Beichtansprache

(Pastor Gert Kelter am Sonntag Invokavit 2001)

Du sollst den Feiertag heiligen!

 

Gedenke des Sabbattages, dass du ihn heiligst. Sechs Tage sollst du arbeiten und alle deine Werke tun. Aber am siebenten Tage ist Sabbat des HERRn, deines Gottes. Da sollst du keine Arbeit tun, auch nicht dein Sohn, deine Tochter, dein Knecht, deine Magd, dein Vieh, auch nicht dein Fremdling, der in deiner Stadt lebt. Denn in sechs Tagen hat der HERR Himmel und Erde gemacht und das Meer und alles, was darinnen ist, und ruhte am siebenten Tag. Darum segnete der HERR den Sabbattag und heiligte ihn. (2 Mose 20, 8-11)

Den Sabbattag sollst du halten, dass du ihn heiligst, wie dir der HERR, dein Gott, geboten hat.(...)

Denn du sollst daran denken, dass auch du Knecht in Ägyptenland warst und der HERR, dein Gott, dich von dort herausgeführt hat mit mächtiger Hand und ausgestrecktem Arm. Darum hat dir der HERR, dein Gott, geboten, dass du den Sabbattag halten sollst. ( 5. Mose 5, 12 + 15)

Liebe Beichtgemeinde,

so kann man sich täuschen: Wir sind es gewohnt, die 10 Gebote ausschließlich als Gesetz Gottes für uns zu verstehen. Erst, wenn wir, statt der gekürzten Lutherfassung „Du sollst den Feiertag heiligen" den biblischen Wortlaut, der uns im Alten Testament in zwei sich ergänzenden Fassungen begegnet, hören, merken wir vielleicht, wie sehr das 3. Gebot Gesetz und Evangelium, Anspruch und tröstender, befreiender Zuspruch Gottes zugleich ist.

Diese vielschichtige Bedeutung erschließt sich durch die Begründungen, die uns überliefert werden.

Zunächst heißt es, dass Gott selbst nach sechs Schöpfungstagen ruhte und den siebenten Tag heiligte und ihn segnete. Was heißt das?

Der siebente Tag nimmt eine Sonderstellung ein. Er ist „geheiligt", d.h. herausgenommen aus der Abfolge der Arbeitstage. Und er ist „gesegnet", d.h. unter Gottes besonderen Schutz gestellt. Es ist Gottes Tag, sein Eigentum, ganz in seine Verfügung gestellt. Gottes Volk soll Anteil nehmen und Anteil haben an seiner Ruhe.

Man spricht heute manchmal von einer schöpferischen Pause, von kreativer Ruhe. Gemeint ist damit eine Zeit des äußerlichen Nichtstuns, in der neue Kräfte, neue Ideen, neue Energie gesammelt werden.

Gottes Wort sagt uns unmissverständlich, dass dieser Einschnitt in der Abfolge der Arbeitstage gottgewollt, Gottes Stiftung und Gottes Verfügung ist. Sich darüber hinwegzusetzen hieße, sich über die Schöpfungsordnung hinwegzusetzen. Atheistische Gesellschaftsformen haben das immer wieder versucht, um die Arbeitskraft, die Produktivität zu steigern. Die französische Revolution wollte den Sieben-Tage-Rhythmus durchbrechen, die russische Revolution ebenfalls. Und immer zeigte es sich, dass mit der Durchbrechung dieses Rhythmus die Produktivität nicht stieg, sondern sank. Man hatte sich gegen die Schöpfungsordnung aufgelehnt und musste erfahren, dass die Missachtung des gesegneten, geheiligten siebenten Tages nicht Segen, sondern Fluch nach sich zog. In beiden genannten Fällen kehrte man schon bald zum überkommenen Sieben-Tage-Rhythmus zurück, bei dem der siebente Tag arbeitsfrei blieb.

Der Ruhetag ist ein Gottesgeschenk. Ihn nicht zu halten, bringt keinen Segen. In Schlesien gab es früher ein Sprichwort, das lautete: Was du am Sonntag hast geschafft, wird in der Woch’ hinweggerafft.

Gott will, dass wir Anteil an seiner Ruhe haben. Er will, dass unsere Seele und unser Leib zur Ruhe kommen und einen Raum für das Wirken Gottes schaffen. So versteht es auch Luther in seinem Lied über die 10 Gebote, wo es zum 3. Gebot heißt: Du sollst heilgen den siebten Tag / dass du und dein Haus ruhen mag; / du sollst von deim Tun lassen ab, / dass Gott sein Werk in dir hab. Kyrieleis.

Die äußere Ruhe, das Unterbrechen der Alltagsarbeit, ist die Voraussetzung dafür, dass Gott in uns und an uns wirken kann. Und zwar körperlich ebenso wie geistlich.

Das Wort, das anstelle der Lutherübersetzung „Feiertag" im Hebräischen steht, lautet Shabat, Sabbat und bedeutet eigentlich nichts anderes als Ruhe, Aufhören, Unterbrechung.

Heute sind wir häufig wieder soweit, wie atheistische Systeme die Menschen gerne bringen wollten: Selbständige arbeiten oft jeden Tag der Woche, getrieben vom Konkurrenzdruck, von Gier nach immer mehr Besitz, von Angst vor der Schnelligkeit der anderen. Arbeitnehmer arbeiten mehr als gefordert, um im Ansehen des Chefs zu steigen, sich Chancen zu verschaffen, als engagiert und unermüdlich zu gelten. Handwerker und Arbeiter setzen ihre Fähigkeiten für Gefälligkeitsreparaturen und Arbeiten bei Freunden und Verwandten oder sogar zu Schwarzarbeit ein. Pastoren meinen, ihnen gelte das 3. Gebot nicht und vernachlässigen, ebenso wie die anderen Genannten sträflich ihre körperliche, seelische und geistliche Gesundheit, ihre Ehen, Kinder, Familien, ihre privaten Kontakte und Beziehungen.

Das alles hat Gott nicht gewollt. Und das alles wollte er verhindern durch das Geschenk des Ruhetages. Zu sagen: Den brauche ich nicht, heißt Gott zu versuchen. Zu denken: Ich bin stärker als die Schöpfungsordnung, heißt: Sein wollen wie Gott. Das ist kein Kavaliersdelikt, nichts, worauf man stolz sein und sich etwas einbilden sollte. Eine Missachtung dieses Gebotes steht auf derselben Stufe wie lügen, stehlen, töten, ehebrechen und ist in Gottes Augen Sünde.

Nun hörten wir, dass neben der Ruhe für Leib und Seele noch eine weitere Begründung für den Sabbat im Alten Testament genannt wurde: Du sollst daran denken, dass du Knecht in Ägypten warst und der HERR dich mit starker Hand herausgeführt und befreit hat.

Die Arbeit gehört ja nicht zur Welt des Paradieses, sondern zur Welt des verlorenen Paradieses. Gott gewährt seinem Volk den Sabbat als Privileg, das kein anderes Volk damals kannte und die Juden in den Augen der anderen zu einem besonderen Volk machte. Die Unterbrechung des nachparadiesischen Alltags für einen Tag soll also dem Gedächtnis der Erlösung durch Gottes Rettungstaten dienen. Er soll einen Vorgeschmack bieten auf die endgültige Erlösung, auf die neue Schöpfung. Das Gedächtnis der Erlösung feiern, das heißt nun aber nicht nur Nicht-arbeiten, sondern eben auch, Gottes Wort von der Befreiung hören, ihm dafür danken, ihn um Beistand und Hilfe bitten. Und eben das geschieht im Gottesdienst. Luther hat in der Erklärung des 3. Gebotes im Kleinen Katechismus diesen Aspekt, allerdings sehr einseitig und auf Kosten der körperlichen Erholung und Ruhe, ausschließlich betont. Aber er gehört dazu, damit wir das Geschenk der Ruhe auch wirklich zu würdigen und zu schätzen wissen.

Die Kirche gedenkt am Ruhetag der Erlösung der verlorenen Menschheit von Sünde, Tod und Teufel durch das Leiden, Sterben und Auferstehen Jesu Christi. Darum verschob sich der Ruhetag vom Sabbat auch auf den ersten Tag der Woche nach alter Zeiteinteilung, also auf den Sonntag, den Tag des Herrn. So wird der Sonntag in vielen romanischen Sprachen auch bis heute genannt: Domenica, Domingo – da klingt im Italienischen und Spanischen noch das lateinische Wort Dominus – Herr hindurch.

Das Gedächtnis der Erlösung: Wo wird es deutlicher, als in der Feier des Hl. Abendmahls, das dieses Gedächtnis begeht. Der Herr hat ein Gedächtnis gestiftet seiner Wunder, heißt es im Eingangspsalm zum Gründonnerstag, dem Tag der Einsetzung des Hl. Abendmahles.

Wer die äußere Arbeitsruhe nicht regelmäßig mit dem Gedächtnis der Erlösung verknüpft, läuft Gefahr, das Geschenk Gottes als Selbstverständlichkeit mißzuverstehen. Der wird aus der Gnade ein einzuforderndes Recht machen und vergessen, dass die Ruhe von der Alltagsarbeit eigentlich nur dem von Gott geschenkt ist, der diese Ruhe als Vorgeschmack auf die neue Welt Gottes, auf die Ruhe, die dem Volk Gottes noch vorhanden ist, begreift.

Darum ist es nicht dasselbe, ob die Kirche für die Sonntagsheiligung eintritt, oder ob Gewerkschaften und politische Parteien einen arbeitsfreien Sonntag fordern. Darum muß die Kirche, wenn sie dies öffentlich fordert, auch im hörbaren Unterschied zu anderen deutlich machen, warum sie den Sonntag als Gott geheiligten Tag, als Tag des Gedächtnisses der Erlösung fordert.

Interessenkollisionen wird es immer wieder geben. Auch für Christen. Immer mehr Anforderungen von Arbeitgebern oder Vereinen belegen rücksichtslos den Sonntag. Und ein Christ muß dann eine Entscheidung treffen. Das Volk Israel wurde für diese Entscheidung für den Sabbat seit Jahrtausenden beargwöhnt, ausgegrenzt, beneidet, gehasst und verfolgt. Die Heiligung des Sabbats kam einem Bekenntnis zum lebendigen Gott Israels in heidnischer Umgebung gleich. Oft genug einem lebensgefährlichen Bekenntnis. Heute stehen wir in vergleichbarer Situation, wenn es auch nicht um Leib und Leben dabei geht, so doch um Nachteile am Arbeitsplatz, Ansehensverlust, Verzicht auf weltliche, finanzielle und materielle Vorteile.

Laßt uns still werden und Gott um Vergebung dafür bitten, dass wir das Geschenk des Ruhetages so oft verachten, nachlässig beiseite schieben und ihm anderes als vermeintlich wichtiger vorziehen. Laßt uns Gott bitten, dass er uns die Kraft gebe, die heilsamen Grenzen, die er uns setzt, einzuhalten und dadurch immer wieder neu zu werden an Leib, Geist und Seele. Amen.