Predigt

(Pastor Gert Kelter am 1. Sonntag im Advent 2001)

Versammlung vor dem Thron des Vaters.

Weil wir denn nun, liebe Brüder, durch das Blut Jesu die Freiheit haben zum Eingang in das Heiligtum,
den er uns aufgetan hat als neuen und lebendigen Weg durch den Vorhang, das ist: durch das Opfer seines Leibes,
und haben einen Hohenpriester über das Haus Gottes,
so lasst uns hinzutreten mit wahrhaftigem Herzen in vollkommenem Glauben, besprengt in unsern Herzen und los von dem bösen Gewissen und gewaschen am Leib mit reinem Wasser.
Lasst uns festhalten an dem Bekenntnis der Hoffnung und nicht wanken; denn er ist treu, der sie verheißen hat;
und lasst uns aufeinander acht haben und uns anreizen zur Liebe und zu guten Werken
und nicht verlassen unsre Versammlungen, wie einige zu tun pflegen, sondern einander ermahnen, und das um so mehr, als ihr seht, dass sich der Tag naht. (Hebräer 10, 19-25)

Liebe Schwestern und Brüder,

lang, lang istís her, seit die Mauer fiel, die jahrzehntelang Deutschland zerteilte und zerriss. In vier Jahrzehnten hatten sich die Menschen auf beiden Seiten der Grenze daran gewöhnt. Es gab nicht viele, die wirklich eine innere Sehnsucht und eine lebendige Hoffnung an die Wiedervereinigung wach hielten. Als das Unglaubliche dann geschah, schien die Welt - zumindest in Deutschland- eine zeitlang wie verwandelt: Da fallen sich in der Nacht des Mauerfalls am Brandenburger Tor fremde Menschen West und Ost in die Arme, tränen der Freude und der Rührung fließen, man applaudiert den Trabbi-Kolonnen, verteilt Geschenke. In den Kirchen finden gut besuchte Dankgottesdienste statt und die alten nationalen Symbole, die schwarz-rot-goldene Flagge und die Nationalhymne hatten plötzlich ihren bis dahin nie ganz auszublendenden Beigeschmack von unpassendem Nationalismus verloren. Die Menschen suchten nach Gesten, Formen und geradezu liturgischen Strukturen, um für ihre überfließende Gefühle, ihren Sorgen und Hoffnungen eine Möglichkeit des Ausdrucks zu finden. Menschen, die bis dahin egozentrisch und routiniert ihre eigenen Ziele verfolgten und ein eher vereinzeltes Leben führten, fühlten sich in diesen Tagen gedrängt, Gemeinschaft zu finden und zu erleben. Man nahm den anderen, den Ostdeutschen wie den eigentlich fremden Westdeutschen als Teil einer großen Gemeinschaft mit derselben Geschichte, denselben Hoffnungen und Werten wahr. Und man berauschte sich in dem Bewusstsein, selbst Teil dieser großen Familie der Deutschen zu sein, die nun wieder zusammengefunden hatten.

Aber lang istís her. Der Tag des nicht mehr erwarteten Wunders wurde als Tag der deutschen Einheit in die feste Form eines Nationalfeiertags gepackt, an dem man heute eben frei hat, vielleicht einen Ausflug macht oder einfach nur länger schläft. Dazwischen ist die Einheit zur Normalität geworden. Ost- und Westdeutsche fallen sich nicht mehr in die Arme, sondern gelegentlich auf die Nerven und manchmal in den Rücken.

Das Gefühl des großen Gemeinsamen ist wieder dem Egoismus der eigenen Interessen gewichen, dem neidischen Blick, der eifersüchtigen Sorge, selbst nicht zu kurz zu kommen.

Liebe Gemeinde, wenn ich einmal dieses weltliche Geschichtsereignisse, seine Vorgeschichte und seine Nachgeschichte in eine Verbindung mit der Geschichte der Christenheit bringe, fallen mir Gemeinsamkeiten auf.

Mir fällt auf, dass die Verse aus dem Hebräerbrief, die wir zu Beginn der Predigt hörten, so etwas darstellen, wie ein geistliches Spiegelbild dieser weltlichen Beobachtungen:

Zu Anfang wird ein freudiges, unüberbietbar wunderbares Ereignis in Erinnerung gerufen: Wir sind frei. Der Vorhang im Tempel, der bisher den direkten Zugang zu Gottes Thron unmöglich machte, ist zerrissen. Und dieser Vorhang, der zerrissen werden musste, ist Jesus Christus selbst. Weil sein Leib für uns zerbrochen wurde, geopfert wurde, können wir nun befreit und gereinigt von aller Schuld und vom bösen Gewissen, fröhlich und zuversichtlich jederzeit zu Gott treten, der sich als unser Vater erwiesen hat.

Da war es, das große, lang ersehnte Ereignis: Die Grenze ist frei, der Vorhang zerrissen, der jahrtausendelang erwartete, vielleicht nur von wenigen wirklich erwartete Messias ist da. Aber die große Freude wird von der bedrängenden Realität schnell eingeholt. Das Hochgefühl wird in liturgische Rituale gegossen und der Versuch, die Begeisterung des Anfangs in regelmäßigen Abständen wiederzubeleben, schlägt fehl. Der Alltag bemächtigt sich der Christen. Es ist nötig, den frühen Gemeinden ins Gewissen zu reden.

Und dann folgen drei Aufrufe, die die Christen aus ihrer Routine reißen sollen und ihnen die Freude des Anfangs wieder schmackhaft machen wollen:

1. Tretet ein in das geöffnete Heiligtum, bleibt nicht lustlos und gelangweilt draußen stehen. Lasst uns festhalten am Bekenntnis der Hoffnung und nicht wanken. Denn der uns dieses Bekenntnis geschenkt hat, ist treu und derselbe, der uns die Verheißung gegeben hat.

2. Lasst uns aufeinander Acht geben und uns anspornen zur Liebe und zu guten Werken und ermahnt euch gegenseitig dazu.

3. Verlasst eure Gemeindeversammlungen nicht!

Beschlossen wird der Gedankengang mit der großen Begründung: Tut dies alles um so mehr, als ihr seht, dass sich DER TAG naht.

Brüder und Schwestern, hier ist vom Gottesdienst der Kirche die Rede. Dieser Gottesdienst wird gefeiert in einer Zwischenzeit, die von zwei Ereignissen markiert wird: Das Eine ist die Erlösungstat Jesu Christi, die ein für allemal geschehen ist und den Weg zum Vater frei gemacht hat. Das ist die Gewissheit, die die Christen miteinander verbindet.

Das andere ist nicht weniger gewiss, weil man - wie der Hebräerbrief sagt - das Kommen dieses Ereignisse bereits "sieht", gemeint ist: mit gläubigen, geistlichen Augen unmissverständlich sieht, nämlich DER TAG. Darunter ist natürlich der Tag des Herrn, also der Wiederkunft Christi in Herrlichkeit zu verstehen.

Und zwischen diesen Ereignissen feiern wir Gottesdienst. Ich sagte "Zwischenzeit" und hätte auch sagen können "Adventszeit". Nichts anderes ist nämlich die Zeit zwischen dem Opfer Jesu auf Golgatha und seiner Wiederkunft in Herrlichkeit - als Adventszeit, als Wartezeit auf den TAG, der sich für Christen unübersehbar naht.

Zum Gottesdienst gehört das Festhalten am Bekenntnis. Festhalten kann ich mich nur an etwas, was von außen Halt bietet. Bekenntnis ist nicht die Formulierung meiner Meinung oder meiner Gefühle. Das Bekenntnis ist gegeben, geschenkt. Und zwar vollkommen unabhängig von mir selbst. Nur darum kann ich mich daran festhalten und kann mit meinem Leben daran festhalten. Jesus Christus ist Gottes Sohn, ist mein Herr, der mich erlöst hat von allen Sünden, vom Tod und von der Gewalt des Teufels. Das ist damit gemeint. Dahinter stehen konkrete geschichtliche Ereignisse. Und eigentlich müssten diese Ereignisse und die Botschaft davon mich innerlich ergreifen und bewegen und auch in Bewegung bringen. Es müsste mir die Tränen in die Augen treiben, dass der allmächtige Gott die Welt so sehr geliebt hat, dass er seinen einzigen Sohn für sie in den Tod gegeben hat. Es müsste mir Kraft und Hoffnung und Stärke und Mut geben, dass sich durch diese Liebestat Gottes für mich die Zukunft geöffnet hat. Unwiderruflich. Ich müsste Fahnen des Glaubens schwingen und Lobpreishymnen singen. Es sollte mir deutlich machen, dass die Miterlösten meine Geschwister sind, dass wir alle zusammengehören zu einem Leib Christi, reingewaschen und befreit durch dasselbe göttliche Blut. Und es müsste in mir eine Sehnsucht auslösen, mit diesen Miterlösten zusammen frei und freudig einzutreten in das Heiligtum, mich mit ihnen zu versammeln vor dem Thron des Vaters, um in Gewissheit auf dem Weg zu bleiben, auf den anderen zu achten, ihn zu ermuntern und zu ermutigen, mit mir auf dem Weg zu bleiben bis zu dem Tag, dem Ziel, der Vollendung, die sich unaufhaltsam naht.

Liebe Brüder und Schwestern: Die Hochstimmung, die ich zu beschreiben versucht habe, die wird den meisten von uns durchaus nicht fremd sein. Wir kennen solche Gottesdienste und haben sie auch selbst schon erlebt: Erhebend, aufbauend, das Gemeinsame stärkend, das Bekenntnis des Glaubens kräftigend. Aber die geistliche Routine und Trägheit verhindert es oft, dass wir den Gottesdienst in diesem Bewusstsein feiern.

Vor einigen Wochen, kurze Zeit nach den Terroranschlägen, fand im Gemeindezentrum der serbisch-orthodoxen Gemeinde die Sitzung der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen statt. Ich war überaus überrascht, dass von vielen Teilnehmern sehr deutlich gesagt wurde: Jetzt ist die Zeit gekommen, wo wir als Christen Flagge zeigen müssen, wo wir unsere Hoffnung in Worte fassen müssen und auch nach außen klar sagen müssen, was die Christen dem Islam entgegenzusetzen haben. Und dann gingen wir zur Andacht in die serbisch-orthodoxe Kapelle und beteten zusammen das Vaterunser. Mehr nicht. Aber das hatten wir bis dahin in keiner einzigen Sitzung getan. Dabei fiel mir auf, dass das Vaterunser, obwohl von Jesus Christus hier gar nicht die Rede ist, das großartigste gemeinsame Bekenntnis der ganzen Christenheit darstellt, denn nur Christen wissen, dass Gott ihr Vater ist, Christus sein Sohn und wir als Kinder Gottes den allmächtigen Gott "Vater" nennen können. Dieses Gebet zusammen mit römisch-katholischen, serbisch- und syrisch-orthodoxen, evangelischen, baptistischen, adventistischen, methodistischen Christen zu sprechen, mit Vertretern der Herrnhuter Brüdergemeine, der Quäker, der finnischen Lutheraner - liebe Mitchristen, das war aufbauender, kräftiger und nachhaltiger als manche Predigt. Das Vaterunser stellt einem Christen unausgesprochen die ganze Heilstat Gottes vor Augen und ist darum Glaubensvergewisserung. Es schließt alle Christen der Erde in dem Wort "unser" über alle konfessionellen Unterschiede hinweg zu einer Familie der Kinder Gottes zusammen. Es ist darum auch eindrucksvolles Kern- und Grundbekenntnis zu Jesus Christus als dem Sohn Gottes und Herrn der Welt. Ein gebetetes Bekenntnis, in das niemand einstimmen kann, der daran nicht innerlich festhält.

Es ist ja schlimm genug, dass wir nicht einmal im Apostolischen Glaubensbekenntnis in der Weltchristenheit in jedem Punkt miteinander übereinstimmen. Aber es ist dann umso beglückender, im Vaterunser.

Die Moslems in Deutschland haben geschmackloserweise den 3. Oktober, den Tag der deutschen Einheit, zum Tag der offenen Moschee ausgerufen und damit nicht nur eine enorme Presseresonanz erfahren, sondern auch großen Zulauf von vielen Menschen, vor allem auch gutwilligen Christen, die nicht gemerkt haben, welcher Propaganda sie da aufgesessen sind. Wie würde es sein, wenn die Christen Hannovers sich am 3. Oktober 2002 darüber verständigten, zu einem bestimmten Zeitpunkt in ihren Kirchen eine Gebetsandacht für die Einheit der Kirche zu halten und sich anschließend vor den Kirchen, auf den Straßen und Plätzen versammelten, um nichts anderes zu tun, als unter Glockengeläut gemeinsam das Vaterunser zu beten oder zu singen und damit zweimal zu beten?

Die ganze Stadt würde widerhallen vom Bekenntnis der Hoffnung auf den Tag des Herrn Jesus Christus, wahrer Gott und wahrer Mensch, der Weg, Wahrheit und Leben für alle Menschen ist. Er allein und sonst niemand. Amen.