Predigt

(Pastor Gert Kelter am 1. Sonntag im Advent 2002)

Die Ent-Hüllung des Messias

Als sie nun in die Nähe von Jerusalem kamen, nach Betfage an den Ölberg, sandte Jesus zwei Jünger voraus und sprach zu ihnen: Geht hin in das Dorf, das vor euch liegt, und gleich werdet ihr eine Eselin angebunden finden und ein Füllen bei ihr; bindet sie los und führt sie zu mir!

Und wenn euch jemand etwas sagen wird, so sprecht: Der Herr bedarf ihrer. Sogleich wird er sie euch überlassen. Das geschah aber, damit erfüllt würde, was gesagt ist durch den Propheten, der da spricht (Sacharja 9,9): »Sagt der Tochter Zion: Siehe, dein König kommt zu dir sanftmütig und reitet auf einem Esel und auf einem Füllen, dem Jungen eines Lasttiers.« Die Jünger gingen hin und taten, wie ihnen Jesus befohlen hatte, und brachten die Eselin und das Füllen und legten ihre Kleider darauf, und er setzte sich darauf. Aber eine sehr große Menge breitete ihre Kleider auf den Weg; andere hieben Zweige von den Bäumen und streuten sie auf den Weg. Die Menge aber, die ihm voranging und nachfolgte, schrie: Hosianna dem Sohn Davids! Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn! Hosianna in der Höhe! Und als er in Jerusalem einzog, erregte sich die ganze Stadt und fragte: Wer ist der? (Mt 21, 1-10)

Liebe Brüder und Schwestern in Christus,

jahrtausendealt ist die Sehnsucht des jüdischen Volkes nach der Heimkehr in ihre Goldene Stadt Jerusalem. Jerusalem ist bis heute und war immer der geistliche Mittelpunkt jüdischen Glaubens und Lebens. Die Sehnsucht richtet sich nicht nur nach der Stadt aus Steinen, sondern vor allem auch auf die Verheißungen, die Gott an diese Stadt geknüpft hat. Die alte Königsstadt wird Schauplatz für das Kommen des Messias, des endzeitlichen Königs von Israel und aller Welt sein.

Zu den hohen Festen strömten die Pilger aus ganz Israel und später auch aus der Diaspora vom ägyptischen Alexandria, über die griechischen und kleinasiatischen Städte bis Rom nach Jerusalem. Zum Passahfest, dem Höhepunkt des jüdischen Festjahres, versammelten sich zur Zeit Jesu über hunderttausend Pilger in der Heiligen Stadt, die ansonsten weniger als 50.000 Einwohner zählte.

Vor dem Goldenen Tor, auch Susa-Tor genannt, das geradewegs zum Tempel führte, stimmten die Pilger den 24. Psalm an und sangen: „Machet die Tore weit und die Türen hoch, dass der König der Ehren einziehe." Und aus dem Tempel kam die Antwort der Priester: „Wer ist der König der Ehren?", worauf die Pilger in das Bekenntnis zu Gott als dem einzigen und wahren König Israels einstimmten: „Es ist der HERR, stark und mächtig, der HERR, mächtig im Streite."

Ja, so stellten sich viele den Messias, den Erlöser Israels vor, als starken und mächtigen Kriegsherrn, der hoch zu Ross gegen Jerusalem zieht und die heilige Stadt Davids aus den Händen der römischen Besatzer befreit. Irgendwann, so dachten und ersehnten viele, würden sie wieder in den Toren einer freien Stadt Jerusalem stehen, wieder atmen können und das Lied der Erlösten singen.

Die sog. Gemeinschaft von Qumran, von der immer wieder, allerdings zu Unrecht, behauptet wird, sie sei sozusagen die geistliche Heimat Johannes des Täufers und Jesu selbst, war ein kriegerischer Männerorden, der sich durch Askese und körperliche Zucht auf den erwarteten messianischen „Heiligen Krieg" vorbereitete. Ihr hört richtig: Es gab und gibt auch im Judentum in bestimmten Gruppierungen die Vorstellung von einem Heiligen Krieg. Im Islam spielt ein Heiliger Krieg eine entscheidende Rolle und da, aber auch nur da, wo das Christentum vom biblischen Glauben abgefallen ist, wo sich die Kirche mit weltlicher Macht verbündete und vermischte, kam es auch hier zu solchen Vorstellungen, wie man das etwa im Blick auf die Kreuzzüge sagen kann.

„Wer ist der König der Ehren?" Das hörten wohl auch die Pilger, die sich mit Jerusalemer Bürgern mischten und einen merkwürdigen Menschen vor die Tore der Stadt begleiteten, der auf einem jungen Esel ritt.

Ein Teil dieser Schar gehörte zu den Jüngern, den Schülern und Anhängern dieses Mannes, der als Jesus von Nazareth bekannt war. Niemals hatte man ihn reiten sehen. Ein Wanderprediger, ein zu Fuß umherziehender Rabbi war er. Was hatte dieser Einzug zu bedeuten? Wer Ohren hatte zu hören, der musste in diesem Einzug die Inszenierung biblischer Verheißungen entdecken. Der Prophet Sacharja hatte angekündigt: „Du, Tochter Zion, freue dich sehr, und du, Tochter Jerusalem, jauchze! Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer, sanftmütig und reitet auf einem Esel, auf einem Füllen der Eselin."

Das war die andere Linie jüdischer Messiaserwartung, die unter dem Druck der römischen und der jahrhundertelangen Unfreiheit schon fast in Vergessenheit geraten war. Ganz offenbar will Jesus bewusst eine endgültige Antwort geben, die anders lautet als die, die die Menschen damals aus dem 24. Psalm herauslasen. Der HERR, stark und mächtig im Streite, ist der sanftmütige Gerechte, der als Helfer, als Bettelkönig, wie Luther ihn nannte, in Jerusalem Einzug hält. So und nicht anders, verborgen unter dem Gegenteil, erweist der Gesalbte, der Messias, der Christus Gottes sein Macht und Stärke.

Nur der, der freiwillig auf Macht und Stärke verzichten kann, ist in Wahrheit mächtig und stark. Das gilt übrigens auch für uns, wenn es darum geht, den eigenen Willen durchzusetzen: Wahre Autorität und Stärke kommt ohne Ellenbogen, Gewalt und Unterdrückung zum Ziel. Nur innere Schwäche hat äußere Gewalt, nur schwache Argumente haben hohe Lautstärke nötig.

Kann man das wirklich sagen: Jesus hat seinen Einzug „inszeniert", wie einer ein Theaterstück inszeniert? Ich denke, doch!

Jesus hatte jahrelang seine wahre Identität verborgen gehalten. Er hat sie offenbart durch seine Reden, durch seine Taten, seine Heilungen und Wunder. Aber immer, wenn einzelne Menschen daraufhin in ihm den Messias zu erkennen glaubten, hat er ihnen geboten zu schweigen, hat sich ihnen entzogen, als sie ihn nach der Brotvermehrung zum König machen wollten. Aber jetzt ist die Zeit gekommen. ER ergreift die Initiative, ER gibt die Antwort und er gibt sie klar und unmissverständlich für alle, die Gottes Wort kannten und sein Tun zu deuten und in den Zusammenhang der biblischen Verheißungen einzuordnen wussten.

War es Zufall, dass die zwei Jünger tatsächlich in Betfage den jungen Esel angebunden fanden? War es Zufall, dass der Besitzer des Esels den Jüngern das Tier fraglos überlässt, als die ihm zur Auskunft gaben: Der Herr bedarf ihrer?

Für Matthäus, der uns diese Ereignisse überliefert, gibt es solche Zufälle nicht. Immer wieder fügt er in seinen Bericht die staunende Feststellung ein: „Das geschah aber, damit erfüllt würde, was gesagt ist durch den Propheten."

Weil Gott, der den Zufall lenkt, mit IHM ist, weiß Jesus den Zufall voraus.

Jedes Détail des Einzuges Jesu hat eine tiefere Bedeutung. Warum ist es das Füllen einer Eselin, auf der Jesus reitet? Dass es sich um ein schon fast ausgewachsenes Jungtier handelte, wird übrigens daraus deutlich, dass dieses Füllen „angebunden" war. Das wäre weder nötig noch der Fall gewesen, wenn es sich um ein noch ganz junges, noch säugendes Fohlen gehandelt hätte, das freiwillig neben seiner Mutter stehen geblieben wäre.

Was hier bedeutsam ist: Auf diesem Jungtier war noch kein Mensch geritten. In allen Kulturen ist es das Königsrecht, als erster etwas in Gebrauch zu nehmen. Das reicht vom Recht der ersten Nacht mit den Jungfrauen des Volkes bis zu den Erstlingsgaben der Ernte eines Jahres, die dem König oder Fürsten zustanden.

Die Rabbiner sagten in einem Mischna-Traktat, lange vor Jesu Lebzeiten bereits: „Wer einen Esel im Traum sieht, hoffe auf das messianische Heil." Und Rabbi Jehoschua ben Levi überliefert um 250 eine uralte Vision, die man sicher nicht erst zu oder nach Jesu Lebzeiten in Umlauf gebracht und dann weiter überliefert hätte: „Der Menschensohn kommt auf den Wolken des Himmels – und arm und auf einem Esel reitend. Wenn Israel dessen würdig ist, kommt er auf den Wolken des Himmels; wenn es dessen nicht würdig ist, arm und reitend auf einem Esel."

Jesus will, dass alle, die Ohren haben, zu hören und Augen haben, zu sehen, es erkennen: Er ist der König. Aber was für ein König? Einer, der den Esel, das Reit- und Lasttier der armen Leute, nicht das erhabene Kamel oder das stolze Ross benutzt. Einer, der sich nicht auf einen kostbaren Sattel, sondern auf die verschwitzten Obergewänder seiner Jünger setzt.

Ob die Menschen, die das sahen, diesen Bettelkönig verhöhnen wollten, als sie ihre Kleider auszogen und vor ihm auf den Weg legten? Als sie Palmzweige abrissen, ihm damit zujubelten und sie als grünen Teppich vor ihm ausbreiteten? Ob sie trotz der ärmlichen Szenerie hofften, dass in Jesus der erwartete Messias Einzug hält, vielleicht getarnt, aber dann, hinter den Stadtmauern, mit aller Gewalt zuschlagend? Was die Menschen meinten, scheint gar nicht wichtig gewesen zu sein. Was einige dabei erkannten und viele viel später daraus ersahen, darauf kommt es an: „Hosianna dem Sohn Davids!" riefen sie nämlich mit den Palmzweigen in ihren Händen und zitierten damit den Jubelruf aus Psalm 118 (Vers 25), „Adonaj hohschiah-na!", in unseren Bibeln als „O Herr, hilf!" übersetzt.

Und einen Vers weiter heißt es dort auch: „Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn!" So wurden zum Passahfest die Pilger im Tempel empfangen. Hier wird es zu einem vielleicht unbewussten Bekenntnis zu Jesus als dem Christus.

Jesus lässt sich den Jubel gefallen und antwortet auch dadurch auf die Frage: Wer ist der König der Ehren? mit seinem „Ich bin es!". Ich bin der vom Propheten Jesaja verheißene Davidssohn, der Spross Davids aus der Wurzel Isais, der Israel erretten wird.

Bis heute ist es beim Laubhüttenfest Sitte, mit Laubsträußen in den Händen, den sogenannten „Hoschanoth", das ist die Mehrzahl von „Hoschanah", dem erhofften und ersehnten Messias „O Herr, Hilf! Hosianna!" zuzurufen.

Am Ende vermerkt Matthäus: „Und als er in Jerusalem einzog, erregte sich die ganze Stadt und fragte: Wer ist der?"

Liebe Gemeinde, wer ist der?

Ich kann es angesichts dieser Fülle von eindeutigen Hinweisen, Symbolen und ausdeutenden Handlungen gar nicht fassen, dass Israel bis heute immer noch diese Frage stellt und nicht in ihrer hebräischen Bibel, die für uns das Alte Testament ist, die Antwort finden kann. Dass Israel in seiner rabbinischen und schriftgelehrten Glaubenstradition bis heute nicht erkennt, dass alles darauf hindeutet, dass dieser Jesus der verheißene Messias, der Gesalbte Gottes, der Erlöser und Retter Israels und der ganzen Welt ist. Wie viel einfacher wäre es doch theoretisch für einen gläubigen Juden als für einen Heiden, zu dieser Erkenntnis zu kommen. Und wie viel schwerer ist es in der Praxis und in der Geschichte!

Gott betreibt kein Versteckspiel, keine Schnitzeljagd mit uns Menschen. Es liegt alles offen am Tage und wir brauchen nur hinzuhören und hinzusehen, um zu erkennen. Die Juden haben dabei das Vorrecht, das Privileg, den Messias in einem der Ihren erkennen zu können, ihn in ihrer Glaubensgeschichte finden zu können. Wir haben dabei das Privileg, dass Christus bis heute in den niederen Hüllen seines Wortes und seiner Sakramente zu uns kommt, mit uns spricht und an uns handelt.

Der Seher Johannes durfte einen Blick hinter die Kulissen der Weltgeschichte werfen. In seiner Offenbarung schreibt er: „Und ich sah den Himmel aufgetan; und siehe, ein weißes Pferd. Und der darauf saß, hieß: Treu und Wahrhaftig, und er richtet und kämpft mit Gerechtigkeit.(...) und trägt einen Namen geschrieben auf seinem Gewand und auf seiner Hüfte: König aller Könige und Herr aller Herren."

Das ist die Ent-Hüllung des Messias aus den niederen Hüllen. Da wird der Esel durch das königliche weiße Ross ersetzt. Und die Antwort auf die Frage „Wer ist der?" ist ein für allemal gegeben.

Wer Ohren hat in dieser lauten Adventszeit, die doch eine Zeit der Stille sein sollte, wer Augen hat zu sehen in dieser grellen Adventszeit, die doch dazu da sein sollte, in der Dunkelheit das Eine, helle Licht zu erkennen, das die Welt erleuchtet, wer ein Herz hat, das sich beschenken lassen kann in dieser käuflichen und verkauften Adventszeit, der bete mit: Komm, o mein Heiland, Jesu Christ, meins Herzens Tür dir offen ist. Ach zieh mit deiner Gnade ein; dein Freundlichkeit auch uns erschein. Dein Heilger Geist und führ und leit den Weg zur ewgen Seligkeit. Dem Namen dein, o Herr, sei ewig Preis und Ehr. Amen.