Predigt

(Pastor Gert Kelter am 6. Sonntag nach Trinitatis 2001)

Die Freiheit der Erlösten.

Und nun spricht der HERR, der dich geschaffen hat, Jakob, und dich gemacht hat, Israel: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!
Wenn du durch Wasser gehst, will ich bei dir sein, daß dich die Ströme nicht ersäufen sollen; und wenn du ins Feuer gehst, sollst du nicht brennen, und die Flamme soll dich nicht versengen.
Denn ich bin der HERR, dein Gott, der Heilige Israels, dein Heiland. Ich habe Ägypten für dich als Lösegeld gegeben, Kusch und Seba an deiner Statt,
weil du in meinen Augen so wertgeachtet und auch herrlich bist und weil ich dich liebhabe. Ich gebe Menschen an deiner Statt und Völker für dein Leben.
So fürchte dich nun nicht, denn ich bin bei dir. Ich will vom Osten deine Kinder bringen und dich vom Westen her sammeln,
ich will sagen zum Norden: Gib her! und zum Süden: Halte nicht zurück! Bring her meine Söhne von ferne und meine Töchter vom Ende der Erde,
alle, die mit meinem Namen genannt sind, die ich zu meiner Ehre geschaffen und zubereitet und gemacht habe.(Jes 43, 1-7)

Liebe Schwestern und Brüder,

wie so oft, wenn über ein Wort aus dem Buch des Propheten Jesaja gepredigt wird, müssen wir uns deutlich machen: Das gilt nicht zuerst uns, sondern dem Volk Israel. Und: Das trifft auch nicht unsere Situation, sondern Israels Situation, als es in Babylon in der Verbannung, in der Gefangenschaft lebte.

Und da es sich hier um ein Trostwort handelt, eines, das häufig als Tauf- oder Konfirmationsspruch ausgewählt wird, muß ich mir Gedanken darüber machen, wie das, was Israel in einer ganz besonderen, aber uns doch fremden und lang zurückliegenden Situation getröstet hat, wie das uns heute trösten kann.

Man muß sich die Verbannung des Volkes Israel nicht so vorstellen, als seien abertausende von Menschen in dunklen Verliesen gefangengehalten worden. Die Israeliten lebten äußerlich gesehen ein bescheidenes aber relativ alltägliches Leben. Das bedrängende, bedrückende an der Verbannung bestand vor allem in der Perspektivlosigkeit, in der Zukunftslosigkeit. Man lebte als Fremde in der Fremde ohne konkrete Berechtigung für die Hoffnung, einmal nach hause zurückzukehren. Die Ausübung der eigenen Religion war nicht erlaubt, die religiösen Vorstellungen Babylons widersprachen den eigenen Vorstellungen vollkommen und ließen sich auch mit den besten Willen zur Integration nicht miteinander in Einklang bringen. Die Pflege der eigenen Kultur, der eigenen Sitten war zumindest nicht gerne gesehen und nur im Privatbereich möglich.

Alles Vertraute fehlte, die in der Heimat innegehabte soziale Stellung galt nicht mehr. Man war ein anonymer Bestandteil einer als Fremdkörper empfundenen besiegten Masse unwillkommener Menschen.

So etwas haben vielleicht diejenigen erlebt und können es darum ohne große Übertragung nachempfinden, die im Krieg in russische Gefangenschaft geraten waren und dort sehr lange auf die Rückkehr in die Heimat warten mußten. Aber den meisten von uns wird das Leben vermutlich solche Erfahrungen von tiefer Zukunftslosigkeit - jedenfalls in dieser Form- bisher erfreulicherweise vorenthalten haben. Es sei denn, und hier denke ich können nun doch die meisten von uns auch gefühlsmäßig nachvollziehen, worum es geht, es sei denn, wir geraten als Patienten in ein Krankenhaus. Und vielleicht reicht es auch schon, als Besucher häufiger in Krankenhäusern gewesen zu sein, um sich hineinfinden zu können in das Gefühl: Ob ich hier noch mal wieder rauskomme? Alles läuft mechanisch und perfekt organisiert neben und an mir ab, aber ich als einzelner Mensch bin dabei kaum gefragt. Alles, was mir vertraut ist, was mir Halt und Orientierung gibt, mußte ich zu hause lassen, nicht nur die Dinge, sondern auch die Menschen. Es gibt Fachleute, die etwas über mich wissen, mir aber möglicherweise nicht alles sagen, die eine besondere, mir fremde, mich vielleicht auch mißtrauisch machende Fachsprache sprechen. Ich werde mit allem versorgt, aber fühle mich allein und verlasen. Und kommen dann Besucher, merke ich denen sofort an, wie unwohl, wie unsicher sie sich fühlen, wie sie verstohlen auf die Uhr blicken, bis sie mit Anstand wieder gehen dürfen. Und dann muß ich zurückbleiben, während die Besucher draußen erleichtert aufatmen können.

Mit einem Wort: Man fühlt sich vom Leben abgeschnitten, fürchtet sich, empfindet sich als verlassen und ausgeliefert.

Liebe Gemeinde: Furcht und Angst, so nahe beides beieinander zu liegen scheint, sind doch unterschiedliche Empfindungen. Angst habe ich, wenn jemand die Hand gegen mich erhebt und ich weiß: gleich schlägt er zu und dann tut’s weh. Oder ich stehe auf dem 10-Meter-Brett und habe Angst zu springen, weil ich weiß: Das ist hoch und es kann sehr schmerzhaft werden, wenn ich ungünstig aufschlage anstatt einzutauchen. Angst ist ein biochemischer Vorgang, den auch Tiere erleiden können. Nach dem konkreten Anlaß vergeht die Angst dann aber auch wieder. Aber Furcht ist diffus, braucht keinen sichtbaren, erklärbaren Grund. Furcht setzt sich aus vielen unbewußten Bestandteilen zusammen und kann zum beengenden Lebensgefühl werden. Vor allem immer dann, wenn wir aus der Vertrautheit des Gewohnten in eine uns fremde Lage gezwungen werden. Eine zerbrochene langjährige Beziehung oder Ehe, der Tod eines Menschen, Arbeitslosigkeit, eine plötzliche Erkrankung. Und manche Menschen empfinden sogar das ganze Leben als eine fremde Lage, in die sie hineingezwungen wurden.

„Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein!"

Das hieß für Israel: Fürchte dich nicht. Die Zeit deiner Verbannung wird ein Ende haben und ich kenne es auch schon. Du wirst heimkehren. Du wirst wieder einen Namen haben, ein Gesicht, eine Bedeutung. Du wirst wieder „Volk Gottes" heißen und Recht und Ehre und Erde und Heimat genießen.

Das heißt aber für uns auch: Fürchte dich nicht, du Sterbenskranker. Dein Leben ist nicht auf diese paar irdischen Jahrzehnte beschränkt. Du wirst dann nicht in die dunkle Namenlosigkeit fallen. Du gehörst mir und du wirst in meiner Hand bleiben. Oder auch: Fürchte dich nicht, du Angehöriger eines Sterbenden. Dein lieber Mensch, um den du dich sorgst, um den du bald trauerst, der leidet nicht im Tod, sondern der wird die Freiheit der erlösten Kinder Gottes, auf die du nur hoffst, schon erleben. Der wird als Person durch das Sterben hindurch bewahrt, der wird wissen, daß er zu mir gehört, auf immer bei mir geborgen sein. Du mußt loslassen, aber ich lasse ihn nicht los.

Oder: Fürchte dich nicht, du Mensch, der unter einer zerbrochenen Ehe leidet. Der Sinn deines Lebens ist viel tiefer, viel bedeutsamer, viel reicher als du es dir im Moment vorstellen kannst. Ich kenne dich und deine Gaben und deine Möglichkeiten und habe noch sehr viel mit dir vor in diesem Leben. Du bist nicht nur Ehefrau oder Vater oder Familienernährer, sondern du gehörst mir, bist als einzelner Mensch von mir geliebt und gewollt.

Brüder und Schwestern: Erlöst sein - das verbinden wir sehr rasch mit der Erlösung, die Jesus Christus uns erworben hat. Und sicher ganz zurecht. Dahinter steht bei Jesaja aber eine uns sehr fremde Erfahrung. Das Volk, das in der Wüste lebt, mußte ständig mit Überfällen nomadisierender Räuber rechnen, die einen lieben Angehörigen entführten und so lange festhielten, bis die Sippe, der Stammesverband ihn auslöste, freikaufte. Wie unbedingt wichtig war es da für einen als Geisel gefangenen zu wissen, daß die nächsten Angehörigen ihre Ehre aufs Spiel setzten, wenn sie nicht alles daran setzten, ihn freizukaufen, ihn auszulösen.

Der Begriff „Ehre" ist heute veraltet, selten gebraucht oder ins Gerede gekommen, nachdem er in der Politik mit wenig ehrenvollen Taten in Verbindung gebracht wurde. Für einen damaligen Menschen und übrigens für viele Kulturen bis heute, ist die Ehre eines Menschen aber sein höchstes Gut. Man kann arm sein, erfolglos, krank und einsam. Aber alles ist nicht so schlimm, so vernichtend, wie in den Augen der anderen ehrlos zu sein.

Und nun sagt Gott seinem Volk Israel: Ich habe dich erlöst. Also: Ich habe meine Ehre daran gesetzt, dich zu befreien. Da wird Gott zum nächsten Angehörigen Israels, zum mächtigen Fürsprecher, zum einflußreichen Unterhändler, bei dem das Ergebnis der Verhandlungen mit Sicherheit „Freiheit" lauten wird.

Um diese Freiheit für Israel wiederherzustellen, so läßt Gott durch Jesaja seinem Volk sagen, hat er Ägypten und Kusch und Seba, Menschen und Völker als Lösegeld gegeben. Alles, um seine Söhne und Töchter und alle, die mit seinem Namen genannt sind, der er zu seiner Ehre geschaffen hat, wiederzubringen, heimzubringen.

Da, liebe Gemeinde, leuchtet schon in diesen alten Worten das Neue auf: Denn mit seinem Namen genannt, zu seiner Ehre geschaffen, sind wir auch. Dazu gehören wir auch. Darum hat die Kirche auch diese Trostverse dem 6. Sonntag nach Trinitatis zugeordnet, der als Taufsonntag gefeiert wird.

Manche Menschen verfluchen den Tag ihrer Geburt und sagen: Da wurde ich ungefragt in dieses fremde, feindliche Leben geworfen. Ich weiß nicht, wozu ich da bin, zu wem ich gehöre, wo ich hingehe.

Und gar nicht wenige sind ein Leben lang auf der Suche nach einer Zugehörigkeit, nach einer Identität, suchen sie in Beziehungen, in der Familie, in der übertriebenen nationalistischen Identifikation mit einem Volk, in Firmen und Betrieben, politischen Parteien, Vereinen und Sekten. Endlich wissen, daß ich ein Teil eines Ganzen bin, daß ich irgendwo dazugehöre, eine innere Heimat habe. Aber das alles kann zerbrechen, kann sich als Illusion erweisen, kann enttäuschen.

Darum ist es so wichtig, aus den Worten Jesajas auch das über die Taufe wieder neu gesagt zu bekommen: Die Taufe ist nicht nur ein individueller Heilsakt, der dich als Einzelnen rettet und dir dein persönliches Heil zueignet, sondern durch die Taufe wirst du dem Leib Christi einverleibt, Glied an einem lebendigen Organismus. Du wirst Teil des Volkes Gottes, erhältst dort Anteil an der Gemeinschaft der Kinder Gottes. Und da gehörst du vom Tag deiner Taufe an hin. Da bist du zu hause, ganz gleich, an welchem geografischen Ort oder auch, in welcher Lebenslage du dich befindest. Und die Zugehörigkeit zu diesem erlösten Volk Gottes ist nicht auf das irdische Leben begrenzt. Du wirst nie mehr heimatlos sein, nie mehr ohne Gemeinschaft, nie mehr hineingeworfen in eine fremde, feindliche Welt. Du hast eine Identität, die bleibt und die sogar das irdische Leben überdauert. Es gilt nicht mehr nur: Du, sondern immer „Du und die Deinen". So sagt es Paul Gerhardt in dem leider selten gesungenen Tauflied: Du Volk, das du getaufet bist und deinen Gott erkennest, auch nach dem Namen Jesu Christi dich und die Deinen nennest." Da wird nicht nur der Einzelne angesprochen, sondern das ganze getaufte Volk Gottes, das seinen Namen trägt und ihm gehört.

Liebe Mitchristen, niemand sollte über eine Frau wie Hannelore Kohl urteilen, für die der Selbstmord der einzige Ausweg aus einem aus ihrer Sicht elenden, fremden, unerlösten und bedrückend einsamen Leben schien. Aber sie ist wohl ein Beispiel dafür, wie ein Mensch sich wiederfindet, der seine Identität in der Gemeinschaft einer Familie, einer bestimmten Gesellschaft, einer Partei, einer Rolle gesucht und vermeintlich gefunden hatte und nun plötzlich vor den Scherben aller dieser bisherigen Beziehungen steht. Ein solcher Mensch ist zutiefst einsam. Die Kinder aus dem Haus, die glänzende Rolle der Frist Lady ist ausgespielt, die vielleicht erhoffte ruhige Zweisamkeit mit dem Ehemann läßt auf sich warten, weil er den ausstieg aus dem Politikerleben nicht schafft, von der Fülle der vermeintlichen Freunde bleibt nur ein karger Rest zurück, während die Masse sich den neuen Mächtigen, Einflußreichen und Wichtigen zuwendet, dann auch noch eine Krankheit, die in immer tiefere Isolation zwingt: Da bleibt die Frage offen: Was ist denn meine Identität? Zu wem gehöre ich? Wer ist mein nächster Angehöriger, der bei mir ist und für mich da ist?

Und wenn die Frage unbeantwortet bleibt, dann hat der Teufel ein leichtes Spiel. So übrigens, so barmherzig, beurteilt Martin Luther die Selbstmörder, wenn er sagt: Sie sind Opfer des Teufels, nicht Herr ihrer selbst, sind wie die, die auf der Landstraße von Räubern überfallen und ermordet werden. Luther hat Selbstmörder christlich beerdigt und sich jedes Urteils enthalten. Er wußte, nicht zuletzt aus eigener Erfahrung mit Depressionen und Anfechtungen; Der Teufel greift genau da an, wo wir am verwundbarsten sind. Und das ist da, wo unsere Lebensfurcht vor der Leere keinen tröstenden Halt erfährt. Darum ist die Erinnerung daran, daß wir als Kinder Gottes durch die Taufe zum Volk der Erlösten gehören, daß Gott nicht nur Ägypten und Kusch und Seba, sondern seinen Sohn Jesus Christus für uns als Lösegeld gegeben hat, damit wir eine Heimat haben, die uns niemand mehr nehmen kann, darum ist diese Erinnerung immer wieder wichtig. Luther hat in depressiven Phasen oder bei schmerzhaften Krankheiten und in Zeiten großer Anfechtung bekanntlich - sich selbst erinnernd und vergewissernd - mit Kreide auf den Tisch geschrieben: Ich bin getauft worden.

Und da wußte er, daß er ein Glied am Leib Christi ist und Ströme ihn nicht ertränken und Feuer und Flamme ihn nicht verbrennen konnten.

Amen.