Predigt

(Pastor Gert Kelter am 1. Sonntag nach Weihnachten 2001)

In Gottes Hände geritzt.

Jauchzet, ihr Himmel; freue dich, Erde! Lobet, ihr Berge, mit Jauchzen! Denn der HERR hat sein Volk getröstet und erbarmt sich seiner Elenden.
Zion aber sprach: Der HERR hat mich verlassen, der Herr hat meiner vergessen.
Kann auch ein Weib ihres Kindleins vergessen, dass sie sich nicht erbarme über den Sohn ihres Leibes? Und ob sie seiner vergäße, so will ich doch deiner nicht vergessen.
Siehe, in die Hände habe ich dich gezeichnet; deine Mauern sind immerdar vor mir. (Jes. 49,13-16)

Liebe Brüder und Schwestern,

das ist ein seltsamer Sonntag, dieser Sonntag nach Weihnachten in der „Zeit zwischen den Jahren", was schon so klingt, als sei das eigentlich gar keine Zeit, sondern nur ein Vakuum, ein Loch, in das man fallen kann. Und genau so lässt sich wohl auch die Stimmung beschreiben, in der viele Menschen sich in diesen Tagen befinden.

Da wurden wir wochenlang durch Kunst, Kitsch und Kommerz auf das große Fest vorbereitet, haben geschmückt, Adventskerzen angezündet, besinnliche Nachmittage und Weihnachtsfeiern zelebriert, Geschenke gekauft, eingepackt, zur Post gebracht, Vorräte angelegt und wieder aufgegessen, Gottesdienste gefeiert und „O du fröhliche" gesungen.

Und vielleicht haben wir es dieses Jahr geschafft, vier Tage Frieden zu halten und Streit zu vermeiden, obwohl Oma und Opa wieder mal nicht ganz einfach waren und Schwiegermutter nur mit größter Mühe in Schach zu halten war. Und nun sind die Gäste wieder gefahren, mit unserem erleichterten „Endlich!" im Rücken. Oder mit der Wehmut der Einsamen und Verlassenen, die genau spüren, dass der Weihnachtsbesuch eher lästige Pflicht war und sich bis zum nächsten Weihnachtsfest nicht wiederholen wird. Mit den ersten Nadeln vom Christbaum verschwindet auch die Sentimentalität der letzten Tage im Staubsauger. „Jauchzet, ihr Himmel, freue dich, Erde, lobt ihr Berge. Denn der Herr hat sein Volk getröstet und erbarmt sich seiner Elenden." Wir haben uns erinnern lassen, dass Gott in Jesus Christus den Menschen in seiner Barmherzigkeit zum Trost erschienen ist und haben gejauchzt und frohlockt, was das Gesangbuch hergab.

Und nun sind alle Lieder gesungen und heute werden schon die ersten wiederholt. Das „Freude, Freude über Freude" will nicht mehr recht trösten. Es hat sich nichts spürbar verändert. Das Leben geht weiter, zögert noch ein bisschen vor der Schwelle des neuen Jahres, aber dann wird wieder alle sein wie vorher. Ja -und vielleicht wäre das sogar die bessere Alternative, denn man weiß ja nicht, wie es wird, das neue Jahr und manche Ängste und Beklemmungen kriechen da in uns hoch.

So ist es mit Trostbotschaften, die auf eine ferne Zukunft zielen und mit Trostbotschaften, die das Heil in ferner Vergangenheit erinnernd beschwören. Wir suchen Trost für die Gegenwart und fallen tief, wenn sich dieser Trost nicht einstellt oder nur der fade Nachgeschmack von Vertröstung bleibt.

Die vertriebenen Israeliten, denen Jesaja im Exil tröstend zuruft: „Jauchzt und jubelt, denn Gott hat sein Volk getröstet und sich der Elenden erbarmt!", lassen sich nicht aus ihrer Trostlosigkeit reißen. Sie sehen ihre hoffnungslose Gegenwart, finden nichts mehr, woran sie ihr so bitter nötiges Vertrauen festmachen können und klagen: „Der HERR hat mich verlassen, der HERR hat meiner vergessen."

Liebe Gemeinde, da sagt niemand: Es gibt keinen Gott. Und das ist ein Unterschied. Wer an keinen Gott glaubt, braucht auch kein Vertrauen zu investieren und kann auch nicht enttäuscht werden. Der wird sich in diesem Leben einrichten und versuchen, das Beste daraus zu machen. Aber wer glaubt, dass ein Gott ist, einer der sich seinem Volk zuwendet, der sich als barmherzig und zuverlässig offenbart, Verheißungen macht und Heil ankündigt, wer das glaubt, der hat mit Zweifeln zu kämpfen, die bis zur Verzweiflung reichen, wenn diese Zusagen sich in der Gegenwart nicht zu erfüllen scheinen. Von jemandem verlassen und vergessen zu sein - das ist schlimmer als nie jemanden gehabt zu haben.

Nicht „Gott ist tot", klagen die Israeliten - nein, viel schlimmer: Gott ist, Gott existiert, aber wir existieren nicht mehr für ihn.

Da hat es auch ein Prophet schwer, noch geeignete Vergleiche und Bilder zu finden, die denen, die nicht mehr ganz bei Troste sind, die Liebe und Treue, die Glaubwürdigkeit und Zuverlässigkeit Gottes auch gegen jeden Augenschein wieder sichtbar vor Augen zu stellen. Aber der Prophet des Alten Bundes braucht Bilder und Vergleiche, um sich dem Unvorstellbaren, dem Unsichtbaren, Heiligen und Unnahbaren auf menschlich nachvollziehbare Weise zu nähern. Er, der Prophet, ist seiner Botschaft gewiss. Aber er muss sie weitergeben, um andere in ihrer schwindenden und angefochtenen Glaubensgewissheit wieder gewiss zu machen.

„Gottes Liebe ist wie die Liebe eines Vaters." Das ist ein gebräuchliches aber unter seelsorglichen Gesichtspunkten nicht ganz ungefährliches Bild. Wir leben heute in einer Gesellschaft, die Soziologen und Psychologen inzwischen als die „vaterlose Gesellschaft" bezeichnen. Viele Kinder wachsen ohne Vater, ohne männliche Bezugs- und Vorbildperson auf. Und auch da, wo Väter vorhanden sind, sind sie oft wenig präsent oder geben unerfreuliche tyrannische, gewalttätige oder gerade in ihrer Gewalttätigkeit schwache Vorbilder ab. Der Vergleich Gottes mit einem Vater würde dem Propheten im Halse stecken bleiben. Also versucht er’s mit dem Bild vom mütterlichen Gott und nimmt feministische Visionen vorweg. Wo die Väter versagt haben, sollen die Mütter einspringen. Mutterliebe - das ist doch nicht zu übertreffen. Und so einen Gott haben wir, der uns liebt wie eine Mutter, die doch nie und nimmer den Sohn ihres Leibes vergessen würde.

Nie und nimmer? Stets und ständig wäre der Wirklichkeit unserer Gegenwart angemessen. In der HAZ vom 27. Dezember stand zu lesen, dass eine 34-jährige Mutter am Hl. Abend ihren 7-jährigen Sohn in der Wohnung eingeschlossen hatte und einfach verschwand. Sie wolle am nächsten Tag wiederkommen. Aber sie kam nicht und der kleine Junge musste, nachdem er mit dem Notruf die Polizei verständigt hatte, aus seinem Verließ befreit werden. Also: Auch die Mutter hat mich verlassen, sie hat mich vergessen.

Was auch immer die Mutter zu ihrem Verhalten veranlasst haben mag, der neue Liebhaber oder eine Drogensucht: Es gibt sehr viele und sehr banale Dinge, die unter gewissen Umständen ganz schnell stärker sein können als Mutterliebe.

Kann denn eine Mutter den Sohn ihres Leibes vergessen, fragt Jesaja rhetorisch und scheint die Einwände bereits zu hören, bevor sie gemacht werden: Ja, sie kann’s und sie tut’s auch oft genug. Und da schaltet sich Gott selbst ein, nimmt den Einwand auf und lässt Jesaja sagen: Und ob sie seiner vergäße, so will ich doch deiner nicht vergessen. Siehe, in die Hände habe ich dich gezeichnet; deine Mauern sind immerdar vor mir.

Auch das, liebe Gemeinde, ist ein Bild, ein ganz und gar alttestamentliches zumal. Gott gibt es dem Propheten ein, weil die Zeit noch nicht erfüllt war, um aus den Bildern eine geschichtliche Tatsache zu machen. Aber das Bild ist kräftig und nicht so sehr abhängig von unseren menschlichen Erfahrungen, die allesamt auch die Möglichkeit der Enttäuschung in sich tragen. In die Hände gezeichnet - das heißt wörtlich übersetzt soviel wie: Eingraviert, eintätowiert. So untrennbar von sich selbst stehst du dem allmächtigen Gott immer vor Augen und erinnerst ihn an seine Barmherzigkeit. Da ist ein Entwurf eines Menschen in Gottes Hände geritzt, eines liebevoll geplanten, gewollten und geschaffenen Menschen in der Vollkommenheit, die Gott ihm zugedacht hatte. Das sind nicht die zertrümmerten, zerstörten Mauern, sondern das neue Jerusalem, das ihm immer vor Augen steht. Wie ein eingebranntes Siegel, das Gott unumkehrbar auf seine Verheißungen und Zusagen verpflichtet. Und wenn ich darüber nachdenke, wo im Neuen Testament dieses Bild aufgenommen wird, wo also bezeugt wird, dass ein Siegel der Liebe Gottes in Gottes Hände geprägt ist, dann denke ich an die Hände Jesu Christi und an die Nägel, die sie durchbohrt haben.

In seinem Sohn lässt sich Gott ein für allemal auf seine Väterlichkeit und seine Mütterlichkeit festnageln. Nicht nur im Bild oder im Vergleich, sondern in der Wirklichkeit dieser Zeit und Welt.

Die Verheißung Gottes, die Jesaja dem klagenden Volk Israel im Exil zum Trost gesagt hat, ist erfüllt worden. Aber nur sehr vorläufig darin, dass Israel in das Land seiner Väter zurückkehren durfte und der Tempel in Jerusalem wieder aufgebaut wurde. Der Tempel wurde wieder zerstört, um Jerusalem herrscht Krieg und die Mehrheit des Volkes Israel lebt weder im Hl. Land noch glaubt sie an die Verheißungen der Propheten noch gar an die Erfüllung dieser Verheißungen in Jesus Christus. Aber als die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn. Und in IHM sind alle Verheißungen Gottes ein Ja. Der steht als Erweis der Liebe Gottes vor dem Vater und zeigt ihm seine Nägelmale. Und in ihm und durch ihn, der uns, wie es in einem Eucharistiegebet heißt, „als unser Hoherpriester immerdar vor dem Vater vertritt", sind und bleiben wir bei Gott unvergessen.

Das gilt für uns selbst, für die, um die wir uns sorgen und für unsere Verstorbenen, die nicht unser ehrendes Gedächtnis, sondern Gottes liebevolles Gedenken, sein den Tod besiegendes Handeln lebendig und bei ihm unvergessen machen.

Nicht in der Väterlichkeit und nicht in der Mütterlichkeit Gottes finden wir Frieden, sondern im Sohn. Und wie Simeon, der das erkannt hat, dürfen wir sagen: Herr, nun lässt du deinen Diener in Frieden fahren, denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen, den du bereitet hast vor allen Völkern, ein Licht, zu erleuchten die Heiden und zum Preis deines Volkes Israel. Amen.