Predigt

18.1.2009, 2. Sonntag nach Epiphanias, Pastor Michael Schätzel

Johannes 2, 1-11 (Reihe I)
Und am dritten Tage war eine Hochzeit in Kana in Galiläa, und die Mutter Jesu war da. Jesus aber und seine Jünger waren auch zur Hochzeit geladen. Und als der Wein ausging, spricht die Mutter Jesu zu ihm: Sie haben keinen Wein mehr. Jesus spricht zu ihr: Was geht's dich an, Frau, was ich tue? Meine Stunde ist noch nicht gekommen. Seine Mutter spricht zu den Dienern: Was er euch sagt, das tut. Es standen aber dort sechs steinerne Wasserkrüge für die Reinigung nach jüdischer Sitte, und in jeden gingen zwei oder drei Maße. Jesus spricht zu ihnen: Füllt die Wasserkrüge mit Wasser! Und sie füllten sie bis obenan. Und er spricht zu ihnen: Schöpft nun und bringt's dem Speisemeister! Und sie brachten's ihm. Als aber der Speisemeister den Wein kostete, der Wasser gewesen war, und nicht wusste, woher er kam – die Diener aber wussten's, die das Wasser geschöpft hatten –, ruft der Speisemeister den Bräutigam und spricht zu ihm: Jedermann gibt zuerst den guten Wein und, wenn sie betrunken werden, den geringeren; du aber hast den guten Wein bis jetzt zurückbehalten. Das ist das erste Zeichen, das Jesus tat, geschehen in Kana in Galiläa, und er offenbarte seine Herrlichkeit. Und seine Jünger glaubten an ihn.

 

In Washington wird gefeiert, liebe Gemeinde! Bis zu 2 Millionen Gäste könnten es werden, die in diesen Tagen die US-amerikanische Hauptstadt bevölkern, so die Medien. Anlass sind die mehrtägigen Feierlichkeiten aus Anlass der Amtseinführung des neuen Präsidenten. Die Hannoversche Allgemeine titelt an diesem Wochenende: „Auch die Oma von Obama reist an“ und erwähnt unter anderem, dass übermorgen nach der Vereidigung und der Antrittsrede von Barack Obama Washington zum Tanzparkett werde: „Auf zehn offiziellen Präsidentenbällen wird der Machtwechsel gefeiert.“
Eine reichlich große Gästeschar auf einer mehrtägigen Feier begegnet uns auch auf dem Hochzeitsfest, über das der biblische Reporter Johannes informiert. Verschiedene Details deuten darauf hin, dass viele Besucher geladen waren und überhaupt feierte man im alten Israel die Hochzeiten groß – und lange: eine Woche war Standard, manchmal wurden es auch zwei. Das war ein Kommen und Gehen und ein munteres Feiern: mit Essen und Trinken, Tanzen und Lachen.
Nicht die Oma von Jesus war angereist, aber seine Mutter: Manche meinen aufgrund verwandtschaftlicher Beziehungen, andere erwägen, sie sei vermutlich mittätig gewesen bei der Bewirtung der Gäste. Jedenfalls sieht sie die Katastrophe nahen und wendet sich in ihrer Ratlosigkeit an ihren Sohn, der sie zwar zunächst eher hart als herzlich abweist, sich ihres Anliegens dann aber doch annimmt.
Die Katastrophe, die Peinlichkeit, die Blamage: Mitten auf dem Fest, ein Ende ist noch nicht in Sicht, geht der Wein arg zur Neige. Und eine Hochzeit ohne Wein – das geht gar nicht! Tut es ja heute üblicherweise auch nicht.
Liebe Gemeinde, ich gebe es ehrlich zu: Ich gehöre zur Fraktion der unverbesserlichen Resteproduzierer. Wenn ich für die Bewirtung von Gästen einkaufe, fällt das immer ungleich üppiger aus als wenn meine Frau für dieselbe Besucherschar die Lebensmittel besorgt. Während meine Frau das richtige Augenmaß hat und die Mengen genau gut einschätzen kann, gibt es bei mir in aller Regel ein Zuviel, das das Maß an Anstandsresten deutlich übersteigt. Die Panik, es könnte nicht reichen und dann unangenehm und peinlich werden, blockiert die Vernunft. Diesbeüglich kommt nun natürlich diese biblische Hochzeitsgeschichte ganz und gar nicht beruhigend oder hilfreich daher: Das ist der Supergau: Mitten auf dem Fest ist der Vorrat an Wein aus: Der Bräutigam und sein Bankettmanager – Luther sagt: „Speisemeister“ – haben sich verrechnet, falsch kalkuliert. Wer immer von beiden die Planung verantwortet, mit dem möchte ich in diesem Moment nicht tauschen: Heiß und kalt würde mir werden. Wie peinlich. Was für eine Blamage: sich Missmanagement und/oder Geiz vorwerfen lassen zu müssen und den Gästen die Partystimmung zu verderben, ja, das vorzeitige Ende des Festes heraufzubeschwören.
Aber Jesus lässt es nicht zur Blamage kommen, er rettet die Situation, bevor die Bombe platzen kann. Da stehen die steinernen Behältnisse, in die das Wasser fürs Füßewaschen beim Betreten des Hauses gehört. Die Anweisungen Jesu sind ebenso knapp wie wunderlich und das Wunder kommt auch ganz ohne ein Wunderwort zustande. Unaufgeregt als sei es das Normalste von der Welt rettet der die beiden Verantwortlichen aus ihrer misslichen Situation und macht doch ihre Verwunderung komplett: Wo kommt dieser edle Qualitätswein auf einmal her – und dann in dieser Fülle: 600 Liter sind das, stellt euch das mal im eigenen Vorrat vor! Jedenfalls: Das Fest ist gerettet, es kann weiter gefeiert werden – und jetzt erst recht!
Liebe Gemeinde, dass Jesus sich dieser beiden Menschen in ihrer konkreten Situation helfend annimmt, ist am Anfang seines öffentlichen Wirkens gleich ein Vorgeschmack auf seine Art: den einzelnen in seiner konkreten Situation zu sehen und sich seiner anzunehmen. Wie heißt es im Kinderlied? „Kennt auch dich und hat dich lieb, kennt auch dich und hat dich lieb!“ Schön, dass du und ich uns darauf verlassen dürfen!
Und noch etwas wird gleich erkennbar: Jesus feiert und lässt feiern. Das ist ein Gedanke, der uns gar nicht mal so leicht eingeht: Andere Bilder von Jesus kommen uns ein, ernste, gewichtige, schwere, leidvolle, bedeutungsreiche. Und hier: Jesus feiert, bleibt nicht außen vor beim Tanzen und Lachen, entpuppt sich nicht als Spielverderber und Moralapostel, sondern wendet das jähe Ende des fröhlichen Hochzeitsfestes ab und macht das Weiterfeiern möglich.
Wir sollten dem durchaus Gewicht zumessen: dass Christus auch eine gesellige Seite hat, dass er menschliches Feiern mag und fördert. Natürlich: Alles hat seine Zeit, und alles hat sein Maß. Aber das lebensbejahende Signal unseres Herrn, wie es aus dieser Kana-Geschichte spricht, sollten wir nicht überhören. In Dostojewskis „Brüdern Karamasow“ sagt Aljoscha – während der Totenwache am Sarg seines geistlichen Vaters, des Staretz Sossima: „Nicht in ihrem Kummer, nein in ihrer Freude hat Christus die Menschen aufgesucht, als er zum ersten Mal ein Wunder tat. Zur Freude half er diesen Menschen.
Nun weist aber die Geschichte noch über das Geschehen dieser konkreten Hochzeit hinaus. Ganz am Anfang gibt es dafür gleich ein Signal: „Am dritten Tage“ geschieht, was Johannes berichtet. Am dritten Tage – das war doch was!? Na, klar: „Am dritten Tage auferstanden von den Toten“, sprechen wir im Glaubensbekenntnis. Am dritten Tage öffnet sich das Tor zum Leben ohne Ende, ohne Grenzen, ohne Einschränkungen: Weil Christus in seiner Auferstehung den Tod und alles, was uns die Qualität des Lebens abtöten will, endgültig besiegt hat, ist nun Leben möglich, das in seiner Befristung ohne Ende und in seiner Qualität ohne Vergleich ist. Für die kommende Heilszeit gebrauchen die Propheten des Alten Testaments die Bilder von der Hochzeit und von Wein in Fülle. Christus ermöglicht solches end-zeitliche Feiern. Ja, er überbietet alle Erwartungen: Er eröffnet ein auf ewig angelegtes – vollkommenes – Leben in Gemeinschaft mit ihm. Davon bricht schon etwa an auf dieser Dorfhochzeit nördlich von Nazareth. Davon bricht immer da etwas an, von Christus zum Zuge kommt: weil er, wo die festliche Stimmung abhanden zu kommen droht, wo uns nach Feiern nicht mehr der Sinn steht, zur Stelle ist, um uns aufzuhelfen. Und auch wenn ich Christus zutraue, dass er auch heute auf irdischen Festen Wunder wirken kann, ist mir das grundsätzliche Signal viel wichtiger: dass Christus sich der Störungen unseres Lebens annimmt und uns so unter die Arme greift, dass wir schon im Lichtkreis der himmlischen Hochzeitsfeier leben, in einem schon jetzt auf Ewigkeit angelegten Leben, das auch durch das unschöne, lästige Sterbenmüssen nicht aufgehalten werden kann und nicht endet. Schon jetzt und dann erst recht gilt, was sich in unserem Jugendliederbuch so findet: „Unser Leben sei ein Fest, heut und morgen und an jedem Tag:“ Wird so das schon vor dem Tod auf ewig angelegte Leben als Fest gesehen, dann erleben wir eben in der Vorläufigkeit dieser Zeit und Welt auch da manche Risse: Das mögen materielle Mängel sein, dass es an etwas fehlt; oder unliebsame Überraschungen, dass wir etwas versäumt oder vermasselt haben; oder unliebsame Begegnungen, in denen Streit aufkommt und böse Worte fallen; oder schlechte Stimmung, die sich breit macht, weil die Welt um uns herum so wenig Anlass bietet zu Ausgelassenheit. Oder was auch immer: Genau dahinein reicht die Nähe Christi. Genau da will er zum Zug kommen, Mängel auffüllen, Fehler vergeben, Besserung ermöglichen, Unfrieden heilen, Resignation wehren: ermöglichen, dass unser Leben wirklich ein Fest sei. Eines der Mittel, in denen er uns dazu spürbar verhilft, ist das Weinwunder, das sich ereignet, wenn wir das Abendmahl feiern: Da macht er Wein zum Träger seines Blutes, lässt Himmel und Erde sich berühren, kommt zu uns, in uns, wie es näher, inniger nicht sein kann: vergibt Schuld und stärkt für den weiteren Lebensweg: damit unser Leben ein Fest sei und wir im Horizont der himmlischen Hochzeitsfeier schon jetzt etwas erleben von der Freude, die sich Bahn bricht, von dem Leben, das zurecht so heißt, von dem Glück, das es bedeutet, Gottes Kind zu sein und Christi Bruder.
So ist er, dieser Jesus. So wirkt er. Wirkt darauf hin, dass unser Leben ein Fest sei. Am Ende heißt es als Reaktion auf dieses erste Zeichen, das Jesus tat: „Und seine Jünger glaubten an ihn.“ Dabei lasst auch uns bleiben: diesem Jesus zu vertrauen, rundum, von ganzem Herzen. Etwas Besseres kann uns nicht passieren. Amen.