Predigt

(Pastor Gert Kelter am 7. Sonntag nach Trinitatis 2001)

Kirche Christi ist katholisch.

Und die Apostel kamen zurück und erzählten Jesus, wie große Dinge sie getan hatten. Und er nahm sie zu sich, und er zog sich mit ihnen allein in die Stadt zurück, die heißt Betsaida.
Als die Menge das merkte, zog sie ihm nach. Und er ließ sie zu sich und sprach zu ihnen vom Reich Gottes und machte gesund, die der Heilung bedurften.
Aber der Tag fing an, sich zu neigen. Da traten die Zwölf zu ihm und sprachen: Laß das Volk gehen, damit sie hingehen in die Dörfer und Höfe ringsum und Herberge und Essen finden; denn wir sind hier in der Wüste.
Er aber sprach zu ihnen: Gebt ihr ihnen zu essen. Sie sprachen: Wir haben nicht mehr als fünf Brote und zwei Fische, es sei denn, daß wir hingehen sollen und für alle diese Leute Essen kaufen.
Denn es waren etwa fünftausend Mann. Er sprach aber zu seinen Jüngern: Laßt sie sich setzen in Gruppen zu je fünfzig.
Und sie taten das und ließen alle sich setzen.
Da nahm er die fünf Brote und zwei Fische und sah auf zum Himmel und dankte, brach sie und gab sie den Jüngern, damit sie dem Volk austeilten.
Und sie aßen und wurden alle satt; und es wurde aufgesammelt, was sie an Brocken übrigließen, zwölf Körbe voll.
(Lk 9, 10-17)

Liebe Schwestern und Brüder,

Jesus hatte den Aposteln - wie es wenige Verse vor unserem Predigtabschnitt heißt - Gewalt und Vollmacht über alle bösen Geister gegeben, daß sie alle Krankheiten heilen konnten und sie ausgesandt, das Reich Gottes zu predigen.

Und nun kehren sie zurück, erfolgreich und begeistert. Sie erzählen Jesus alles, was sie getan hatten. Tolle Apostel! Als moderner Unternehmer hätte Jesus ihnen eigentlich eine Gehaltserhöhung geben, ihnen mindestens eine Erfolgsprämie zuteilen oder den erfolgreichsten unter ihnen vielleicht auch zum „Apostel des Monats" erklären müssen. Motivation durch Belohnung von Leistung. So läuft das heute.

Aber Jesus nimmt sie beiseite und zieht sich in die Nähe der Stadt Betsaida zurück, um mit ihnen allein zu sein. Kein Lob, kein Schulterklopfen. Er stellt sie nicht in den Mittelpunkt, damit sie sich im Erfolg sonnen können, sondern nimmt sie beiseite, stellt sie an den Rand. Hatten sie irgend etwas falsch gemacht?

Liebe Gemeinde, die Apostel hatten offenbar im Rausch des Erfolges vergessen, daß es eine verliehene, eine geliehene und übertragene Vollmacht war, durch die sie nur die Werke tun konnten, die Jesus eigentlich getan hatte. Sie hatten vergessen, daß sie im Auftrag, in der Vollmacht ihres Herrn handelten, als Werkzeuge und Dienstleute. Wie Sekretärinnen oder Unterabteilungsleiter, die zwar Dokumente und Schriftstücke ausfertigen können, aber ihre Unterschrift mit dem Kürzel „i.A." -„im Auftrag" versehen müssen. Zwei kleine Buchstaben, die aber deutlich machen, aus welcher Vollmacht sich das eigene Tun ableitet und speist.

Jesus nimmt die Apostel darum beiseite, erteilt ihnen sozusagen einen Nachhilfekurs im Menschenfischen, vielleicht nicht ganz zufällig in einer kleine Stadt mit Namen Betsaida, was übersetzt „Fischerhaus" bedeutet.

Im Reich Gottes wird alles schief, wenn Menschen sich in den Mittelpunkt stellen, wenn sie vergessen, wer der Herr ist, der sie sendet, segnet, bevollmächtigt und befähigt. Wenn wir zurückkommen aus unseren Kirchenvorstandssitzungen, Musikfesten, Jugendfreizeiten und uns auf die Schultern klopfen und erzählen, was wir alles getan haben, dann ist wieder ein Stützkurs in Betsaida fällig. Und auch, wenn wir als Eltern, Großeltern, als Arbeitnehmer oder Eheleute vergessen, wem wir unsere geliehenen, übertragenen, leihweise anvertrauten Fähigkeiten, Talente und Begabungen und die daraus resultierenden Erfolge verdanken, dann kann es sein, daß uns Jesus beiseite nimmt, um einmal mit uns allein zu sein. Manchmal ist eine Krankheit so ein Beiseitenehmen, manchmal ein plötzlicher Mißerfolg, manchmal der Verlust von Lob und Anerkennung durch andere Menschen. Jesus nimmt uns beiseite, um mit uns allein zu sein, um im geschützten stillen Raum unsere Maßstäbe wieder zurechtzurücken und uns deutlich zu machen: Du bist in der Gefahr, dich selbst zu verlieren, weil du mich nicht mehr im Blick hast. Deine Erfolge machen dich blind dafür, wem du alles letztlich verdankst. Deine Selbstverwirklichung unter dem Deckmantel des Gottesdienstes ist so perfekt, daß weder du noch die meisten anderen noch merken, daß es dir nicht ums Menschenfischen für das Reich Gottes geht, nicht um deinen Herrn und seinen Auftrag, sondern zunehmend nur noch um dich. Einen Monat Betsaida, eine Phase der unfreiwilligen Zurückgezogenheit, des Alleinseins mit Christus können helfen, das Leben in der Nachfolge Jesu wieder ins Lot zu bringen.

Aber viel Zeit für die abgeschiedene theoretische Nachschulung seiner Apostel im Menschenfischen bleibt Jesus nicht. Die Menschen wissen schnell, wo sich Jesus aufhält und strömen in Massen an seinen Aufenthaltsort.

Liebe Mitchristen: Damit wird die Nachschulung nicht abgebrochen, sondern es beginnt der zweite, der praktische Teil. Denn Jesus möchte weder Apostel, die vergessen, in wessen Vollmacht und zu welchem Zweck sie ausgesandt sind, noch solche, die nur in der Theorie bleiben. Da sind doch Menschen mit ihren Sehnsüchten, ihren Verletzungen, ihren unbeantworteten Fragen nach Sinn, nach Lebensinhalt. Da sind Menschen, die schuldig geworden sind und unter dieser Erkenntnis zu zerbrechen drohen. Und da sind andere, nicht weniger schuldig, die ihre Schuld leugnen, beschönigen, verschieben und so in den Abgrund laufen. Da sind Menschen mit ganz irdischen Problemen, mit Krankheiten, mit Hunger, mit Traurigkeit.

Als sie kamen, macht Jesus deutlich, was die Aufgabe der Christen und der Kirche bis heute ist: Er empfing sie freundlich, predigte ihnen vom Reich Gottes und heilte alle, die seine Hilfe brauchten. So funktioniert offene missionarisch-diakonische Gemeinde bis heute. Sie empfängt alle Menschen freundlich, sortiert nicht vor, sondert sich nicht ab und sondert andere nicht aus. Dieses Offensein für alle Menschen ist ein wichtiges Kennzeichen der Kirche Christi. Übersetzt man dieses „für alle ganz und ungeteilt" ins Griechische, heißt das „kat holon". Daraus entstand die Bezeichnung „katholisch" für die Kirche und das heißt: Die Kirche ist nur dann Kirche Christi, wenn sie für alle ganz und ungeteilt freundlich empfangsbereit ist. Dabei darf sie aber die beiden Aufgaben der Reich-Gottes-Verkündigung und der leiblich-psychisch heilenden Zuwendung zu den Nöten der Menschen nicht gegeneinander ausspielen und nicht einseitig betonen bzw. vernachlässigen. Die Kirche kann noch so offen sein: Wenn sie nicht über den Grund ihrer Hoffnung und ihres Glaubens ungeteilt und ohne Abstriche, also „kat holon" bekennend und bezeugend Auskunft gibt, verletzt sie ihren Auftrag, Kirche Christi, katholische Kirche Christi zu sein. Und umgekehrt: Wenn sie sich darauf beschränkt, das Reich Gottes als Theorie, als Lehre zu verkündigen und sich den irdischen Nöten der Menschen verschließt, wenn Mission nicht immer eine deutlich diakonische Komponente enthält, dann gerät sie ebenso in die Schieflage, wird zur Sekte. Also: Was wir heute für eine Konfessionsbezeichnung der römischen Kirche halten mögen, ist Merkmal und Kennzeichen der christlichen Kirche von Anfang an. Und Katholizität ist nicht abhängig von Zahlen, sondern von der treuen, ungeteilten Erfüllung des Auftrages Christi in seiner Vollmacht.

Das Ziel ist aber nicht schon dann erfüllt, wenn die Kirche einige der drängendsten irdischen Probleme der Menschen gelindert hat und dabei auch das Reich Gottes verkündigt hat. Das Ziel ihrer Sendung besteht darin, Menschen in die volle Gemeinschaft mit Jesus Christus zu führen. In unserem Abschnitt wird das sehr anschaulich: <Als es Abend wurde und der Tag sich geneigt hatte>. Mit diesen Worten, die uns aus der Emmausgeschichte vertraut sind, bei der Jesus mit den Jüngern das Brot bricht und ihnen die Schrift auslegt, woran sie ihn schließlich als den Auferstandenen erkennen, beginnt Lukas seinen Bericht von der sogenannten „Speisung der 5000".

Wir erinnern uns: Vorangegangen war der freundliche Empfang, die Predigt des Wortes Gottes, die Heilung der irdischen Nöte. Und nun folgt das Mahl. Keine gewöhnliche Mahlzeit, sondern ein Mahl des Herrn, gekennzeichnet durch das Wunder, daß 5 Brote und 2 Fische für 5000 Männer, also noch einmal wesentlich mehr Menschen ausreichte, sie satt machte und darüber hinaus noch 12 Körbe mit Brotstücken übrigblieben.

Der gerade beschriebene Ablauf der Ereignisse entspricht bis heute unserem Gottesdienst: Eingang mit freundlicher Begrüßung - Wortverkündigung in Lesung und Auslegung - Diakonie durch Fürbitte und Dankopfersammlung - Feier des Hl. Abendmahles.

Es fällt uns auf, daß die Diakonie, wenn sie auch im Fürbittengebet, das alle irdischen Nöte vor Gott bringt und in gewisser Weise auch in der Beichte mit Lossprechung unter Handauflegung, noch ihren Platz bei uns hat, im praktischen Gottesdienstvollzug der Bethlehemsgemeinde an den Rand, genauer: an den Ausgang gedrängt wurde. In vielen Gemeinden wird aber im Verlauf des Gottesdienstes noch eine diakonische Dankopfersammlung eingelegt und das gesammelte Geld zum Altar gebracht und gesegnet. Manchmal sogar in der Form des Altarumgangs, wobei jedes Gemeindeglied sein Dankopfer selbst zum Altar bringt und dadurch deutlich wird, daß Diakonie zur Verantwortung der ganzen Gemeinde gehört. Vielleicht sollten wir doch noch einmal darüber nachdenken, ob die Wiederbelebung dieses schon im Neuen Testament bezeugten Brauches nicht angebracht wäre.

Im Gottesdienst also kommt die Sendung der Christen in die Welt zu ihrem Ziel. Dort sind wir um den Herrn Jesus Christus versammelt. Er bricht uns das Brot, segnet es und speist uns damit. Und in unserem Abschnitt wird auch deutlich, daß die Apostel, die Jünger dabei den Auftrag haben, zu Tisch zu dienen: Gebt ihr ihnen zu essen, sagt Jesus den Aposteln und sie hatten inzwischen auch verstanden, daß nicht sie es sind, die große Taten tun, sondern ihr Herr. „Wir haben nicht mehr als 5 Brote und 2 Fische."

Aber nachdem Jesus daraus Speise für alle gemacht hatte, heißt es wiederum: „Er gab sie den Jüngern, damit sie diese an die Leute austeilten."

Am Ende bleiben 12 randvoll gefüllte Körbe mit Brotstücken übrig. Das heißt: Ganz Israel, alle zwölf Stämme, also auch: alle Menschen werden von diesem Brot des Lebens satt werden. Es ist immer genug für alle da. Und: Jeder der zwölf Apostel erhält seinen Korb, also: Wer den Auftrag und die Vollmacht Jesu Christi empfängt, das Brot des Lebens an die Menschen auszuteilen, der tut das nicht aus sich selbst heraus, der vollbringt keine eigenen Wunder und Großtaten, sondern der schöpft nur aus dem unerschöpflichen Schatz des Evangeliums. Interessant ist schließlich auch, daß Jesus die 5000 sich in Gruppen zu je 50 lagern läßt. Gemeinschaft in einer Riesenmenge von 5000 und mehr ist nicht möglich. Die Gemeinschaft die Christus stiftet, hat nicht nur die vertikale Ausrichtung zum Himmel, ist nicht nur Gemeinschaft mit Gott, sondern hat auch Gemeinschaft untereinander zur Folge. Die Kirche wird erfahrbar in überschaubaren Gemeinden.

Im Grunde ist der Bericht von der Speisung der 5000 nichts anderes als die Antwort auf die Frage: Was ist die Kirche? Sie ist in die Welt gesandt, um allen Menschen in ihrem Hunger nach Leben den zu bringen, der selbst das Leben ist. Und sie tut das, indem sie alle Menschen freundlich aufnimmt, ihnen in ihren irdischen und leiblichen und seelischen Nöten hilft, ihnen das Wort Gottes verkündigt, die Vergebung zuspricht und austeilt und sie in die Mahlgemeinschaft des Herrn ruft, wo Christus selbst sie mit dem Brot des Lebens sättigt, das bleibt. Über den Tod hinaus bleibt und fortgesetzt wird in seinem Reich beim großen Abendmahl. Wenn die Kirche das tut und treu dabei bleibt, gilt ihr die Verheißung, die wir im Eingangspsalm dieses Sonntags vom Abendmahl gesungen haben:

„Die Elenden sollen essen, daß sie satt werden; und die nach dem Herrn fragen, werden ihn preisen."

Amen.