Predigt

(Pastor Gert Kelter am Erntedank-Sonntag 2001)

Der Götze wackelt.

 

Ihr sollt euch nicht Schätze sammeln auf Erden, wo sie die Motten und der Rost fressen und wo die Diebe einbrechen und stehlen.Sammelt euch aber Schätze im Himmel, wo sie weder Motten noch Rost fressen und wo die Diebe nicht einbrechen und stehlen.
Denn wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz.
Niemand kann zwei Herren dienen: entweder er wird den einen hassen und den andern lieben, oder er wird an dem einen hängen und den andern verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon. (Mt. 6, 19-21.24)

Liebe Brüder und Schwestern,

sicherlich ist die Frage gestattet, ob es denn nicht wenigstens am Erntedankfest einmal ohne einen Bezug zu den Terroranschlägen in den USA geht. Schließlich hört und sieht man seit 19 Tagen nichts anderes mehr und da wäre es doch gerade am Sonntag im Gottesdienst auch mal ganz schön, kein Kontrastprogramm geboten zu bekommen. Auf der anderen Seite stelle ich aber fest, dass sich solche Ereignisse nicht einfach verdrängen lassen, dass auch die Köpfe unserer Kinder und Jugendlichen voll davon sind und man von der Kirche gerade in solchen Situationen, deren Folgen ja noch gar nicht abzusehen sind, auch Antworten des Glaubens erwartet. Es wäre, meine ich, fast zynisch, angesichts der Fülle der Erntegaben nur fröhliche Lieder zu singen und das geistliche Nachdenken über das, was uns alle bewegt, vorübergehend auszuschalten. Richtig ist: Gott hat verheißen, dass nicht aufhören sollen Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht, solange die Erde steht. Richtig ist aber auch, dass unmittelbar auf die Erzählung von Noah und der Sintflut, die mit dieser Verheißung abschließt, der Bericht vom Turmbau zu Babel beginnt. Und das heißt doch: Im Rahmen der von Gott gesetzten irdischen Ordnungen verfolgen Menschen weiterhin -und eben auch nach der großen Menschheitskatastrophe der Sintflut- in Gedanken, Worten und Werken ihre Pläne, die so himmelweit von Gottes Plänen und Gedanken entfernt sind, ja, ihnen geradewegs entgegenstehen.

Als am 11. September das Welthandelszentrum zerstört wurde, berieten die Abgeordneten des deutschen Bundestages gerade über den Haushaltsentwurf der Regierung. Die Debatte über Geld und Finanzen wurde unterbrochen. Gut 14 Tage später, am 26. September, nahm man sie wieder auf. Aber schon am 13. September, also zwei Tage nach den Anschlägen, hörte man in den Nachrichten nicht mehr Berichte über die Katastrophe und ihre Opfer, sondern sorgenvolle Kommentare über die Folgen für die Weltwirtschaft, für den Börsenhandel, die Aktienkurse. Und am 15. September hörte ich zum ersten Mal öffentliche Fragen nach den Kosten, die der Terror verursacht hat und dies im Zusammenhang mit dem Wiederaufbau des Welthandelszentrums. Und -vergessen wir das nicht- über den Wiederaufbau zweier monströser Türme auf einem Boden, der zum Grab von weit über 6000 Menschen geworden ist.

Der deutsche Bundeskanzler gab eine Regierungserklärung ab, in der er das Attentat als Angriff auf die Symbole für das bezeichnete, was „die Welt im innersten zusammenhält." Gemeint hatte er die Werte von Freiheit, Menschenwürde und Demokratie, als er den Satz Goethes zitierte, den der seinen Faust sprechen ließ. Aber sind die Türme des Welthandelszentrums wirklich Symbole für Freiheit, Menschenwürde und Demokratie? Ragten sie nicht vielmehr als Symbole für Geld, Wirtschaft und die Macht von Geld und Wirtschaft in den Himmel Manhattans? Und hatte der Bundeskanzler nicht ungewollt recht mit seiner Bemerkung, dass heute die Macht des Geldes das ist, was diese Welt, in der wir leben, im innersten zusammenhält? Gott oder Mammon?

Die Macht des Geldes und die Kraft unseres Wohlstandes haben uns jahrzehntelang den Aufbau der sprichwörtlichen Spaßgesellschaft ermöglicht. „Spaßhaben" koste es, was wolle - und keineswegs Werte wie Freiheit, Menschenrechte oder Gerechtigkeit prägen das Leben sehr vieler Menschen der westlichen Welt. Und auf einmal gab es einen Filmriss und die Spaßgesellschaft legte betroffen und schockiert eine Schweigeminute ein, sagte das Lärmen und Tanzen und Konsumieren für wenige Tage ab. Aber eben nur für wenige Tage, um dann das Oktoberfest beginnen zu lassen. Man redet viel über die furchtbaren Terroristen, den bösen Islam und die effektivsten Möglichkeiten, beides zielsicher zu bekämpfen. Aber wer redet über die geistliche Bedeutung, die möglichen geistlichen Deutungen dieses dramatischen Einschnittes im Weltgeschehen? Auf einmal ist nichts mehr sicher. Zwei Flugzeuge in der Hand von Verbrechern können alles auf den Kopf stellen. „Aber ich habe doch eine Lebensversicherung", sagt da einer. Schön, aber das Geld, das du da einzahlst, wird in Aktienfonds angelegt, um für die Versicherungen noch mehr Geld zu bringen. Und wenn die Börse kracht, dann kannst du deine Lebensversicherung vergessen. Und da hört der Spaß auf.

Liebe Gemeinde, das, was die Welt im innersten Zusammenhält, das Weltgeheimnis, das Faust suchte und doch nicht fand, weil er es nicht in Gottes Wort suchte und sich statt dessen Mephisto, den Teufel zum Verbündeten seiner Wissenschaft machte, das, was unsere ganz persönliche Welt im innersten zusammenhält, ist das, woran wir unser Herz hängen. Jesus sagt: Wo euer Schatz ist, da ist auch euer Herz. Und Luther verdeutlicht diesen Satz in seiner Auslegung des 1. Gebotes im Großen Katechismus: Woran du nun, so sage ich, dein Herz hängst und worauf du dich verlässt, das ist eigentlich dein Gott.

Wenn heute alle schreien: Zeitenwende, nichts wird mehr sein, wie es war, alles hat sich verändert; wenn plötzlich sehr, sehr vielen Menschen der Boden unter den Füßen weggezogen zu sein scheint, dann frage ich mich schon: Woran haben wir unser Herz gehängt, worauf haben wir uns zutiefst verlassen? Auf Gott und seine Verheißungen wohl weniger, denn die können durch zwei Flugzeuge nicht zerstört werden.

Wenige Verse nach unserem Predigtabschnitt bringt Jesus die Sache auf den Punkt, wenn er sagt: Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon.

Üblicherweise übersetzen wir das aramäische Wort „Mammon" mit Geld. Manche Ausleger meinen, Mammon sei ein ganz bestimmter heidnischer Götze gewesen. Was Mammon aber wirklich meint, wird deutlich, wenn man sich die sprachlichen Wurzeln des Wortes genauer ansieht. Darin steckt nämlich die aramäisch-hebräische Wurzel a-m-a-n, die uns auch durch das Wort ‚Amen’ geläufig ist. Und a-m-a-n bedeutet: Festmachen, zuverlässig sein. Der Mammon ist also nicht einfach nur das Geld, auch kein bestimmter heidnischer Götze, sondern alles, worauf wir uns im Leben verlassen , worauf wir unsere Sicherheit bauen, was wir für unseren Lebensinhalt und das Allerwichtigste halten. Im übertragenen Sinne: Der Gott, den wir neben und damit gegen den einen, wahren Gott Israels, den Vater Jesu Christi anbeten, der Gott, dem wir unsere Altäre errichten.

Aber der Götze wackelt. Und in diesen Tagen haben wir es erlebt, dass die Götzen unserer Zeit nicht nur wackeln, sondern auch stürzen können. Unser Erntedankaltar ist ein Gegensymbol: Wir sehen elementare Gaben, die wir als Zeichen der Dankbarkeit niedergelegt haben: Brot, Wein, Lebensmittel. Sie machen uns bewusst, dass wir allen Grund zur Dankbarkeit und zur Zufriedenheit haben. Gott hat uns mit allem, was wir wirklich brauchen, täglich und reichlich versorgt. Und er hat uns sogar Überfluss geschenkt, nicht, damit wir ihn horten, neidisch auf die sehen, die noch mehr haben, eifersüchtig darauf achten, dass uns niemand den Überfluss streitig macht, sondern damit wir aus dem Überfluss Gutes tun, teilen, Freude machen. Das kann unser Überfluss an materiellen Gütern sein. Das kann aber auch unser Überfluss an innerer Fröhlichkeit und Hoffnung sein. Das kann auch unser Überfluss an Zeit sein, die uns geschenkt wird, weil wir in unserer Überflussgesellschaft nicht mehr 20 Stunden arbeiten müssen, um das tägliche Brot, das Überlebensnotwendige zu sichern. Zeit, die wir für andere Menschen investieren können, in sinnvolles Engagement für Kirche und Gemeinde oder soziale Einrichtungen. Und über dem von Dankesgaben überfließenden Altar erhebt sich das Bild des Gekreuzigten, so als wollte er sagen: Bleibt mit euren Blicken nicht am Überfluss´, am Brot, an den vergänglichen Gütern kleben, sondern blickt nach oben.

Wenn man in Wuppertal mit der Schwebebahn von Elberfeld nach Barmen fährt, kommt man an der Grenze zwischen beiden Teilstädten an einer Kirche vorbei, an deren Rückseite die Inschrift zu lesen ist: Mag auch der Erdball wanken, das Kreuz bleibt fest bestehn. Das wäre doch ein gutes, ein sinnvolles Erntedankfest, wenn wir nicht nur trotz der schlimmen Ereignisse der letzten Wochen, sondern vielleicht gerade deshalb wieder ganz entdeckten, was wir alles haben, wofür wir danken können, was wirklich zählt und was wirklich hält, worauf Verlass ist und bleibt, wenn alle falschen Sicherheiten von Motten und Rost oder anderen irdischen Instrumenten zerfressen werden. Denn nötiger als Brot und alle guten Gaben ist, dass wir dich, Herr Christ, auf unsrer Wegfahrt haben. Amen.