Predigt

(Pastor Gert Kelter am letzten Sonntag nach Epiphanias 2001)

Entscheidung für Christus!

Da antwortete ihm das Volk: Wir haben aus dem Gesetz gehört, daß der Christus in Ewigkeit bleibt; wieso sagst du dann: Der Menschensohn muß erhöht werden? Wer ist dieser Menschensohn?

Da sprach Jesus zu ihnen: Es ist das Licht noch eine kleine Zeit bei euch. Wandelt, solange ihr das Licht habt, damit euch die Finsternis nicht überfalle. Wer in der Finsternis wandelt, der weiß nicht, wo er hingeht.

Glaubt an das Licht, solange ihr's habt, damit ihr Kinder des Lichtes werdet. Das redete Jesus und ging weg und verbarg sich vor ihnen. (Joh. 12,34-36)

 

Liebe Schwestern und Brüder,

 

in der Botschaft hatte sich alles, was im Lande Rang und Namen hat, versammelt. Der Botschaftsempfang war in vollem Gang, als plötzlich ein Sicherheitsbeamter erscheint und dem Protokollchef meldet, im unteren Stockwerk sei ein Feuer ausgebrochen, das sich über das Treppenhaus ausbreitet. Alle müßten sich schleunigst über die Feuerleiter in Sicherheit bringen. Es wäre ja vielleicht alles noch gut ausgegangen, hätte nicht der persönliche Referent des Botschafters diese Meldung mitbekommen und darauf bestanden, dass der Botschafter als Gast den Vorrang vor allen anderen beim Betreten der Feuerleiter haben müsse. Allerdings paßte das dem Protokollchef nicht. Er war der Ansicht, der Staatspräsident als ranghöchster Teilnehmer an dem Empfang müsse selbstverständlich als erster in Sicherheit gebracht werden. Notfall hin oder her – die protokollarische Rangfolge muß schließlich eingehalten werden. Damit sich nicht jemand gegen alle Vorschriften der Etikette widerrechtlich retten könne, ließ der Protokollchef erst mal den Zugang zur Feuerleiter abriegeln. Die Argumente flogen und hin und her, solange, bis der Staatspräsident den Vorschlag machte, man möge einen Ausschuß einsetzen und in aller Ruhe die strittigen Fragen diskutieren und klären. Bevor es dazu kam, mussten natürlich noch einige Vorfragen beantwortet werden: die Zusammensetzung der Kommission, die Form des Verhandlungstisches und andere wichtige Details. Als man eben –und das ging alles erstaunlich schnell, man hatte kaum eine halbe Stunde gebraucht- als man eben daran ging, in geheimer Wahl den Ausschussvorsitzenden zu wählen, brach das Feuer mit aller Gewalt in den Empfangssaal der Botschaft ein und verbrannte die Wahlzettel in der Hand des gerade mit knapper Mehrheit gewählten Wahlleiters mitsamt dem Wahlleiter und allen Empfangsteilnehmern, übrigens der Reihe nach und nicht in der Reihenfolge des Rangs.

Am nächsten Morgen berichteten die Tageszeitungen von den vergeblichen Bemühungen der Rettungsmannschaften, zu den Einge

 

schlossenen vorzudringen und rätselten darüber, wieso sich niemand über die völlig intakte Feuerleiter habe retten können.

Inzwischen sei aber schon eine Regierungskommission mit der Klärung der Fragen beauftragt worden. Sie werde ihre Arbeit aufnehmen, sobald feststeht, wer ihr angehören solle, welche Form der Sitzungstisch habe und ob der Kommissionsvorsitzende in offener oder geheimer Wahl bestimmt werden solle. Es könne sich also nur noch um Jahre handeln.

Liebe Gemeinde, hat da etwa gerade jemand gedacht: so was gibt’s doch gar nicht?

Da solltet ihr einfach mal einem Nichtchristen sagen, der einzige Weg zur Rettung seiner Seele sei der Glaube an Jesus Christus. So schnell kann man gar nicht gucken, wie man da in ein Streitgespräch über die Kreuzzüge, die Inquisition, den Papst, das Zölibat oder die Abtreibung verwickelt wird. Aber man braucht die Nichtchristen gar nicht zu bemühen: Man muß nur einmal in eine Gemeindeversammlung oder einen Pfarrkonvent hereinhören. Da sollte es doch, möchte man annehmen, um nichts anderes gehen als darum, wie wir als Christen und als Kirche im Glauben gewiß bleiben, wachsen und anderen Menschen die Begegnung mit dem auferstandenen, lebendigen Herrn Jesus Christus ermöglichen können. Sollte. Ich erspare uns mal die Beschreibung dessen, was man dort in Ausschüssen, Kommissionen, Arbeitsgruppen und anderen Gremien streitbar debattiert. Mit den Kern- und Lebens- und Entscheidungsfragen des Glaubens und der Kirche hat das jedenfalls oft genug nichts zu tun.

Liebe Gemeinde: Flucht in den Streit – das gibt es. Das gibt es außerhalb und innerhalb der Kirche. Die Pharisäer liefern in den Evangelien dafür immer die schönsten Beispiele und Jesus zeigt dann regelmäßig, was er davon hält. Und so hält er es auch in der Situation, die wir eben in der Lesung geschildert bekamen:

„Und ich, wenn ich erhöht werde von der Erde, so will ich alle zu mir ziehen", so hatte Jesus in einer Rede vor einer Volksmenge auf seinen Tod hingewiesen, auf die Kreuzigung nämlich, bei der er am Stamm des Kreuzes erhöht werden würde.

Aber das zuhörende Volk will nicht verstehen und beginnt eine theologische Diskussion über die Messiasfrage. „Wir haben aus dem Gesetz gehört, dass der Christus in Ewigkeit bleibt; wieso sagst du dann: Der Menschensohn muß erhöht werden? Wer ist dieser Menschensohn?"

Jesus geht nach dem Motto unseres Altbischofs „Einfach gar nicht ignorieren!" auf diese Fragen überhaupt nicht ein. Das macht er immer so, wenn er merkt, dass Menschen, die sich weigern, ihm als dem Christus, dem Sohn Gottes zu begegnen, ihr Leben infrage stellen zu lassen und entweder Ja oder Nein zu ihm zu sagen, sich in theologische Streitereien, in kleinliche philosophische Erörterungen flüchten.

Mit dieser Methode hätte er heutzutage kaum eine Chance, in irgendeiner Kirche eine herausragende Funktion übertragen zu bekommen. Man muß die Leute mit ihren Fragen doch ernst nehmen, muß sie da abholen, wo sie sind, sich die Mühe machen, sich mit ihren Fragen auseinanderzusetzen. Da kann man doch nicht einfach sagen: Du brauchst Christus, wenn sich dieser Mensch doch gerade mit der Frage beschäftigt, warum Gott das Böse zulassen kann und was überhaupt Wahrheit sei und ob man das denn überhaupt so genau sagen könnte und ob nicht Allah und Buddah letztlich dasselbe sei wie der Gott der Bibel.

Das sind nämlich die Kriterien, die man heute für wichtig hält. Man will auf keinen Fall Fragen beantworten, die niemand stellt, sondern nur die, die man der Kirche auch stellt. Selbst dann, wenn diese Fragen nichts als Streit und Zank aufwerfen, dem Evangelium schaden und die Kirche lächerlich machen. Und so drehen wir uns im Kreis, verwickeln uns in akademische und kirchenrechtliche Diskussionen und merken gar nicht, das wir das Wesentliche dabei aus dem Blick verlieren.

Jesus lässt die Fragen des Volkes jedenfalls unbeantwortet und antwortet, wenn man’s genau nimmt, statt dessen auf Fragen, die ihm niemand gestellt hat. Er macht also genau das, was man der Kirche früherer Zeiten immer mit bissigem Spott unterstellt hat und wogegen sich die moderne Kirche immer gerne verwahrt. Jesus sagt: "Es ist das Licht noch eine kleine Zeit bei euch. Wandelt, solange ihr das Licht habt, damit euch die Finsternis nicht überfalle. Wer in der Finsternis wandelt, der weiß nicht, wo er hingeht. Glaubt an das Licht, solange ihr’s habt, damit ihr Kinder des Lichts werdet." Und es heißt abschließend: „Das redete Jesus und ging weg und verbarg sich vor ihnen." Mit anderen Worten: Danach drehte er sich um und ließ sie stehen.

Brüder und Schwestern, die Finsternis, von der Jesus redet, ist nicht einfach nur die Abwesenheit von Licht. Diese Art Finsternis ist der Machtbereich des Bösen, der uns sehr aktiv überfällt. Da rechnen wir nicht mit, die kommt einfach über uns, wenn wir nicht im Licht bleiben. Wie das Feuer, das die Teilnehmer am Botschaftsempfang überfallen hat, mitten in ihren demokratischen Geschäftigkeiten.

Jesus kommt zum Kern, ruft zum Wesentlichen zurück, weist die unnützen Fragen zurück.

Und damit ruft er seine Zuhörer in die Entscheidung. Wir müssen uns dieses so evangelikal klingende Wort einmal gefallen lassen und versuchen, es richtig zu verstehen und von Mißverständnissen zu befreien. Ein Mißverständnis ist es zu denken, ich hätte die völlige Freiheit, mich entweder für oder gegen Jesus, für oder gegen den Glauben zu entscheiden und es sei dann mein Verdienst vor Gott, der auch belohnt wird, wenn ich großmütigerweise die Entscheidung für Christus treffe. So nicht. Wenn ich an Christus glaube, wenn mir das erstmals bewußt wird, dann hat mir Christus durch seinen heiligen Geist schon längst und ohne mein Zutun, ohne meine Entscheidung den Glauben geschenkt.

Aber ich habe als Mensch durchaus die Freiheit, dem Licht aus dem Weg zu gehen, es zu meiden. Zum Beispiel durch die Flucht in den theologischen Streit, die theologische Debatte über Glaubens- und Kirchenfragen. Man kann sehr fromm wirken, wenn man sich mit der Frage zermartert, warum Gott das Böse zuläßt. Und man kann damit auch sehr wirkungsvoll vermeiden, es sich gesagt sein zu lassen, dass Gott die Welt so sehr liebt, dass er seinen eingeborenen Sohn in diese Welt gesandt hat, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben. Man kann auch sehr kirchlich interessiert und engagiert wirken, wenn sich mit der Frage quält, ob man beim Eingangspsalm stehen oder sitzen soll. Aber man kann es damit auch prächtig vermeiden, ihn einfach fröhlich zu singen, Gott damit zu loben und dadurch frei und erfüllt zu werden.

Und diese Entscheidung kann man durchaus in freier Selbstbestimmung treffen.

Jeder Mensch hat auch die Freiheit, sonntags im Bett zu bleiben oder sich in den Gottesdienst zu begeben, wo er Christus in seinem Wort begegnen kann. Man kann in freier Entscheidung die Bibel geschlossen lassen oder sie regelmäßig zum Lesen öffnen.

Was Christus dann mit einem macht, wenn man die Begegnung mit ihm nicht vermeidet, das ist allerdings die Entscheidung Gottes.

Dem Licht nicht auszuweichen in finstere Debatten, ist nicht nur angenehm. Dieses Licht ist nämlich zunächst sehr ungewohnt und grell und blendet. Im Schein dieses Lichtes müssen wir erkennen, wie wir wirklich sind, müssen wir viele Selbsttäuschungen aufgeben. So wie Saulus vor Damaskus von dem Licht des Auferstandenen erst mal geblendet und zu Boden geworfen wurde, bevor er in diesem Licht ein neues Leben beginnen konnte.

Liebe Gemeinde, am letzten Sonntag nach Epiphanias feiern wir das Fest der Verklärung Christi. Im Evangelium haben wir gehört, was das heißt: Petrus, Johannes und Jakobus erkennen im Licht der Offenbarung Gottes Jesus als den Christus. Als den, der von Mose und den Propheten, vertreten durch Elia, angekündigt wurde und der nun erschienen ist.

Und die drei Apostel lassen das zu und wollen in diesem Licht bleiben, weil sie erkennen: Hier ist gut sein. Sie theologisieren nicht, sie stellen keine Fragen, sie beten an. Als Kinder des Lichtes, die der Finsternis entrissen worden sind. Heute singen wir nach der Abendmahlsfeier vorläufig zum letzten Mal den Lobvers „Groß ist das Geheimnis des Glaubens: Gott ist offenbart im Fleisch." Gebe Gott es uns allen, dass wir als solche staunende Kinder des Lichtes in diesem Licht bleiben und so nicht nur erkennen, wo wir herkommen, sondern auch, warum wir auf dieser Welt sind und vor allem, wo wir hingehen. Amen.