Predigt

(Pastor Gert Kelter am Heiligen Abend 2001)

Meine persönliche Zeitenwende.

Groß ist, wie jedermann bekennen muss, das Geheimnis des Glaubens: Er ist offenbart im Fleisch, gerechtfertigt im Geist, erschienen den Engeln, gepredigt den Heiden, geglaubt in der Welt, aufgenommen in die Herrlichkeit. (1. Tim 3, 16)

Liebe Schwestern und Brüder,

"Nichts ist mehr, wie es einmal war" - diesen Satz mussten wir seit dem 11. September dieses Jahres alle bis zum Abwinken immer und immer wieder hören. Ich halte ihn für blanken Unsinn. Er ist aus der Angst geboren und schürt seinerseits neue Ängste. Er ist falsch und gefährlich zugleich. Nichts hat sich nämlich in Wirklichkeit geändert, insbesondere nicht wir Menschen. Wir Menschen in unserer Spaßgesellschaft, die von Zeit zu Zeit einige Momente der Betroffenheit pflegt und dazu besonders katastrophale Ereignisse geradezu braucht, um auch daraus ein Event zu machen. Viele Menschen haben Angst vor einer Zukunft, die sie immer weniger selbst gestalten können, die immer stärker bestimmt wird von gesichtslosen zentralistischen Leitstellen. Viele Menschen haben auch Angst vor einer Gegenwart, die in ihrer Komplexität, der Vielschichtigkeit ihrer Abhängigkeiten von nicht durchschaubaren und steuerbaren Einflüssen immer unübersichtlicher wird. Geborgenheit, Orientierung, Gewissheit, Frieden, Harmonie und Halt sind Sehnsüchte, die in diesen Tagen hoch im Kurs sind und vielleicht auch den einen oder anderen heute abend in die Kirche getrieben haben.

Nein, es war nicht der 11. September 2001, nach dem nichts mehr ist wie es einmal war. Aber es gibt ein solches Datum in dieser Zeit und Welt, liebe Gemeinde, festgemacht an der Regierungszeit des römischen Kaisers Augustus und der Regentschaft des Prokurators Cyrenius in der römischen Provinz Syrien. Um welches Datum nach unserem Kalender es sich exakt handelte, ist nicht genau bekannt. Fest steht aber: Es ist geschehen. Gott ist offenbart im Fleisch. Gott ist Mensch geworden, als Kind geboren. Und danach ist nichts mehr, wie es einmal war.

Wie war es denn vor dieser Zeitenwende? Die Menschen haben zu allen Zeiten versucht, die Welt und ihr Leben einzuordnen, begreifbar zu machen. Sie wollten und wollen wissen, woher sie kommen, warum sie auf dieser Welt sind und wohin sie gehen. Sie möchten die Natur in ein System bringen, um sie verstehen und beeinflussen zu können. Sie wollen wissen, wo ihr Platz ist und wer sie dahingestellt hat und auch warum. Und immer, wenn sie dabei an Grenzen stießen, haben sie auf die offen gebliebenen Fragen eine religiöse Antwort versucht, eine höhere, eine andere Wirklichkeit angenommen, der sie Eigenschaften und Qualitäten zuordneten. Sie haben sich ein Bild von Gott gemacht oder von vielen verschiedenen Göttern. Und wie sahen solche Bilder aus? Immer handelte es sich um eine Variation des Themas "Mensch" oder "Natur". Natürlich in einen Idealzustand erhoben, einer Zehnerpotenz des tatsächlich Erlebten. Zugrunde liegt die Überzeugung: Der Mensch - oder wahlweise: die Natur - ist das Vollkommenste, Perfekteste, was man sich vorstellen kann. Wenigstens im Entwurf und einer ursprünglichen Bestimmung nach. Menschen können sich das Göttliche nicht anders denken und vorstellen als das Menschliche oder Natürliche, das sie kennen. Wie stand es in einem Religionsbuch? Wenn sich die Ameisen nach dem Denkmuster der Menschen einen Gott vorstellen sollten, dann käme dabei eine mächtige Riesenameise heraus.

Und heute? Wir haben es durchaus gelernt, den Menschen in seiner Unvollkommenheit und Fehlerhaftigkeit zu sehen. Aber wir haben statt dessen eine andere Perfektion entwickelt. Die der Technik und Wissenschaft. Nicht der Mensch und für viele auch nicht die Natur sind nun mehr die Vorbilder für ihre religiösen Vorstellungen vom Göttlichen, sondern der Computer. Und so antworten sehr viele Zeitgenossen auf die Frage nach ihrem Glauben mit dem Hinweis auf eine "höchste Intelligenz", ein "höheres Wesen", das einem perfekten Mikrochip gleich zumindest die Welt und ihre Gesetze einmal in Gang gebracht hat und vielleicht auch immer noch regelt. Aber damit erschöpft sich häufig ihre ganze Religion.

Liebe Gemeinde, ein Ereignis wie die Anschläge des 11. September bringt nicht nur die höchsten Bauwerke der Erde, sondern auch diese vernunft- und wissenschafts- und fortschrittsgläubige Ersatzreligion vieler Menschen zum Einstürzen und lässt sie in Angst zurück. Manche suchen ihre Zuflucht dann wieder in der Natur, im Natürlichen, reagieren mit Fortschritts- und Technikfeindlichkeit, sind gegen Globalisierung, suchen Halt und Antwort auf ihre Fragen in der Macht der Edelsteine, Erdstrahlen, Sterne, in der Weisheit des Fernen Ostens oder sogar in okkulten und satanischen Zirkeln. Viele aber stürzen sich ganz einfach wieder ins Vergessen, suchen Trost in den Angeboten der Spaß-, Medien- und Konsumgesellschaft. Nur wenige erinnern sich an den Tag, nach dem wirklich nichts war, wie es einmal gewesen ist. Aber die es dennoch tun, die rühren an das Geheimnis des Universums, an das gottselige Geheimnis, oder anders übersetzt: An das Geheimnis der Frömmigkeit. Gott hat sich offenbart. Er hat sich den Menschen so gezeigt, wie er von ihnen gesehen werden will. Er ist Mensch geworden. Und kein Menschenhirn hätte sich je Gott so vorgestellt: Als Kind, klein, schwach, arm, hilflos. Als Leidenden, verspottet, geschlagen, vernichtet. Nicht der Mensch in Zehnerpotenz, sondern ein Mensch in Knechtsgestalt.

Brüder und Schwestern: Man kann Gott nicht beweisen. Aber wenn es so etwas gibt wie einen Gottesbeweis, einen Beweis dafür, dass die Offenbarung des Neuen Testamentes wirklich göttlichen Ursprungs ist, dass sich das kein menschliches Gehirn ausgedacht haben kann, dann ist das für mich jedenfalls die Tatsache, dass Gott in seiner Menschwerdung vollständig auf alle Macht verzichtet hat. Dass er seine Gerechtigkeit neu definiert als Liebe, Gnade und Barmherzigkeit. Dass er alles opfernde Tun der Menschen ablehnt und statt dessen sich selbst in seinem Sohn Jesus Christus als Opfer hingibt. Dass er keine Möglichkeiten und Mittel schafft und anbietet, wie Menschen durch eigene Anstrengung oder Leistung in seine Gemeinschaft gelangen können und nichts fordert, als allein den Glauben.

Das, liebe Gemeinde, ist das große Geheimnis des Glaubens, das wir heute abend feiern.

Seit dem Tag der Geburt Jesu Christi ist dieses Geheimnis offenbares Geheimnis. Im Hymnus des 1. Timotheusbriefes, der wahrscheinlich eines der ältesten christlichen Glaubensbekenntnisse darstellt, heißt es weiter: Erschienen den Engeln, gepredigt den Heiden, geglaubt in der Welt. Damit wird ausgedrückt, dass dieses Geheimnis dem gesamten geschaffenen Universum zugänglich gemacht wurde, das man sich in zwei Etagen, einer göttlichen und einer irdischen vorzustellen hat. Darum also: Die Engel haben es zur Kenntnis genommen, den Völkern wurde es verkündigt und es wurde auch von einigen geglaubt. Ja, nur von einigen, nur geglaubt in der Welt und eben nicht von der Welt.

Gerechtfertigt, also als wahr erwiesen, hat sich der menschgewordene Gott, hat sich Jesus Christus "im Geist" und indem er aufgenommen wurde in die Herrlichkeit.

Merkt ihr: In diesem uralten Glaubensbekenntnis ist die ganze Heilsgeschichte enthalten. "Offenbart im Fleisch" - das ist Weihnachten geschehen. "Aufgenommen in die Herrlichkeit" - das ist Ostern und Himmelfahrt geschehen. Und "Gerechtfertigt im Geist" - das beschreibt, was sich zu Pfingsten ereignet hat.

Jeder Mensch, liebe Brüder und Schwestern, der in diesen Hymnus, dieses Bekenntnis gläubig mit einstimmen kann, erlebt seine ganz persönliche Zeitenwende. Für den ist danach nichts mehr, wie es einmal war. Und ich sage euch auch, was sich dann ändert:

1. Du weißt, dass du kein Produkt des Zufalls bist, sondern ein von Gott aus Liebe geschaffener, unverwechselbarer, einzigartiger Mensch.

2. Du weißt, dass dies für alle anderen Menschen auch gilt und wirst sie mit anderen Augen zu sehen lernen. Du wirst sie in einem geistlichen Sinn lieben, respektieren, wertschätzen lernen. Und das verändert dich und deine Beziehungen zu anderen.

3. Du weißt, dass Gott mit dir und mit dieser Welt in einer Beziehung sein will, dass er dich anredet und von dir angeredet werden will. Du bist in einer lebendigen Beziehung, die auch dann bleibt, wenn Krankheit, Einsamkeit, Depression, äußere Notstände deine Lebensbeziehungen bedrohen und dich dazu zwingen, irdische Beziehungen loszulassen.

4. Du bist entlastet von dem selbst auferlegten Zwang, perfekt sein zu wollen. Du darfst schwach sein, wie das Kind in der Krippe und dich darüber freuen, dass Gott in dir Schwachem mächtig ist.

5. Du darfst gewiss sein, dass Gott einen Plan, eine Aufgabe und ein Ziel in deinem Leben für dich hat, ganz gleich, ob dieses Leben lang oder kurz sein wird. Du kannst Gott bitten, dir von dieser Lebensaufgabe, diesem Lebensplan und deinem Lebensziel immer soviel zu offenbaren, wie du brauchst und wissen musst, um dich sinnvoll, bedeutend und geborgen zu fühlen. Und Gott wird dir diese Bitte nach seinem Willen erfüllen und nicht schweigen.

6. Du weißt, dass diese Welt und alles, was hier wichtig und bedeutend ist, nur Vorletztes ist. Es kann dich nicht mehr beherrschen und bestimmen, nicht bedrücken und treiben. Gott hat das letzte Wort und das lautet genauso wie sein erstes: Leben, Liebe, Freiheit, Vollendung.

 

Das ist das große Geheimnis der Frömmigkeit. Und heute feiern wir, dass es uns offenbart wurde. Darüber zu reden, ist kaum möglich. Aber es anzubeten und im Glauben anzunehmen, das lasst uns tun.

Christus ist heute geboren. Ehre sei Gott in der Höhe! Amen.