Predigt

(Pastor Gert Kelter am Fest der Erscheinung Christi (Epiphanias) 2001)

Ein Glanz, nicht von dieser Welt

Mache dich auf, werde licht; denn dein Licht kommt, und die Herrlichkeit des HERRN geht auf über dir!

Denn siehe, Finsternis bedeckt das Erdreich und Dunkel die Völker; aber über dir geht auf der HERR, und seine Herrlichkeit erscheint über dir.

Und die Heiden werden zu deinem Lichte ziehen und die Könige zum Glanz, der über dir aufgeht.

Hebe deine Augen auf und sieh umher: Diese alle sind versammelt und kommen zu dir. Deine Söhne werden von ferne kommen und deine Töchter auf dem Arme hergetragen werden.

Dann wirst du deine Lust sehen und vor Freude strahlen, und dein Herz wird erbeben und weit werden, wenn sich die Schätze der Völker am Meer zu dir kehren und der Reichtum der Völker zu dir kommt.

Denn die Menge der Kamele wird dich bedecken, die jungen Kamele aus Midian und Efa. Sie werden aus Saba alle kommen, Gold und Weihrauch bringen und des HERRN Lob verkündigen.

(Jes. 60, 1-6)

Liebe Mitchristen!

Liebe Schwestern und Brüder,

„mach dich auf und werde Licht", diese Worte lässt Gott durch seinen Propheten Jesaja der Stadt Jerusalem ausrichten. Jerusalem war zu der Zeit, als dieses Wort ergeht, eine zerstörte, heruntergekommene Stadt, die mehr Eulen und Schakale als Menschen zu ihren Bewohnern zählte. Das Heiligtum Israels, der Tempel, lag in Trümmern. Und die Menschen, die dort hausten, gehörten zu ersten, die aus der babylonischen Gefangenschaft nach Israel zurückgekehrt waren. Man sollte eigentlich denken, sie seien ja nun am Ziel ihrer Träume und Sehnsüchte angelangt, als sie wieder Heimaterde unter den Füßen hatten. Aber was war aus dieser alten Heimat geworden? Eine Wüste, die nicht die Spur von Hoffnung ausstrahlte, dass hier jemals wieder der Mittelpunkt der Anbetung und des Lobpreises Gottes stattfinden könnte. „Mach dich auf und werde Licht!" Wenn ich selbst mit meinen Hoffnungen Schiffbruch erlitten habe, wenn ich selbst zu solchen Wüstenbewohnern zähle, die tief enttäuscht, verbittert, traurig, in Depressionen gefangen, nur noch überleben und gar nicht mehr wissen, wie sich Leben anfühlt, dann wirkt eine solche Aufforderung zunächst wie ein Keulenschlag. Wo soll ich denn die Kraft hernehmen, Licht zu werden, zu leuchten? Dazu fehlt mir einfach die Energie. Ich bin so ausgelaugt, so müde und erschöpft und warte vielleicht mit letzter Kraft darauf, dass sich erfüllt, was in dem alten Poesiealbumspruch heißt: Wenn du glaubst, es geht nicht mehr, dann kommt von irgendwo ein Lichtlein her. Aber statt dessen, soll ich mich jetzt aufmachen und selbst Licht werden. Wie soll das gehen?

Liebe Gemeinde, es gibt immer Menschen vom Schlag der selbstbeherrschten Preußen, die mit aller Kraft versuchen, einer solchen Aufforderung aus eigener Anstrengung Folge zu leisten. Menschen, denen eingeprägt wurde: Du darfst nie aufgeben, du musst dich am Riemen reißen, weitermachen, nicht die Beherrschung verlieren, immer den Kopf hoch halten, auf dich kommt es an, der König ist der erste Diener des Staates, der Offizier muß Vorbild für die Mannschaft sein. Solche Offiziere sind Hausfrauen und Mütter, denen alles über den Kopf wächst und die doch weitermachen. Es sind Krankenschwestern, Menschen, die Angehörige zu pflegen haben, Lehrer, Sozialarbeiterinnen, Manager, Erzieherinnen, Pastoren, Ehefrauen, Politiker – Menschen, die sich ihrer Verantwortung bewußt sind, die ihr gerecht zu werden versuchen und dabei immer leerer, immer müder, immer ausgebrannter werden. „Burnout-Syndrom" –Ausbrennsyndrom nennt man diesen Zustand in der Psychologie heute.

Aufforderungen und Durchhalteparolen helfen da nicht, sondern verstärken den Schmerz manchmal nur noch. Aber eine Durchhalteparole ist das nicht, was Gott durch Jesaja dem depressiven Jerusalem da ausrichten lässt: „Mache dich auf, werde Licht; denn dein Licht kommt, und die Herrlichkeit des Herrn geht auf über dir! Denn siehe, Finsternis bedeckt das Erdreich und Dunkel die Völker; aber über dir geht auf der Herr, und seine Herrlichkeit erscheint über dir."

Das ist ein Gemälde aus Worten, das man sich vielleicht wirklich einmal als riesiggroßes Bild vorstellen sollte: Da liegt die ganze Welt in tiefster Finsternis. Und das, obwohl der Maler, so wie es sich gehört, Sonne und Mond eingezeichnet hat. Aber davon geht kein wirkliches Licht aus. Man kann die einzelnen Länder und ihre Bewohner erkennen. Erstaunlich, dass sie nicht alle traurige Gesichter haben. Viele lachen, wirken ausgelassen. Aber in gewisser Weise spiegelt sich in diesen Gesichtern der Völker eine innere Leere, eine Unerfülltheit, eine ganz tiefe, unbewußte Trauer über ein Leben ohne Sinn. Und der Betrachter merkt das und erkennt sich vielleicht sogar in diesen Gesichtsausdrücken wieder. Irgendwo dazwischen der kleine Ort Jerusalem, eigentlich auch in Dunkel gehüllt aber darüber ein helles, geradezu überirdisches, weder als Sonne noch als Mond zu identifizierendes Licht. Unwillkürlich wandern die Augen des Betrachters zu diesem hellen Lichtkegel.

Und obwohl der Maler Jerusalem noch eine Spur düsterer gemalt hat, als die übrige Erde, lassen sich die Gesichter der Bewohner genau ausmachen. Auf ihnen liegt nicht die schattenhafte, unbewußte Traurigkeit, die sich hinter den lachenden Minen der Völker verbirgt, sondern eine ganz andere, eine bewußte, verzweifelte Trauer. Das ist die Traurigkeit, die zurückbleibt, wenn Hoffnungen enttäuscht werden, wenn Verheißungen sich nicht erfüllen, wenn Ideale zerbrechen, wenn Sehnsüchte, die ein klares Ziel haben, nicht zu ihrem Ziel gekommen sind. Diese Gesichter scheinen zu sagen: Gott, warum hast du uns verlassen? Warum schweigst du zu unseren Gebeten? Warum bist du so fern? Und diese Gesichter haben alle eine Blickrichtung: Das zerstörte, verwüstete Jerusalem, der zertrümmerten Tempel. Ist das meine Blickrichtung, deine Blickrichtung? Stehen wir vielleicht vor den Trümmern unseres Lebens, vielleicht nur für uns sichtbar in einer scheinbar intakten, geordneten Umgebung, aber doch wirklich und spürbar für uns? Und sind wir darin wie die Jerusalemer, dass wir voller Fragen, Zweifeln und Klagen auf diese Trümmer sehen und dabei nicht merken, dass über unseren Köpfen ein Glanz aufgeht, der nicht von dieser Welt stammt?

Dann gilt auch uns, was Jesaja Jerusalem auszurichten hat: Mache dich auf, werde licht; denn dein Licht kommt, und die Herrlichkeit des Herrn geht auf über dir! Das heißt: Seht weg von euch selbst, von dem, was an Zerstörung in euch liegt und um euch herum, erhebt eure Häupter und seht, wie Gott selbst über euch als helles Licht scheint, stellt euch in diesen Lichtkegel und laßt euch davon bescheinen und hell machen.

Gemeint ist nicht nur ein Licht, das von Gott ausgeht, sondern das Licht, das Gott selbst ist, das erscheint über Jerusalem. Und das steht auch über der Kirche, auch über uns. Es ist der Glanz der Gegenwart Gottes, der jeden Gottesdienst überstrahlt. Und was für Jerusalem gilt, das müssen wir auch übertragen: Jerusalem ist ganz und gar im Dunkeln. Und wir sind es auch. Gottes Licht, Gott selbst in seinem Glanz ist nicht in uns, sondern immer „über Jerusalem", außerhalb unserer selbst. Und nur so ist Er der Retter und Heilbringer, der sich von uns im Glauben ergreifen lässt, an dem wir uns festhalten können, der uns von seinem festen Grund aus aus dem Sumpf unserer Dunkelheit ziehen kann. Und das dürfen wir nie verwechseln und vertauschen! Wenn wir anfangen, das Licht in uns zu suchen, wenn wir glauben, wir hätten zumindest den Zunder in uns, der nur noch durch einen himmlischen Funken zum Brennen gebracht werden müsste, damit wir selbst zur leuchtenden Fackel werden, wenn wir das tun, werden wir in verkrümmter, auf uns selbst fixierter einsamer Verzweiflung Schiffbruch erleiden.

Und darum ist es so gefährlich, denen Glauben zu schenken, die uns auf gesetzliche, drängerische Weise einreden wollen, wir sollten uns doch etwas anstrengen, um leuchtende Christusse zu werden und wir könnten das auch, wenn wir nur richtig wollten. Das Gesetz ist nur dazu da, uns unsere eigene Finsternis bewußt zu machen und uns zum Licht zu treiben, uns die Richtung anzuzeigen, aus der die Rettung kommt, den Glanz des Heilands und Erlösers. Und dann hat das Gesetz seine Aufgabe erfüllt und das helle Evangelium kann uns erleuchten, wie ein Licht ein buntes Kirchenfenster zum Leuchten bringt, aber doch nur, wenn es von außen anstrahlt. Ohne das Licht von außen, bleibt das Kirchenfenster eine düstere Sache.

Am Epiphaniasfest feiert die Kirche die Erscheinung Gottes in der dunklen Welt, die Erscheinung Jesu Christi, der von sich sagt: Ich bin das Licht der Welt, wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis.

Und die Kirche feiert das nicht nur als ein geschichtliches Ereignis, das durch Jesaja angekündigt wurde und das sich mit der Geburt Jesu in Bethlehem erfüllt hat. Sondern die Kirche feiert Epiphanias, die Erscheinung Christi in der finsteren Welt, als das sich immer wieder neu ereignende Wunder der Gegenwart Jesu Christi in seiner Kirche. Einer Kirche, die nicht aus sich selbst leuchtet und glänzt, sondern aus sich heraus immer noch so dunkel ist, wie Jerusalem. Einer Kirche, über der aber der Glanz Christi in seinem und durch sein Wort, in seinen und durch seine Sakramente immer wieder neu aufgeht.

Wenn dieses Wort erklingt, dann geschieht immer wieder das Wunder der Schöpfung: Die Erde war wüst und leer und es war finster auf der Tiefe. Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht. Und Gott sah, dass das Licht gut war.

Das Licht ist Schöpfung Gottes, erschaffen noch vor Sonne, Mond und Sternen und völlig unabhängig von allem, was sonst auf der Erde leuchten kann.

Am Epiphaniasfest denken wir auch besonders an die Mission. Mit Recht. Denn nehmen wir ernst, was im Buch Jesaja verheißen ist und nehmen wir aufmerksam wahr, was die Evangelien und die Apostelgeschichte über die Mission der ersten Kirche berichten, dann werden wir feststellen: Da haben nicht Menschen sich entschlossen, andere Menschen zu bekehren, mit Argumenten und Raffinesse zu überreden und zu überzeugen, sondern da ist immer Gottes Wort gepredigt worden. Da sind die Sakramente ausgeteilt worden. Und es hat sich das Wunder der Schöpfung ereignet und in der Finsternis und über der Finsternis ging das Licht der Welt auf und Menschen kamen dazu. Genauer gesagt: Der Herr tat hinzu, wie es im Neuen Testament immer wieder ganz bewußt heißt. Tat hinzu Menschen, die dem Licht nachfolgten.

Die ersten Mönche, die unseren germanischen Vorfahren den Weg zum Licht zeigten, taten das nicht, indem sie selbst leuchten wollten, von Hof zu Hof liefen und Heiden überredeten Christen zu werden, sondern indem sie Kirchen bauten, Altäre und Kanzeln, indem sie beteten, Gottes Wort predigten und das Hl. Mahl feierten und die tauften, die aus allen Richtungen zu dem Licht liefen, das über diesen Orten erstrahlte.

Darum ist es gut und aller Unterstützung wert, wenn auch die Lutherische Kirchenmission sich nicht als Traktatgesellschaft versteht, sondern als Gemeindegründungsdienst der Kirche. Darum ist es gut, einen Kirchbau in Gaborone, der Hauptstadt Botswanas genauso zu unterstützen und diese Vorhaben im Gebet zu begleiten, wie den Kirchbau in Gifhorn, in

 

Berlin-Marzahn oder in Dresden. Denn überall

da, und eben auch bei uns hier in Hannover,

wo das Evangelium rein gepredigt wird und die Sakramente der Einsetzung Christi gemäß verwaltet werden, da geschieht das Wunder von Epiphanias: Da ist Jesus Christus wirklich gegenwärtig, da leuchtet sein Licht über diesen an sich und aus sich finsteren Orten und die Heiden werden zu diesem Licht ziehen und die König zu diesem Glanz.

Man redet heute viel von der sog. Gehstruktur, die die Kirche wieder neu entdecken müsse anstelle der alten Kommstruktur. Gemeint ist damit oft: Es reiche nicht, nur Gottes Wort zu predigen und die Sakramente auszuteilen, um wirklich missionarisch zu sein und so darauf zu hoffen und zu warten, bis die Menschen kommen. Das stimmt, wenn damit gemeint ist, dass die Kirche –wie sie es von Anfang an getan hat- überall Orte aufrichten muß, an denen das Wort das Wunder der Schöpfung vollbringen kann, Orte, über denen die Herrlichkeit des Herrn aufgeht. Und hierzu einzuladen ist sicher wichtig und richtig. Aber kommen, kommen müssen und werden die Völker ohne Methoden, Techniken, Tricks und Kniffe. Nicht die leuchtenden Christen werden sie letztlich locken, nicht die glänzenden Fassaden der Kirchen, sondern das Licht, der helle Stern des Messias, der den Weg anzeigt und direkt nach Bethlehem führt zur Krippe mit dem Kind, das als Licht der Welt über der dunklen Erde leuchtet. Nach Bethlehem aber auf jeden Fall. In Palästina, in Botswana und auch zu dem in Hannover. Amen.