Predigt

(Pastor Gert Kelter am 14. Sonntag nach Trinitatis 2001, Kirchenmusikfest)

Jede Kirche ein Traumort.

Aber Jakob zog aus von Beerscheba und machte sich auf den Weg nach Haran
und kam an eine Stätte, da blieb er über Nacht, denn die Sonne war untergegangen. Und er nahm einen Stein von der Stätte und legte ihn zu seinen Häupten und legte sich an der Stätte schlafen.
Und ihm träumte, und siehe, eine Leiter stand auf Erden, die rührte mit der Spitze an den Himmel, und siehe, die Engel Gottes stiegen daran auf und nieder.
Und der HERR stand oben darauf und sprach: Ich bin der HERR, der Gott deines Vaters Abraham, und Isaaks Gott; das Land, darauf du liegst, will ich dir und deinen Nachkommen geben.
Und dein Geschlecht soll werden wie der Staub auf Erden, und du sollst ausgebreitet werden gegen Westen und Osten, Norden und Süden, und durch dich und deine Nachkommen sollen alle Geschlechter auf Erden gesegnet werden.
Und siehe, ich bin mit dir und will dich behüten, wo du hinziehst, und will dich wieder herbringen in dies Land. Denn ich will dich nicht verlassen, bis ich alles tue, was ich dir zugesagt habe.
Als nun Jakob von seinem Schlaf aufwachte, sprach er: Fürwahr, der HERR ist an dieser Stätte, und ich wusste es nicht!
Und er fürchtete sich und sprach: Wie heilig ist diese Stätte! Hier ist nichts anderes als Gottes Haus, und hier ist die Pforte des Himmels.
Und Jakob stand früh am Morgen auf und nahm den Stein, den er zu seinen Häupten gelegt hatte, und richtete ihn auf zu einem Steinmal und goss Öl oben darauf
und nannte die Stätte Bethel; vorher aber hieß die Stadt Lus. (1. Mose 28, 10-19)

Liebe Brüder und Schwestern,

kennt ihr das Gefühl, einfach nur unendlich müde zu sein? Ermüdet von den so sinnlos scheinenden Anstrengungen, den Tag zu überstehen, ermüdet von den aufreibenden aber doch so wenig von sichtbarem Erfolg gekrönten Kämpfen des Alltags. Ermüdet auch vom Kampf gegen mich selbst, bei dem ich immer wieder als Verlierer auf der Strecke bleibe. Die Unzufriedenheit mit deiner Situation treibt dich ins Grübeln und Nachdenken, ins Tagträumen und Wünschen, aber es verändert sich nicht und du musst zugeben: Es liegt auch an dir; da gab es falsche Entscheidungen, vorschnelle Begeisterung, zu hohe Erwartungen. Da gab es auch schlicht und einfach Schuld und Versagen. „Hätte ich doch nur..." so beginnen dann Gedankenkreise im Konjunktiv, die dann, wenn sie wieder in der Realität ankommen, die tiefe Müdigkeit nur noch verstärken durch die Erkenntnis: Ich habe aber nicht.

Sicher: Dieses Gefühl bestimmt dich vielleicht nicht jeden Tag des Lebens, ist nicht immer gleichermaßen zermürbend stark und zerschmetternd kräftig. Aber es gehört zu deinem Leben und macht dein Leben dunkel. Du möchtest weg von allem aber kennst kein Ziel. Und der dumme Spruch, dass der Weg das Ziel ist, trifft dich schmerzvoll. Nein, der Weg braucht ein Ziel, sonst bedeutet er nichts als richtungslose, hoffnungslose Flucht.

Eine Mensch auf der Flucht, liebe Gemeinde, todmüde, ohne wirkliches Ziel, gequält von schlechtem Gewissen, verfolgt von Rache und Todesgefahr, ein solcher Mensch ist Jakob.

Und nun ist ihm die Sonne untergegangen, es ist Nacht um ihn geworden. Für heute ist sein Weg zuende. Die letzte Etappe der Flucht ist die Flucht in den Schlaf.

Aber, Brüder und Schwestern, unser Mitleid für Jakob darf sich ruhig in Grenzen halten, denn ihn überfiel kein unabwendbares Schicksal, das ihn in die Flucht trieb, sondern er hat sich selbst in einem Netz aus Neid, Intrige, Falschheit und Egoismus gefangen. Schon bei seiner Geburt, berichtet die Bibel, greift er nach der Ferse seines Zwillingsbruders Esau, so als wollte er die Natur überlisten und sich das Recht der Erstgeburt, das Erbrecht des erstgeborenen Sohnes sichern. Jakob - das heißt übersetzt: „Fersenhalter". Und was ihm da nicht gelungen ist, holt er später nach, indem er eine Schwäche seines Bruders ausnutzt, und ihm für ein Linsengericht das Erstgeburtsrecht abkauft. Was noch fehlt, ist der väterliche Segen für den Erstgeborenen. Jakob erschleicht sich auf betrügerische Weise und mit Hilfe seiner Mutter, die er in seine Intrige hineinzieht, diesen Segen von seinem erblindeten, sterbenden Vater Isaak, der Jakob für Esau hält. Als der so betrogene Esau bemerkt, was geschehen ist, beschließt er, Jakob umzubringen. Rebekka warnt ihr Muttersöhnchen noch rechtzeitig. Aber für Jakob ist Haus und Heimat, Familie und Geborgenheit verspielt. Er muss fliehen.

Er läuft weg vor der Wahrheit, vor der Verantwortung für sein Tun, er läuft weg vor seiner Vergangenheit und vor sich selbst. Und erläuft weg vor dem Gott seiner Väter, dessen Willen, dessen Gebote er kennen müsste, dessen Segen zu unrecht auf ihm ruht.

Liebe Mitchristen: Das ist Jakobs Lebensgeschichte, aber das ist doch auch unsere Lebensgeschichte. Vielleicht nicht ganz so drastisch, nicht ganz so offensichtlich, vielleicht bürgerlicher und zeitgemäßer und vielleicht auch nicht.

Aber wiedererkennen kann ich da manches. Und wenn es am Ende nur die große Müdigkeit ist, die den Menschen auf der Flucht allen gemeinsam ist.

Liebe Gemeinde, vielleicht geht es euch ähnlich wie mir: Wenn die Gedanken kreisen, wenn ich nicht weiterkomme mit einem Predigtgedanken, einer Problemlösung, dann lasse ich manchmal einfach alles stehen und liegen und gehe joggen. Da konzentriere ich mich dann ganz auf den Laufrhythmus, das Atmen und denke eigentlich an gar nichts. Und ganz oft schon komme ich danach an den Schreibtisch zurück und habe eine Idee, einen weiterführenden Gedanken. Manchmal ist das so: Da braucht man das Abschalten, um wieder ganz neu einschalten zu können.

Und so geht es auch Jakob in seinem erschöpften Tiefschlaf. Alles versinkt in der Bewusstlosigkeit und es entsteht endlich in dem Dickicht der getriebenen, verkorksten, schuld- und angstbehafteten Gedanken ein Freiraum. Ein Raum für einen Traum, den Gott selbst schickt.

Jakob sieht in diesem Traum eine Leiter, die auf der Erde steht und mit ihrer Spitze den Himmel berührt. Und darauf steigen die Engel Gottes auf und nieder. Und Jakob hört im Traum, wie Gott spricht: Ich will dir Land geben, dir Nachkommen schenken und durch dich und deine Nachkommen alle Geschlechter auf Erden segnen. Ich bin mit dir und will dich behüten. Ich will dich nicht verlassen, bis ich alles getan habe, was ich dir zugesagt habe.

Jakob war auf der Flucht, auch auf der Flucht vor Gott. Aber Gott lässt sich nicht abschütteln. Er zieht sich nicht schmollend und beleidigt zurück und lässt uns Menschen in unserem selbstverschuldeten Sumpf einfach ertrinken. Er wartet nur geduldig, bis wir aufhören, um uns zu schlagen, uns selbst aus dem Sumpf zu ziehen. Und dann, in dieser Ruhe der Todesmüdigkeit, in dieser Stille vor dem nächsten Sturm, gibt er sich zu erkennen. Der fliehende, ruh- und rastlose Jakob ist wie ein Ertrinkender, der seinem Retter erst dann die Chance zur Rettung gibt, als er aufhört mit den Versuchen, sich selbst zu retten, als er aufgibt und kapituliert.

Das Erste, was Jakob nach dem Erwachen ausspricht, ist das Bekenntnis seiner Verblendung: Gott ist hier an dieser Stätte - und ich wusste es nicht. Das heißt: Gott ist keine Stammesgottheit, vor der man einfach weglaufen kann, wenn man den Ort wechselt. Gott lässt sich nicht einsperren in heilige Bezirke, wegsperren in feiertägliche Bereiche, die mit dem Alltag nichts zu tun haben. Und die Gewitterwolken, die sich über meinem Leben zusammenballen, die Nacht von Schuld und Depression, von Ausweglosigkeit und Hoffnungslosigkeit, der Himmel, gegen den ich gekämpft habe, der reißt auf, den reißt Gott über mir auf. Ja, Brüder und Schwestern, der Himmel öffnet sich über den Elenden und gibt den Blick frei in eine neue Zukunft, weil Gott zu seinem Wort, zu seiner Verheißung, zu seinem Segen steht: Er will, dass wir Zukunft und Hoffnung haben.

Gott ist da - trotz allem. Wir haben eine Woche hinter uns, nach der man fragen muss: Wirklich trotz allem? Trotz allem, was uns an der Gegenwart eines wachenden, die Menschen leitenden und schützenden Gottes wirklich zweifeln lässt? Trotz aller Grenzüberschreitung, bei der Menschen offenbar keinerlei Hemmungen und Hindernisse mehr kennen? Trotz aller Menschen- und Gottesverachtung? Oder vielleicht gerade da?

Es könnte doch so sein, dass wir alle „Fersenhalter" sind wie Jakob, der versuchte, der Natur ein Schnippchen zu schlagen, der den Ort, den Gott ihm zugewiesen hatte, nicht akzeptieren wollte, der unzufrieden und eifersüchtig, ehrgeizig und rücksichtslos versuchte, seine Erwartungen zu realisieren, seine Ideale zu verwirklichen. Es könnte doch sein, dass wir genau wie Jakob auf der Suche sind nach den „wirklich heiligen Stätten", nach dem ganz und gar heilen Leben, den besseren Umständen, die wir nie da wahrhaben wollen, wo wir gerade sind. Und es könnte doch sein, dass wir dann fliehen, weglaufen, uns selbst unseren Himmel auf Erden gestalten wollen und am Ende nur noch einen kalten Stein haben, auf den wir das müde Haupt legen können. Und es könnte schließlich sein, dass wir an solchen Endpunkten unserer Flucht erkennen: Gott ist da. Das, was wir für das Ende halten, die Talsohle unserer Lebensniederlage, die tragischen Wendepunkte auf der Routinestrecke falscher Sicherheit, das ist der Ort, das Land, das Gott uns gibt. „Das Land, darauf du liegst, will ich dir und deinen Nachkommen geben", sagt Gott Jakob in seinem Traum.

Das Land meines Lebens, aus dem ich zu fliehen versuche, wird mir von Gott selbst zum Land der Verheißung gegeben. Und darüber breitet sich Gottes geöffneter Himmel.

Liebe Gemeinde: In unseren Breiten steht fast an jeder Straßenecke eine Kirche. Aber eine Kirche ist kein aus sich heraus geheiligter Ort. Sie ist ein Denkmal, ein Merkzeichen dafür, dass Gott unseren Alltag heiligt, dass er unser Leben weiht und segnet, es uns anvertraut und zur Aufgabe macht; dass er will, dass wir bleiben und nicht weglaufen. Dass wir bleiben im Vertrauen auf Ihn und Seine segnende, begleitende, vor allem auch verzeihende Gegenwart.

Und jede Kirche ist auch ein Traumort. Aus sich heraus nur kalter Stein. Aber immer dann, wenn Menschen dort Gottes Wort hören, können sie Jakobs Traum erleben, können den Himmel offen sehen, können Segen empfangen und so den Alltag der Woche annehmen.

Jakob legt nach dem Erwachen einen Grundstein und nennt die Stätte Bethel, Haus Gottes.

Sein unstetes Leben auf der Flucht ist hier zuende. Sein Weg und sein Leben haben wieder ein Ziel.

Eines aber unterscheidet uns dann doch von Jakob, und das ist die Gewissheit, dass der Himmel über uns geöffnet bleibt. Dass es da nichts gibt, was die Verbindung zwischen Himmel und Erde, zwischen Gott und den Menschen, zwischen dem Vergänglichen und Ewigen jemals wieder zerstören könnte. Diese Gewissheit haben wir, weil wir glauben, dass Jesus Christus, Gottes Sohn, ein für allemal durch sein Leiden und Sterben der Sünde, dem Tod und allem, was uns in den Strudel der Vernichtung ziehen will, den Fluchtweg abgeschnitten hat.

Gott ist da - trotz allem. Das Motto dieses Kirchenmusikfestes kann man auf unterschiedliche Weise verstehen: Einmal als die Feststellung: Gott ist in Jesus Christus ein für allemal für uns als der segnende, vergebende, versöhnende Gott gegenwärtig, trotz unserer Schuld und gegen allen Augenschein einer Welt, die von Gott verlassen zu sein scheint. Und dann kann man dieses Motto aber auch noch mit einem Ausrufezeichen versehen und als tröstende Ermutigung verstehen: Gott ist da, also trotz allem: Deiner Schuld, denn Christus hat sie gesühnt, deinen Feinden, denn Christus hat sie besiegt.

Trotz allem, was sich da zwischen dich und Jesus Christus stellen will. Und manchmal ist es ein wirksames Mittel, dem allem zu trotzen, indem man Gott lobt und ihm ein Danklied singt, also:

<Trotz dem alten Drachen, trotz dem Todesrachen, trotz der Furcht dazu! Tobe, Welt, und springe; ich steh hier und singe in gar sichrer Ruh. Gottes Macht hält mich in acht, Erd und Abgrund muss verstummen, ob sie noch so brummen.>

Amen