünde, das tilge geschwinde / von meinem Herzen und wirf es hinaus." (ELKG 346, 6)

So wie Mitleid bedeutet, das Leiden des anderen zu meinem Leiden zu machen, Anteil daran zu nehmen, also daran einen Anteil zu haben in dem Bewusstsein, mit diesem anderen zusammenzugehören, von ihm und einem Leiden nicht absehen zu können, heißt Mitfreude umgekehrt: Anteil an seiner Freude zu haben und diese Freude zu meiner Freude zu machen.

Anstelle von Freude ließe sich nun auch „Gaben", „Fähigkeiten", „Stärken", „Eigenschaften" einsetzen. Solche Mitfreude setzt die geistliche Erkenntnis voraus, dass ich mit den anderen unauflöslich zusammengehöre in einem Leib der auf Christus getauften und mit seinem Geist getränkten Glieder, nämlich der Kirche.

Wie so vieles im geistlichen Leben ein Wachstumsprozeß ist, ist auch die Überwindung des Neides und das Erlernen der geistlichen Mitfreude ein Wachstumsprozeß. Das muss man üben, dabei gibt es auch Stillstände und Rückschläge. Aber wer sich darauf einlässt, ganz simpel und einfach, der wird auch zutiefst erfüllende Glückserfahrungen machen. Und die lassen sich auch in die kleine Münze des alltäglichen Lebens wechseln. Nur ein Beispiel, das deutlich macht, dass es hier nicht nur um eine christlich angehauchte Gebrauchspsychologie geht, sondern um eine exklusiv urchristliche Erfahrung: Wenn ich als Christ einen leidenden Menschen in seinem Sterben begleite und dies in dem Glauben an die Einheit des Leibes Christi tue, werde ich das Mitleiden des einen Gliedes am Leiden des anderen in seiner Tiefe und Würde erfahren. Und der Sterbende wird sich so wirklich getragen und verstanden und geborgen wissen. Aber an der Grenze des Todes und vor allem darüber hinaus weiß ich, dass dann die Zeit des Mitleidens vorbei ist und die Zeit der Mitfreude beginnt. Denn der im Glauben heimgegangene Christ hat nun Anteil an der Vollendung, an der Herrlichkeit Christi, an der Seligkeit und dem Frieden Gottes. Und er bleibt Glied an dem Leib Christi, in den er einmal hineingetauft wurde und von dem er zu Lebzeiten immer wieder erfüllt, genährt und getränkt wurde. An demselben Leib, zu dem ich als der noch auf dieser Erde lebende auch gehöre. Mit anderen Worten: Ich habe Anteil an der Freude, an der Seligkeit, am Frieden derer, die schon schauen, was sie geglaubt haben. Wenn ich das weiß und glaube, dann wird mir das auch helfen, in meiner Trauer mein Selbstmitleid über den erlittenen Verlust als solches zu enttarnen und Schritt für Schritt zu überwinden hin zur Mitfreude am Heil und am Frieden des Heimgegangenen.

Es lohnt sich, Brüder und Schwestern, die geistliche Mitfreude einzuüben. Und fragst du, wann man denn damit am besten beginnt, dann antworte ich: Am besten dann, wenn du gerade wieder neidisch auf jemanden blickst, der etwas kann, was du nicht kannst und dafür beachtet oder gelobt wird. Und wenn sich dann bei dir der ungeistliche, fleischliche Mechanismus in Gang setzen will, der den anderen herabsetzt, seine Gabe als unwichtig, sein Verhalten als aufgeblasen und wichtigtuerisch verunglimpfen will, exakt dann lass dich vom Bild der Kirche als Leib Christi beeindrucken. Exakt dann mache dir bewusst, dass der andere mit seinem Können unauflöslich zu dir gehört und du daran unmittelbar Anteil hast und die ganze Gemeinde, die ganze Kirche dadurch strahlt und leuchtet und wirkt. Freue dich am Erfolg, an der Gesundheit, an den Gaben des anderen wie an deinen eigenen oder denen deiner Kinder. Und der Friede Gottes, der höher ist, als alle Vernunft, die uns neidische Gedanken und Gefühle eingibt, wird über dich kommen, dich erfüllen und bewahren in Christo Jesu. Amen.