Predigt

(Pastor Gert Kelter am 3. Sonntag nach Epiphanias 2001)

Wir sind beschenkte Bettler

Da kam er in eine Stadt Samariens, die heißt Sychar, nahe bei dem Feld, das Jakob seinem Sohn Josef gab.

Es war aber dort Jakobs Brunnen. Weil nun Jesus müde war von der Reise, setzte er sich am Brunnen nieder; es war um die sechste Stunde.

Da kommt eine Frau aus Samarien, um Wasser zu schöpfen. Jesus spricht zu ihr: Gib mir zu trinken!

Denn seine Jünger waren in die Stadt gegangen, um Essen zu kaufen.

Da spricht die samaritische Frau zu ihm: Wie, du bittest mich um etwas zu trinken, der du ein Jude bist und ich eine samaritische Frau? Denn die Juden haben keine Gemeinschaft mit den Samaritern. -

Jesus antwortete und sprach zu ihr: Wenn du erkenntest die Gabe Gottes und wer der ist, der zu dir sagt: Gib mir zu trinken!, du bätest ihn, und der gäbe dir lebendiges Wasser.

Spricht zu ihm die Frau: Herr, hast du doch nichts, womit du schöpfen könntest, und der Brunnen ist tief; woher hast du dann lebendiges Wasser?

Bist du mehr als unser Vater Jakob, der uns diesen Brunnen gegeben hat? Und er hat daraus getrunken und seine Kinder und sein Vieh.

Jesus antwortete und sprach zu ihr: Wer von diesem Wasser trinkt, den wird wieder dürsten;

wer aber von dem Wasser trinken wird, das ich ihm gebe, den wird in Ewigkeit nicht dürsten, sondern das Wasser, das ich ihm geben werde, das wird in ihm eine Quelle des Wassers werden, das in das ewige Leben quillt.

 

Liebe Schwestern und Brüder,

kein Wort berichten die Evangelien davon, dass jemals ein Pharisäer ein Nachfolger Jesu wurde. Mit einer Ausnahme, und die wird auch erst in der Apostelgeschichte überliefert, nämlich mit der Ausnahme des gesetzesstrengen Pharisäers Saulus. Der aber mußte erst vor Damaskus in der direkten und unverhüllten Begegnung mit dem auferstandenen Herrn erblinden und zum Paulus werden. Dessen ganze bisherige Frömmigkeit mußte erst zerbrechen und am Boden liegen, bevor er Jesus als den Christus, als seinen Herrn und Heiland der Welt erkannte.

Dennoch ist Jesus ständig im theologischen Gespräch mit den Pharisäern. Diese Gespräche sind dadurch gekennzeichnet, dass die Pharisäer Jesus mit ihren Glaubensgrundsätzen, ihren Dogmen konfrontieren und dann darauf warten, dass Jesus sich entweder als rechtgläubig in ihrem Sinne oder eben als Irrlehrer erweist. Merkwürdig, dass Jesus sich auf solche Gespräche einläßt, dass er aber auch mit Härte und Schärfe, mit klaren Urteilen Grenzen zieht und offenbar gar nicht wenigstens versucht, die Pharisäer zu gewinnen. Er setzt auf Konfrontation und zwingt die Pharisäer zur Entscheidung nach dem Satz: Wer nicht für mich ist, der ist gegen mich. Pharisäer – das sind im Neuen Testament fromme Juden, die das Gesetz akribisch genau beachten und auch der Ansicht sind, es sei menschenmöglich, alle Forderungen der Gesetzes exakt zu erfüllen, wenn ein Mensch das denn wolle. Pharisäer sind solche, die ein geschlossenes Lehrgebäude vertreten, das keine Zweifel und keine Fragen zuläßt. Pharisäer sind solche, die

 

Gott dafür danken, dass sie nicht so sind, wie die Zöllner und andere Sünder, die allen Grund dazu haben, im Tempel mit gesenktem Haupt zu beten: Gott, sei mir Sünder g Wir sind Bettler nädig. Pharisäer sind abgeschlossene, aus ihrer Sicht fertige Menschen, Gott wohlgefällig und angenehm, die ihr persönliches Beispiel zum Maßstab für das Volk Israel erheben. Und davon sind auch alle Gespräche zwischen Jesus und den Pharisäern durchtränkt: Von einer nicht zu durchbrechenden Abgeschlossenheit, von verschlossenen Ohren trotz großartiger Bibelkenntnis, trotz intellektuell hochstehender Argumentationskunst.

Liebe Gemeinde: Wie ganz anders ist das Gespräch, das Jesus am Brunnen von Sychar in glühender Mittagshitze mit der samaritanischen Frau führt!

Jesus ist müde, das Wort, das hier verwendet wird, meint nicht nur körperliche Müdigkeit, sondern tiefe Erschöpfung. Die Jünger waren ins Dorf gegangen, um Lebensmittel zu kaufen. Jesus sitzt allein am Brunnen. Jetzt, in der Mittagshitze, kommen kaum Menschen zum Wasserschöpfen; das erledigt man lieber in der Kühle des frühen Morgens oder des Abends. Offensichtlich weiß das die Frau, die diese Stille nutzt, um möglichst ungesehen ihre Wasservorräte aufzufüllen. Die Frau ist, wie die meisten Bewohner der Gegend um die alte Stadt Sichem, eine Samaritanerin. Die Samaritaner oder Samariter, es gibt in Israel bis heute noch einige Hundert davon, sind Nachfahren von Juden, die der Deportation in die babylonische Gefangenschaft entgangen waren. Als die Assyrer anstelle der verschleppten Juden in Israel assyrische Neusiedler dort ansässig machen, kommt es zur Vermischung mit einigen der übriggebliebenen Juden. Ein Mischvolk entsteht, das auch religiös als Mischvolk zu bezeichnen ist. Man behält die 5 Bücher Mose, nicht aber die prophetischen Bücher und errichtet ein Heiligtum auf dem Berg Garizim in Samaria anstelle des zerstörten Jerusalemer Tempels. Den Erzvater Jakob sehen die Samariter als ihren Stammvater an. Manche heidnischen Bräuche und Lehren dringen zusätzlich ein.

Die rückkehrenden Juden, die nach Gottes Gebot streng darauf achten, dass sich Israeliten nicht mit Fremdvölkern vermischen, erkennen die Samaritaner nicht als Glaubensgenossen an. Irgendwann vor dem Jahr 400 v.Chr. kommt es zum endgültigen Bruch zwischen Juden und Samaritanern. Sie haben keine Gemeinschaft mehr miteinander. So steht es auch in unserem Abschnitt und ist in dieser Formulierung ein Begriff aus der religiösen Rechtssprache. „Keine Gemeinschaft" – das heißt: Man redet nicht miteinander, man ist und trinkt nicht miteinander, man heiratet nicht untereinander, man betet und opfert nicht miteinander. Die Samariter beten auf dem Berg Garizim, die Juden auf dem Berg Zion im Tempel von Jerusalem an.

Die Samaritanerin, die mit ihren Krügen zum Brunnen von Sychar kommt, wird von Jesus mit prophetischem visionären Blick sofort durchschaut: Sie ist kein unbeschriebenes Blatt. Fünf Männer hatte sie schon gehabt und der, mit dem sie zusammenlebte, war nicht ihr legitimer Ehemann. Das weiß Jesus. Und schließlich: Es handelt sich um eine Frau. Und da wäre es aus streng jüdischer Sicht sowieso gleichgültig gewesen, ob sie zusätzlich auch noch Samaritanerin und darüber hinaus auch noch eine etwas zwielichtige Samaritanerin war: Jüdische Männer reden nicht in der Öffentlichkeit mit Frauen.

Aber genau das macht Jesus. Und zwar spricht er die Frau an. Und jetzt sieht man förmlich die Steigerung der Ereignisse vor Augen: Er spricht nicht nur mit ihr in der Öffentlichkeit. Er bittet sie auch noch um einen Gefallen. „Gib mir zu trinken!" Er beabsichtigt also, ein durch die Hand einer solchen Frau verunreinigtes Gefäß zum Trinken zu benutzen.

Liebe Gemeinde: Jesus weiß, dass er eine Sünderin vor sich hat, die um ihre Sünde weiß, die sich dafür schämt und darum bemüht ist, möglichst niemandem am Brunnen zu begegnen, deshalb lieber die Hitze und die damit verbundenen Beschwerlichkeiten in kauf nimmt. Und Jesus merkt, dass sich diese Frau ihrer Minderwertigkeit als falschgläubige Samaritanerin bewußt ist, dass sie ihm, dem Juden gegenüber, keine Rechte einfordert, sondern ihn schüchtern darauf hinweist, dass es doch gegen jüdisches Gesetz sei, wenn sie ihm nun etwas zu trinken reichte. Wie anders ist diese Frau, als die Pharisäer.

Und wie anders reagiert Jesus hier! Er disputiert nicht über die Glaubensunterschiede zwischen Juden und Samaritern, sondern übergeht diese Andeutung der Frau einfach. Er sagt: „Wenn du erkenntest die Gabe Gottes und wer der ist, der zu dir sagt: Gib mir zu trinken!, du bätest ihn, und der gäbe dir lebendiges Wasser."

Das ist kein genervtes Seufzen über die Dummheit der Frau und ihre törichten Fragen, sondern eine Bitte, ein Gebet an Gott, den Vater um die Gabe seines Hl. Geistes, damit diese Frau doch erkennen möge.

Ein Pharisäer mit seinen festgefahrenen Vorstellungen über Wahrheit und seinen verschlossenen Ohren hätte wahrscheinlich jetzt eine der bekannten Fangfragen gestellt. Die Frau antwortet naiv, harmlos, offen und geradezu unschuldig: Du hast doch kein Trinkgefäß und der Brunnen ist tief. Wie willst du an lebendiges Wasser kommen? Unter lebendigem Wasser verstand man frisches, sprudelndes Quellwasser. Die Doppeldeutigkeit des Begriffes war der Frau gar nicht aufgegangen.

Sie kann nur erwarten, dass Jesus gleich ein anatomisches oder geologisches Tauch- oder Quellenwunder vollbringen wird und fragt darum zurück: Bist du denn mehr als unser Vater Jakob, der diesen Brunnen einmal angelegt hat?

Das ist nicht die arrogante Frage eines Pharisäers mit dem Unterton: Was glaubst du eigentlich, wer du bist, dass du so redest, etwa mehr als...?

Sondern das ist die kindlich staunende Frage eines Menschen, der offen ist für eine Antwort, die ihn weiterbringt. Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, sagt Jesus an anderer Stelle, so werdet ihr nicht ins Reich Gottes gelangen.

Jesus geht darauf ein und einen Schritt weiter: Wer aus diesem Brunnen trinkt, der wird wieder durstig, aber das Wasser, das ich zu geben habe, wird in ihm zur Quelle des Lebens werden und zum Leben führen.

Liebe Gemeinde: Das Gespräch entwickelt sich danach noch in mehreren Schritten weiter, wobei die Erkenntnis der Frau schrittweise wächst. Zunächst sieht sie in Jesus einen Propheten, dann den Messias Israels und dann, als sie mit vielen anderen zurückkommt, schließlich den Heiland der Welt.

Da ist aus der sündigen Halbheidin eine Christin geworden, beschenkt mit Vergebung, mit neuem und ewigem Leben, mit dem Heiligen Geist des Glaubens und der Erkenntnis. Da ist aus der Ausgestoßenen ein Kind Gottes, eine Bürgerin im Reich Gottes geworden, ein Mensch, der zu Gottes Volk gehört, ganz gleich, woher er ursprünglich stammt, ganz gleich, welche Vergangenheit hinter ihm liegt.

Jesus hat nicht verlangt, dass die Frau ihn auf Anhieb als Heiland der Welt preist. Er hat sich ihr ganz menschlich genähert, mit einer Bitte um Hilfe. Er hat sie zunächst einfach nur als einen Menschen vorurteilsfrei angesehen und behandelt. Und so hat er einen Zugang zu ihrem Herzen gefunden und sie ist ihm offen, hörend, fragend, suchend begegnet.

Eben ganz anders als die Pharisäer, die sich Fragen und Zweifel verbieten, die sich nicht als leere Gefäße erkennen, sondern angefüllt mit Wahrheit, Gerechtigkeit und Gelehrsamkeit mit Jesus streiten.

 

Die Bettelschalen, die leeren irdenen Gefäße sind es, die Jesus Christus, die Quelle des Lebens mit lebendigem Wasser füllen kann, randvoll und immer wieder neu.

Das tut er auch heute noch, wo Menschen ihm suchend, fragend, zweifelnd und offen für seine Antworten begegnen, wo Menschen sagen: Wir sind Bettler, das ist wahr. Die werden es ein, die ihn als Heiland der Welt preisen und bezeugen: Wir sind Bettler, das ist wahr, aber reich beschenkte, mit Sinn und Leben und Freude beschenkte Bettler. Das ist vor allem wahr. Amen.