Estomihi 2. März 2014, von P. Heyn

(Die Predigt zum Mithören nach Manuskript: )
(Der komplette Gottesdienst zum Hören: )

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Predigt über Jesaja im 58. Kapitel:
So spricht Gott zum Propheten: Rufe getrost, halte nicht an dich! Erhebe deine Stimme wie eine Posaune und verkündige meinem Volk seine Abtrünnigkeit und dem Hause Jakob seine Sünden! Sie suchen mich täglich und begehren, meine Wege zu wissen, als wären sie ein Volk, das die Gerechtigkeit schon getan und das Recht seines Gottes nicht verlassen hätte. Sie fordern von mir Recht, sie begehren, dass Gott sich nahe. »Warum fasten wir, und du siehst es nicht an? Warum kasteien wir unseren Leib, und du willst‘s nicht wissen?« – Siehe, an dem Tag, da ihr fastet, geht ihr doch euren Geschäften nach und bedrückt alle eure Arbeiter. Siehe, wenn ihr fastet, hadert und zankt ihr und schlagt mit gottloser Faust drein. Ihr sollt nicht so fasten, wie ihr jetzt tut, wenn eure Stimme in der Höhe gehört werden soll. Soll das ein Fasten sein, an dem ich Gefallen habe, ein Tag, an dem man sich kasteit, wenn ein Mensch seinen Kopf hängen lässt wie Schilf und in Sack und Asche sich bettet? Wollt ihr das ein Fasten nennen und einen Tag, an dem der Herr Wohlgefallen hat? Das aber ist ein Fasten, an dem ich Gefallen haben: Lass los, die du mit Unrecht gebunden hast, lass ledig, auf die du das Joch gelegt hast! Gib frei, die du bedrückst, reiß jedes Joch weg! Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut! Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten, und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit des Herrn wird deinen Zug beschließen. Dann wirst du rufen, und der Herr wird dir antworten. Wenn du schreist, wird er sagen: Siehe, hier bin ich.

Liebe Gemeinde,
könnt ihr euch noch daran erinnern, als ihr als Kinder mal so eine richtige Strafpredigt von euren Eltern bekommen habt? So eine Strafpredigt, bei der man am liebsten im Erdboden versunken wäre und mit knallrotem Kopf sein Fehlverhalten aufgezeigt bekommen hat? So eine Strafpredigt, bei der ihr euch gewünscht habt, lieber eine Tracht Prügel zu bekommen als noch mehr von diesen schneidenden Worten ertragen zu müssen, die jedes wie ein Peitschenhieb schmerzen? Genau so stell ich mir die Situation vor, in der der Prophet Jesaja vor Gott stand und den Auftrag bekommt, seinem Volk eine Strafpredigt zu halten. Zu Anfang klingt es ja noch ganz erträglich. Da sagt Gott dem Jesaja, dass er bloß nicht kleinlaut sein soll, sondern seine Stimme erheben soll wie eine Posaune. Aber dann redet Gott sich so richtig in Rage! Der Prophet Jesaja kriegt die volle Breitseite des göttlichen Ärgers ab. Wahrscheinlich wäre er da auch am liebsten im Erdboden versunken und kein Prophet gewesen. Aber er war ein gehorsamer Mann Gottes und hat diese Strafpredigt aufgeschrieben. Er hat sie schriftlich festgehalten, damit auch ihr heute diese Strafpredigt bekommt – so wie ihr sie eben gehört habt! Da hat Gott Klartext geredet. Und das nicht zimperlich. Die Strafpredigt hat drei Teile:

1) Gott hasst die Scheinheiligkeit.
2) Gott liebt die echte Heiligkeit.
3) Gottes Ärger wandelt sich in Gnade.

1) Also erstens: Gott hasst die Scheinheiligkeit. Gott ist ungehalten, er ist ärgerlich, ja, er ist geradezu zornig über die Sünden seines Volkes, über eure Sünden. Aber nicht nur eure Sünden allein regen ihn auf, sondern viel mehr noch eure Scheinheiligkeit, mit der ihr euch ein frommes Mäntelchen umhängt. „Sie suchen mich täglich und begehren, meine Wege zu wissen, als wären sie ein Volk, das die Gerechtigkeit schon getan und das Recht seines Gottes nicht verlassen hätte. Sie fordern von mir Recht, sie begehren, dass Gott sich nahe.“ In diesen Sätzen können wir uns doch gut wiederfinden, oder? So verschiedene Frömmigkeitsübungen kennen wir doch aus unserem Leben auch. Dazu gehört der berechtigte Wunsch und die Vorstellung, dass Gott doch darauf reagieren müsste – und zwar so, wie wir das wollen. Und dann kommen die Fragen: Warum fasten wir, und Gott sieht es nicht? Warum erkennt Gott meine Frömmigkeit nicht an? Warum macht er nicht, was ich mir doch so sehr von ihm wünsche? Ich hab doch soviel für die Kirche getan! Und die moderne Version dieser Frage, die uns ständig und dauernd begegnet, und die wir selbst wahrscheinlich auch auf den Lippen und im Herzen haben: Warum lässt Gott das zu? So als ob er schuld wäre an dem Bockmist, den wir verzapft haben! Es ärgert Gott, dass wir fromme Leute sind oder wenigstens sein wollen, dass wir brav zur Beichte gehen und uns mit unseren Mitmenschen trotzdem nicht versöhnen. Sobald der Gottesdienst zu Ende ist, wird schon wieder gestritten. Dann ist alles vergessen, was wir eben noch feierlich bekannt und ausgesprochen haben. Dann bedrücken wir unsere Mitmenschen wieder. Es hat vielleicht keiner von euch Knechte, Sklaven oder Angestellte, denen er ein schweres, ungerechtes Joch auflegt. Aber wie ist das zum Beispiel in der Familie oder in der Gemeinde? Wem bürden wir da etwas auf, was derjenige gar nicht tragen oder ertragen kann? Und was bringt eine Fastenaktion „sieben Wochen ohne“ oder „sieben Wochen mit“, wenn sich im Herzen bei uns nichts ändert? „Ihr sollt nicht so fasten, wie ihr jetzt tut, wenn eure Stimme in der Höhe gehört werden soll“, sagt Gott. Das ist scheinheilig, das bringt Gott zur Weißglut, das bringt ihn richtig in Rage.

2) Deshalb der zweite Teil der Strafpredigt: Gott liebt die echte Heiligkeit. Ihm sind äußere Fastenübungen nicht so wichtig. Bei ihm zählt mehr, wie wir eingestellt sind, und was wir tun. Und damit wir uns nicht falsch verstehen: Es ist damit nicht gemeint, dass wir uns durch gute Werke bei Gott etwas verdienen könnten oder müssten. Das hat Gott gar nicht nötig. Aber er will, dass wir nach seinen Geboten und vor allem in seinem Sinn handeln. Und da wird es in dieser Strafrede ganz praktisch: „Das aber ist ein Fasten, an dem ich Gefallen haben: Lass los, die du mit Unrecht gebunden hast, lass ledig, auf die du das Joch gelegt hast! Gib frei, die du bedrückst, reiß jedes Joch weg! Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut!“ Das ist so klar und deutlich, dass man es eigentlich gar nicht mehr kommentieren muss. Den letzten Halbsatz könnte man vielleicht nochmal näher beleuchten: „entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut!“ Da steckt eine umfassende Aufforderung zur Hilfe für Mitmenschen in Not drin. Wir sollen in Gottes Sinn handeln, so wie es sein Sohn Jesus Christus auch getan hat. Neutestamentlich gesprochen ist das der Ruf in die Nachfolge Christi. Er ist Mensch geworden und hat sich den Menschen zugewendet. Er hilft uns, unsere Lasten und Mühsale zu tragen. Genauso sollen wir Menschen helfen, die unsere Hilfe brauchen. Der Ruf in die Nachfolge Christi hat eine wunderbare Verheißung.

3) Deshalb noch drittens: Gottes Ärger wandelt sich in Gnade. Wenn wir das tun, was Gott gefällt, dann wird Gottes Zorn besänftigt. Dann will er gnädig sein und sein Volk hören und ihm helfen. Die Bilder, in denen die Gnade Gottes gemalt wird, sind farbenprächtig und wunderbar: „Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten, und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit des Herrn wird deinen Zug beschließen. Dann wirst du rufen, und der Herr wird dir antworten. Wenn du schreist, wird er sagen: Siehe, hier bin ich.“ Wie schön ist es, wenn nach einer langen, dunklen und unruhigen Nacht die Sonne aufgeht, und alles in ein einzigartiges rötliches Licht getaucht wird! Wie schön ist es, wenn du endlich nach langer Krankheit gesund wirst an Leib und Seele! Wie schön ist es, wenn man von einem Menschen sagen kann, dass er es gut mit mir meint, und man ihm abspürt, dass er etwas Himmlisches an sich hat, etwas, das nicht von dieser Welt ist. Und wenn du zu Gott betest, dann wird er dir antworten und sagen: Keine Angst, ich bin doch da! Liebe Gemeinde, könnt ihr euch noch daran erinnern, als ihr als Kinder mal so eine richtige Strafpredigt von euren Eltern bekommen habt? Es gibt solche Momente, die vergisst man sein Leben lang nicht. Aber habt ihr das auch erlebt, dass die Eltern euch hinterher in den Arm genommen haben und gesagt haben: So, jetzt ist es auch wieder gut? Und der Zorn war verflogen und vielleicht sind ein paar Tränen der Befreiung geflossen? So stell ich mir den Propheten Jesaja vor, wie er damals von Gott den Auftrag zu dieser Strafpredigt bekommen hat. Und mit diesem Wissen sollt ihr heute nach Hause gehen, dass Gott euch nicht für immer böse ist, weil er es gar nicht sein kann. Denn er schaut auf seinen lieben Sohn Jesus Christus, der unsere Scheinheiligkeit und unsere Fehler und Schwächen einfach zugedeckt und weggenommen hat, so dass Gott sie nicht mehr sieht, und der uns in seine Nachfolge ruft, damit wir ihm immer ähnlicher werden. Amen.