Beichtansprache

(Pastor Gert Kelter am 18 Sonntag nach Trinitatis 2001)

Heimsuchung

Ich, der Herr, dein Gott, bin ein eifernder Gott, der die Missetat der Väter heimsucht bis ins dritte und vierte Glied an den Kindern derer, die mich hassen, aber Barmherzigkeit erweist an vielen Tausenden, die mich lieben und meine Gebote halten. (2.Mose 20,5-6)

Liebe Beichtgemeinde,

diese Verse gehören nach dem biblischen Wortlaut zum 1. Gebot. Luther hat sie im Kleinen Katechismus aus diesem Zusammenhang gelöst und sie als Abschluss seiner Auslegung der 10 Gebote unter der Frage „Was sagt nun Gott von diesen Geboten allen?" wie eine Zusammenfassung verstanden. Ich gebe zu: Auch ich - wie viele Ausleger, Prediger und Lehrer - drücke mich gerne um diese Verse, weil sie, so wie sie uns üblicherweise in der Lutherübersetzung begegnen, dunkel sind, zu vielen Fragen und durchaus zu manchem Zweifel Anlass geben. Sie wollen nicht unserem Gottesbild vom barmherzigen Vater entsprechen. Ein eifernder Gott scheint uns hier zu begegnen, der Unschuldige für etwas büßen lässt, was ihre Vorfahren getan haben - das kann doch nicht derselbe Gott sein, der uns in Jesus Christus nahegekommen ist.

Natürlich kann man diese Aussagen wörtlich verstehen und hätte dann eine Antwort auf die Frage, warum so viele offenkundig unschuldige Menschen leiden müssen. Sie haben eben das Pech, in dritter oder vierter Generation Nachfahren großer Missetäter und Sünder zu sein. Aber dass es so nicht zu verstehen ist, nicht einmal in ausschließlich alttestamentlichem Zusammenhang und ohne den Blick auf Christus, das ist jedem klar. Wie aber dann?

Zunächst liegt hier ein Übersetzungsproblem vor, dessen Schwierigkeiten ich nicht in Kürze erläutern kann. Nur soviel: Man kann den hebräischen Text auch etwas anders übersetzen und viele Übersetzer haben sich auch so entschieden, nicht zuletzt begegnet uns diese sprachlich durchaus korrekte Alternativ-Version auch in den Katechismusfassungen der neueren Auflagen unseres Gesangbuches. Da heißt es dann: „Ich, der Herr, dein Gott, bin ein eifernder Gott, der an denen, die mich hassen, die Sünde der Väter heimsucht bis zu den Kindern im dritten und vierten Glied;" Die Heimsuchung erfolgt also im strafenden Sinn genauso nur an denen, die Gott hassen, wie auch die Wohltaten denen gelten, die Gott lieben. Niemand wird also für etwas haftbar gemacht, was er nicht selbst zu verantworten hätte, weder im Guten noch im Bösen. Damit ist sicherlich ein großer Teil der Schwierigkeiten, die wir beim Hören dieser Worte sonst haben, geklärt. Bleibt aber die Formulierung, dass die Sünde der Urgroßväter, Großväter und Väter auf die jetzt lebenden Generationen Auswirkungen hat. Darin liegt eine tiefe Wahrheit, die wir uns vielleicht viel zu selten bewusst machen. Eine Wahrheit um die bleibenden Folgen jeder einzelnen Sünde.

Am Beispiel der Umweltverschmutzung, man spricht ja heute auch gerne in diesem Zusammenhang von „Umweltsünden", lässt sich das gut verstehen: Wenn unsere Generation die Umwelt schädigt, vergiftet, Raubbau betreibt, dann hat das Folgen für die nachkommenden Generationen, oft genug Spätfolgen, die wir selbst gar nicht mehr erleben werden, unter denen aber unsere Kinder oder Enkel und Urenkel noch zu leiden haben, die für die Ursachen nicht verantwortlich sind.

Nachvollziehbar ist auch das Beispiel einer werdenden Mutter, die nachlässig mit ihrer Gesundheit umgeht, vielleicht raucht und trinkt, Drogen nimmt und damit ihr Kind schädigt. Auch das ein Beispiel dafür, dass Unschuldige unter den Folgen der Sünden vorangegangener Generationen leiden müssen. Aber was an diesen genannten Beispielen noch gut verständlich ist, gilt ganz grundsätzlich und generell von dem, was wir gegen Gottes Gebot tun oder lassen, sagen oder denken. Es hat Folgen. Es gibt ein Anwachsen der Sünde unter den Menschen, das die Bibel auch bezeugt. Jede einzelne Sünde löst eine Lawine aus.

Wenn uns das bewusst ist, werden wir uns zugleich auch der Verantwortung bewusst, die wir haben. Wir sind als einzelne Christen nicht nur für uns selbst verantwortlich, sondern immer für den ganzen Leib Christi, insbesondere für die konkrete Gemeinde, in der wir leben. Wie eine Wunde, auch wenn sie sich nur an einer Stelle des Körpers befindet, den ganzen Leib beeinträchtigt, so beeinträchtigt die Sünde des Einzelnen immer das Ganze.

Und die Folgen der Sünde, die bleiben auch und setzten sich fort, wenn dem Einzelnen die Sünde vergeben ist, wenn er sie aufrichtig bereut hat. Selbst ein Mörder ist vor Gott nicht verloren, wenn er wirklich umkehrt, bereut, an Christus glaubt und um Vergebung bittet. Aber der Ermordete wird nicht wieder lebendig, die Hinterbliebenen bleiben in ihrer Trauer und müssen mit dem Verlust leben, und auch die Familie des Mörders muss mit den Folgen leben.

Setzen wir statt des vielleicht für uns sehr fern klingenden Begriffes „Mord" einmal „Rufmord" oder „üble Nachrede" ein, also Verhaltensweisen, wie sie uns auch in unserer Gemeinde leider durchaus begegnen, dann rückt uns die Dimension der Sünde und ihrer zerstörerischen Folgen nicht nur für den Einzelnen, sondern auch für das Ganze einer Gemeinde vielleicht bedrängend und bedrückend näher. Denn gerade die Sünde gegen das 8. Gebot wirkt wie eine ätzende Säure und die Folgen sind in einer Gemeinde oft erst nach Jahrzehnten in vollem Ausmaß zu spüren. Dann nämlich, wenn aus einer scheinbar harmlosen Verleumdung ein Parteienkampf gewachsen ist, wenn keiner dem anderen mehr trauen kann, wenn die Schlichtung von Streitigkeiten und Missverständnissen Kräfte bindet und eine Gemeinde lähmt, wenn die Fröhlichkeit einem kritischen Missmut weicht und am Ende eine Gemeinde nicht mehr zusammenfinden kann. Nach Jahrezehnten können dem, der den Stein ins Rollen gebracht hatte, längst seine Sünden vergeben sein. Ja ein solcher Mensch kann lange gestorben sein und mit seinem Herrn im Reinen und trotzdem haben seine Nachkommen noch unter dem Gift zu leiden, das er einmal verspritzt hatte.

 

Liebe Beichtgemeinde, darum brauchen wir auch nicht nur als Einzelne immer wieder Vergebung und Neuanfang, darum ist es nötig, dass wir uns auch als Gemeinde immer wieder unter Gottes richtendes, also: die Sünde offenbarendes und zugleich zurechtweisendes Wort stellen, dass wir als Gemeinde um Vergebung bitten und auch als Gemeinde Versöhnung empfangen. Und schließlich - das ist ganz wichtig - sollen wir diese empfangene Versöhnung auch leben, weitergeben, mitteilen. Es war früher in vielen Gemeinden üblich, dass man sich vor dem Abendmahlsgang mit seinen Brüdern und Schwestern versöhnte, vor allem, wenn tatsächlich etwas zwischen ihnen stand und sich nach dem Abendmahl gegenseitig die Hand reichte und sich Gottes Segen wünschte. Wo das nicht mehr allgemein üblich ist, wird aber doch das Vaterunser vor jeder Sakramentsfeier gebetet, in dem es heißt: Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern. Gut, wenn das dann nicht nur der Pastor betet, sondern die ganze Gemeinde. Und noch besser, wenn - wie es in der Form B vorgesehen ist - die Gemeinde mit dem Friedensgruß vor dem Sakramentsempfang gesegnet wird: Der Friede des Herrn sei allezeit mit euch, und darauf antwortet: Ja, so soll es sein. Amen.