Predigt

(Pastor Gert Kelter am 13. Sonntag nach Trinitatis 2001)

Geadelt durch Versöhnung.

Und es kamen seine Mutter und seine Brüder und standen draußen, schickten zu ihm und ließen ihn rufen.
Und das Volk saß um ihn. Und sie sprachen zu ihm: Siehe, deine Mutter und deine Brüder und deine Schwestern draußen fragen nach dir.
Und er antwortete ihnen und sprach: Wer ist meine Mutter und meine Brüder?
Und er sah ringsum auf die, die um ihn im Kreise saßen, und sprach: Siehe, das ist meine Mutter und das sind meine Brüder!
Denn wer Gottes Willen tut, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter. (Markus 3,31-35)

 

Sehr geehrte Damen und Herren,
wenn diese Predigt tatsächlich so beginnen würde wie die Tagessschau oder eine x-beliebige Ansprache, wären die meisten von euch sicher irritiert.

Als „sehr geehrte Damen und Herren" spricht man auf höflich-distanzierte Weise Menschen an, mit denen einen eigentlich nicht viel verbindet. Aber auch die heute häufiger verwendete Predigtanrede „Liebe Freunde" weckt manchmal Unbehagen, denn der, der mir da mehr oder weniger zufälligerweise das Wort Gottes zu verkündigen hat, muss ja nicht unbedingt mein Freund sein, damit ich es mir von ihm sagen lasse und er ist es eben auch nicht automatisch. Weder distanzierend, noch plump vereinnahmend ist darum die übliche Anrede „Liebe Brüder und Schwestern". Auch wenn kaum eine Pastorenparodie von Otto Waalkes oder anderen ohne diese - dann meist in salbungsvollem Tonfall vorgetragene - Anrede auskommt und damit signalisiert werden soll: Das ist von vorgestern, das ist frömmlerisch und nicht mehr zeitgemäß: Ich denke, wir würden das sehr vermissen und wir empfinden es auch als ganz selbstverständlich, als „Brüder und Schwestern" angeredet zu werden.

Brüder und Schwestern sucht man sich nicht aus nach den für Freundschaften üblichen Kriterien wie Sympathie, gleiche Interessen, dieselbe Wellenlänge. Brüder und Schwestern hat man. Das Verbindende zwischen Brüdern und Schwestern besteht darin, dieselben Eltern oder zumindest einen gleichen Elternteil zu haben, vom selben Blut zu sein.

Also, noch einmal von vorne:

Liebe Brüder und Schwestern, liebe Geschwister, die wir alle ein und denselben Vater haben, nämlich den Gott Israels, den Vater Jesu Christi, liebe Brüder und Schwestern, die wir alle durch die Taufe wiedergeboren wurden zu Kindern Gottes und seitdem eine Familie Gottes, die Gemeinde Jesu, die Kirche bilden: Wir sind heute hier, weil Gott selbst seine Vaterschaft über Rebecca und Joshua anerkennen, in Kraft setzen und besiegeln will. Wir sind heute hier, um unserem gemeinsamen Vater im Himmel dafür zu danken, dass unsere Familie größer geworden ist, größer um zwei weitere Gotteskinder, mit denen uns ab heute das Wasser der Taufe verbindet, das entgegen der volkstümlichen Redensart dicker ist als das Blut der Verwandtschaft.

Und wir sind hier, um diese beiden neuen Gotteskinder mit dem Gebet zu segnen, das zu sprechen zu den einzigartigen Vorrechten und Privilegien der getauften Kinder Gottes gehört, nämlich dem Vaterunser. Wir dürfen und wir sollen Gott „Vater" nennen.

Das Vaterunser im Gottesdienst ist darum auch nicht nur eine Art „Anhängsel" an das Allgemeine Kirchengebet, nicht nur eine Art „Tischgebet" vor der Feier des hl. Abendmahles, sondern ein Höhepunkt jeder gottesdienstlichen Feier, in der wir getaufte Kinder Gottes uns zusammenfinden vor unserem himmlischen Vater und ihn in Bitten und im Lobpreis anrufen.

Liebe Schwestern und Brüder, wenn gilt, dass das Wasser der Taufe dicker ist als das Blut natürlicher Verwandtschaft, stärker verbindet als das Blut der Sippe, dann kann es aber auch sein, dass die Zugehörigkeit zur Familie Gottes sich trennend auf unsere Zugehörigkeit zur natürlichen Familie auswirkt.

Unser Abschnitt aus dem Markusevangelium zeigt das ziemlich brutal und drastisch: Markus berichtet, dass die Mutter Jesu und seine Geschwister kamen und vor dem Haus stehen blieben, in dem Jesus sich aufhielt. Sie sind draußen. Die Art, in der Markus das betont und unterstreicht, lässt keinen Zweifel: Die leibliche Familie Jesu bleibt außen vor. Nur wenige Verse zuvor erfahren wir von Markus, dass die Familie Jesu von ihm sagte: Er ist von Sinnen. D.h., man hielt ihn und seine Verkündigung für verrückt. Sie nannten ihn „den Spinner". Als „verrückt" bezeichnen wir einen Menschen, der nicht auf dem Platz ist, auf dem wir ihn haben wollen. Aber es kann sein, dass Menschen, die wir für verrückt, für vom Platz der Norm und des Standards weggerückt halten, genau an dem Platz sind, an dem Gott sie haben will.

Und das gilt durchaus bis heute: Wer, wie es die benediktinische Ordensregel sagt, dem Gottesdienst nichts vorzieht, wer sich auch bei McDonalds nicht scheut, ein Tischgebet zu sprechen, wer auf ein Fußballspiel am Sonntagvormittag verzichtet, wer in seiner Berufswahl ganz andere Prioritäten setzt, als alle anderen, der wird sehr schnell und manchmal auch von den nächsten Angehörigen für einen weltfremden Spinner, einen komischen Kauz gehalten.

Ihr, liebe Taufeltern und Paten, habt heute die Aufgabe der christlichen Erziehung eurer Kinder und Patenkinder übernommen. Dazu gehört weit mehr, als nur die Vermittlung von Wissen und Kenntnissen, nämlich die Stärkung des Bewusstseins der Zugehörigkeit zur Familie Gottes, die Förderung einer Liebe dazu und eines christlichen Selbstbewusstseins, das es - wie man so sagt - „abkann", wenn man gegen Strom schwimmen muss, anders redet, sich anders verhält, kurz: wenn man von anderen für verrückt erklärt wird.

Jesus blickt auf die Menschen, die im Kreis um ihn herumsitzen und sagt dann: Wer ist meine Mutter und wer sind meine Geschwister? Das hier sind meine Mutter und meine Geschwister.

Also: das ist meine Familie. Und die, von denen da die Rede ist, werden bei Markus als „Volk" bezeichnet. Also handelte es sich nicht etwa nur um die Apostel und engsten Jünger. Jesus möchte alle Menschen zu Kindern des Vaters und damit untereinander zu Brüdern und Schwestern machen. Diese Einladung gilt ohne Vorbedingung zunächst einmal wirklich unterschiedslos allen Menschen. Und in Jesu Gegenwart sind sie es auch. Nicht, weil sie sich dazu entschlossen hätten, weil sie etwas vorweisen könnten, das sie dafür qualifiziert, sondern weil Jesus Christus da ist und sagt: Ihr seid meine Familie. Wenn man so will, haben wir hier auch eine biblische Belegstelle für die tiefe Berechtigung, ja die Notwendigkeit der Kindertaufe, der Taufe sogenannter „unmündiger Säuglinge", von denen Jesus dennoch sagt, dass Gott sich gerade aus ihrem Mund ein Lob zugerichtet habe: Wir tragen Kinder, die nichts aus sich heraus sind oder können in die Gegenwart Jesu Christi und lassen ihn sagen: Dies sind meine Brüder und Schwestern. Und dann sind sie’s.

Liebe Gemeinde, das ist ganz wichtig in einer Zeit, in der die alten Werte wie Ehe und Familie langsam zerbröckeln, in der das Single-Leben immer verbreiteter wird, aber im selben Zuge auch die Vereinzelung und Vereinsamung, dass wir wissen dürfen: Hier, in der Gemeinde, in der Kirche, habe ich einen Lebensraum. Da gehöre ich dazu, da ist meine Familie. Und da erwartet mich Sonntag für Sonntag ein Familienfest, wo sich alle - ganz gleich, welcher Herkunft, welches Bildungsstandes, welcher sozialen Schicht sie auch angehören - am Familientisch, dem Tisch des Vaters versammeln.

Nicht ganz zufällig ist die Feier der Taufe in unserem Bewusstsein auch eine Feier der Namengebung. Ein Name verleiht Identität. Wie schwierig ist das manchmal für Kinder, wenn sie nicht die Familiennamen ihrer Eltern tragen. In der Taufe verbindet Jesus Christus unseren Namen mit seinem Namen und wir heißen danach alle „Christ". Das ist unsere neue und unsere eigentliche Identität. Keine Scheidung, nicht einmal die Scheidung, die der Tod bewirkt, kann daran etwas ändern: Unsere Identität, unsere Gemeinschaft mit der Familie Gottes und damit auch unsere Gemeinschaft mit dem Vater, die bleibt.

So schön es sein mag, einen alten traditionsreichen Familiennamen zu tragen: Im Reich Gottes sind das allenfalls Spitznamen, zufällige Beinamen. Was zählt, was uns alle zum Uradel gehören lässt, ist der Name „Christ". Und wie Adel im allgemeinen auch verpflichten sollte, so erst recht dieser Name. Jesus nennt die seine Mutter und seine Geschwister, die seinen Willen tun, die ihren Willen immer gleichförmiger werden lassen mit dem Willen Gottes, die danach fragen, ihr Leben danach ausrichten.

Heißt das nun, dass wir letztlich unseren Adel im nachhinein zumindest bewähren, wenn nicht sogar nachträglich erwerben müssen? Was heißt denn im tiefsten Kern: Den Willen Gottes tun, sein Leben am Willen Gottes ausrichten? Gott will, dass allen Menschen geholfen wird und alle zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen. Diese Wahrheit heißt Vergebung und Versöhnung in Jesus Christus. Und der richtet sein Leben am Willen Gottes aus, der tut die Wahrheit, der aus der empfangenen Vergebung lebt, der diese Vergebung weitergibt. Alles andere, wirklich alles andere, ergibt sich daraus. Leben aus der Versöhnung mit Gott. Eher Geschenk als Verpflichtung ist das. Unser Taufgeschenk sozusagen, von Gott selbst durch Christus geschenkt.

Die Familie Gottes erhält heute neuen Zuwachs. Und wir freuen uns alle darüber. Im Stammbuch der Familie mag der nicht ganz seltene bürgerliche Name ‚Müller’ stehen. Im Buch des Lebens steht: Rebecca-Christin von und zu Christus, Joshua - Christ von und zu Christus. Im göttlichen Stammbuch des Lebens stehen sie und wir mit ihnen. Und nehmen wir es ganz wörtlich, was Jesus seinen Jüngern einmal gesagt hat: Freut euch, dass eure Namen im Himmel aufgeschrieben sind. Amen.